Waldorf Lector Testbericht: Vocoder und mehr

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Waldorf Lector Testbericht

Die graphische Oberfläche als Intro für den Waldorf Lector Testbericht

Was ist es?

Der Waldorf Lector ist ein Vocoder für Windows und Mac OS X, also die virtuelle Variante eines elektronischen Geräts, mit dem schon Kraftwerk, Giorgio Moroder und viele andere Musiker ihre Stimme mit einem roboterartigen Klang versahen oder ganz allgemein durch verschiedenste Sounds in stimmähnlichen Artikulationen ersetzten.

Das Plugin, das mittlerweile auch in einer 64-Bit-Variante und für die VST3-Schnittstelle vorliegt, splittet das Audiosignal in bis zu einhundert Frequenzbänder auf, deren Intensitäten die Lautstärken der gleichen Anzahl von Bandpassfiltern in der Synthesesektion steuern. Zuvor kann das Signal per Equalizer und Multimode-Filter bearbeitet werden.

Waldorf Lector Testbericht

Die graphische Oberfläche als Einstimmung auf den Waldorf Lector Testbericht


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Waldorf Lector Testbericht

Was ist ein Vocoder?

Ein Vocoder-Klang wird aus zwei Signalen erzeugt. Zunächst wäre da das sogenannte Analysesignal (»Modulator«). Dabei handelt es sich wie schon angesprochen meist um Stimmen, es können aber auch beliebige andere Signale genutzt werden. Vom Analysesignal werden lediglich das Frequenzspektrum und die Dynamik, also der Lautstärkenverlauf extrahiert. Die Tonhöhe oder harmonische Strukturen werden ignoriert.

Diese werden nämlich vom Trägersignal (»Carrier«) bestimmt, das andererseits auch für das Timbre des letztendlichen Signals zuständig ist.

 

Installation und erster Eindruck

Die Installation war schnell erledigt, wobei ich jedoch nicht gefragt wurde, in welches Verzeichnis ich den Lector installieren möchte. Hier hätte ich gern mehr Freiheiten gehabt. Immerhin gibt es die Möglichkeit, nur genau die Komponenten zu installieren, die ich wirklich benötige – 32 und/oder 64 Bit, VST2 und/oder VST3, das PDF-Handbuch sowie die mitgelieferten Samples und Sounds.

Das PDF-Handbuch liegt in deutscher und englischer Sprache vor. Es ist gut lesbar, sehr ausführlich und ausreichend bebildert.

Die graphische Benutzeroberfläche des Lector ist nüchtern und ausreichend klar strukturiert, so dass Du dich schnell zurechtfinden solltest. Die leichten räumlichen Effekte, die durch Schattenwürfe und die Reflexionen der virtuell-metallischen Drehregler erzielt werden, tragen zur Plastizität und somit zur »Greifbarkeit« bei. So auch die Sektionen für die verschiedenen Effekte und mehr, deren aktiver Status durch einen leuchtenden Knopf angezeigt wird. Die Größe der Bedienelemente ist den heute üblichen Auflösungen und Bildschirmdiagonalen angemessen. Soweit also alles in Butter.

 

Eingangsbereich

Zunächst kannst du das Analyse- und/oder das Trägersignal komprimieren. Dieser Kompressor ist rudimentär gestaltet, der Threshold-Wert wird beispielsweise automatisch geregelt. Lediglich die Input-Lautstärke und die Kompressionsrate lassen sich verstellen. So stellt diese Sektion eine bescheidene Möglichkeit der Klangkorrektur bereit, anstatt als Mixing-Effekt durchzugehen.

Mit dem »Unvoiced Detector« kannst Du Feintuning betreiben, um die letztendlich resultierende Vocoder-Stimme verständlicher zu machen. Dabei werden bei Bedarf nichttonale Signalanteile wie Rauschen hinzugemischt. Klappt gut und ist ein feines Helferlein, um die angestammte Königsdisziplin für einen Vocoder – die Stimmenbearbeitung – noch differenzierter zu gestalten. Standardmäßig wird das Analysesignal (beim Lector stark vereinfachend »Speech Input« genannt) durch den Unvoiced Detector geschickt, doch es gibt auch die Möglichkeit, stattdessen das Trägersignal dafür zu nutzen. So sind experimentelle Klänge möglich.


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Synthesizer

Der Synthesizer ist 16-fach polyphon und hat zwei Oszillatoren. Dabei stehen jeweils Sinus, Dreieck, Sägezahn, Rechteck mit regelbarer Pulsbreite, Rauschen, ein externes Sidechain-Signal (siehe unten) und Sample & Hold zur Verfügung. Zusätzlich hast Du die Möglichkeit, Samples zu importieren oder aus 16 mitgelieferten (darunter Horn, Glockenspiel, Streicher, Gong und Flöte) zu wählen.

Nicht ungewöhnlich ist der Halbtonregler, der Poti zur Frequenzmodulation (nur OSC 1) ist schon seltener, dazu kommt noch ein Detune-Regler (nur OSC 2), um Pads und Bässe mit leichter Verstimmung richtig schön lebendig und fett zu machen. Auch die Tonhöhe lässt sich per Drehregler modulieren. Die Outputs beider Oszillatoren lassen sich stufenlos mischen.

Das Filter ist sehr umfangreich, bietet es doch neben Tief-, Band- und Hochpass noch einen Kerbfiltermodus (Notch) und ein einen sogenannten Whitening-Filter, der die Formanten bei Chor- und Stimmensamples zuverlässig entfernt. Flankensteilheiten von 12 und 24 dB/Oktave, Keytracking für die Filtergrenzfrequenz und ein Verzerrer mit Röhren-, Transistor- und Clipping-Modus sind an Bord. Der Filterhüllkurvengenerator bietet Reglern für Attack, Decay sowie separate Parameter für die Hüllkurvenstärke (statisch) und Velocity, womit in diesem Fall die Intensität der Hüllkurve je nach empfangener Anschlagstärke gemeint ist.

Portamento, Glissando, Legato, ein Ringmodulator und ein LFO mit sechs Wellenformen für das Filter komplettieren das Aufgebot des Synthesizers. Beim LFO hätte ich mir Optionen zum Retriggering und zur Phasenverschiebung der Wellenform gewünscht, um noch mehr Einfluss auf taktgenaue rhythmische Muster zu bekommen. Schade, dass hier Potential verschenkt wurde.

Alles in allem gestaltet sich der Synthesizer recht ansehnlich und ist für den alleinigen Einsatz als Trägersignalerzeuger beinahe zu schade – gut, dass er auch als vollwertiges eigenständiges Instrument erklingen kann, auch wenn er mit den Platzhirschen der Branche bei Weitem nicht mithalten kann. Andererseits ist oft gerade die Einfachheit Trumpf.

 

Filterbänke

Im Herzen des Plugins lassen sich das Analyse- und das Trägersignal in einem zweigeteilten Bereich getrennt regulieren. Hier gibt es jeweils eine Spektralanzeige und eigene Reglern zur Klangkontrolle. Mit der Anzahl der Bänder und deren oberen und unteren Grenzfrequenz im Spektrum wird dem Sound der grundsätzliche Charakter vorgegeben, wobei Du sehr flexibel vorgehen kannst, gibt es doch 3 bis 100 Bänder, in die Du die beiden Signale splitten kannst. Weiterhin steht ein Resonanzregler zur Verfügung, mit dem Du den Klang so richtig schön kreischen und metallisch klimpern lassen kannst, um den eigentlichen »Signature Sound« eines Vocoders zu verstärken.

Waldorf Lector Testbericht

Die Frequenzbänder

Der Modulationsbereich macht das Ganze für Frickler noch interessanter. Hier steht ein dedizierter LFO bereit, erneut mit sechs Wellenformen und der Option zur Synchronisierung mit dem Host-Tempo. Dieser lässt die oberen und unteren Grenzfrequenzen des in Bänder gesplitteten Trägersignals hin- und herschwingen. So wird der Vocoder-Klang erst richtig dynamisch, schönes Feature.

Schließlich gibt es noch einen einfachen, aber sehr willkommenen Equalizer, der sehr nützlich erscheint, um das Signal noch vor den Effekten, auf die ich gleich zu sprechen komme, zu formen.

 

Effekte

Die große Effektsektion sitzt im Signalfluss ganz am Ende der Bearbeitungskette. Hier gibt es Overdrive, Chorus, Delay und Reverb. Allesamt klingen vielseitig konfigurierbar. So lässt sich der Chorus wahlweise mit zwei, vier oder sechs Stimmen betreiben, der Overdrive in drei Arten verwenden und die Geschwindigkeit des Delays modulieren. Sehr bemerkenswert angesichts der Tatsache, dass es sich um eine Beilage in einem sonst für andere Aufgaben vorgesehenen Plugin handelt.

Schade, dass es keine alternativen Routing-Möglichkeiten für die Effekte gibt. So werden sie stets über das Gesamtsignal gelegt und lassen sich nicht spezifisch auf die einzelnen Signalstränge des Analyse- oder Trägersignals applizieren. Das ist aber etwas, was ich nur mit sehr streng angelegten Maßstäben zu beanstanden habe, denn die Effekte sind fein und vielgestaltig, wie man es von einem Vocoder sonst nicht kennt.

Waldorf Lector Testbericht

Die feine Effektsektion

Sonstiges

Im Folgenden möchte ich noch einige Punkte aufführen, die nicht so recht in die bisherigen Kapitel dieses Testberichts passen, dem Lector aber sehr gut zu Gesicht stehen oder erwähnt werden sollten.

Eines meiner persönlichen Highlights ist, dass Du das Analyse-, das Träger- und das aus diesen beiden generierte Vocoder-Signal stufenlos in beliebigen Anteilen mischen kannst. Dadurch sind sehr differenzierte Sounds möglich.

Wenn Du das Plugin als VST3 oder als AU lädst, kannst Du per Sidechaining beliebige Signalquellen als Trägersignal verwenden, anstatt auf den integrierten Synthesizer zurückgreifen zu müssen. Das kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, schließlich stehen dir somit unter anderem sämtliche virtuellen Synthesizer zur Verfügung, mit denen Du den Grundklang deines Vocoder-Sounds selbst bestimmen kannst.

Bleibt eigentlich nur noch zu sagen, dass die Beschriftungen auf der graphischen Oberfläche hier und da etwas größer hätte ausfallen dürfen, insbesondere im oben links befindlichen Display.

Übersicht Waldorf Lector Review

PRO

  • Flexible Filterbänke mit 3 bis 100 Bändern
  • Freie Mischanteile der Analyse-, Träger- und Vocoder-Signale
  • Feines Effektarsenal
  • Passabler integrierter Synthesizer mit Sample-Funktion
  • Sidechain-Eingang für das Trägersignal

CONTRA

  • Unveränderliches Installationsverzeichnis
  • Teils sehr kleine Schrift

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Fazit zum Waldorf Lector Test

Der Waldorf Lector ist weit mehr als ein schlichter Vocoder. Die Möglichkeit, über die Sidechain ein externes Trägersignal einzuspeisen, die zahlreichen sehr gut klingenden und vielseitig einstellbaren Effekte sowie die flexible Filterbank versetzen dich in die Lage, ausgefeilte, dank LFOs sehr lebhaft modulierbare und in allen denkbaren Geschmacksrichtungen ertönende Vocoder-Klänge zu erstellen. Die Software hat das Zeug dazu, dein Vocoder auf Lebenszeit zu werden.

Um schnell mal eben wie Kraftwerk zu klingen, ist der Lector haushoch überqualifiziert. Es ist nicht nötig, ein so komplexes Tool zu kaufen, wenn es dir nur um den kurzweiligen, hier und da eingestreuten Effekt der Roboterstimme geht. Das kannst Du auch günstiger und vor allem mit einfacherer Bedienung haben. Doch dann würdest Du dich um eine ganze Menge Spaß bringen – die Einarbeitungszeit lohnt sich, gerade mit extern eingespielten Trägersignalen rockt das Ganze.

Leider ließ mir die Setup-Routine des Lector nicht die Wahl, in welchem Verzeichnis ich das Plugin installieren möchte, sondern ratterte ungefragt drauflos. Ein weiterer Kritikpunkt ist die stellenweise schlecht lesbare Beschriftung auf der graphischen Oberfläche.

Doch da all dies nicht wirklich schwerwiegt, beschließe ich meinen Waldorf Lector Testbericht mit exzellenten fünf von fünf Punkten.

Inhaltsverzeichnis // Waldorf Lector Test

  1. Was erwartet dich?
  2. Review
  3. Pro & Contra
  4. Fazit
  5. Wertung

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EXZELLENT

Waldorf Lector Testbericht am 07.04.2012

Produkt:      Waldorf Lector
Hersteller:  Waldorf

Preis:  149,00 Euro
UVP:    169,00 Euro

Kurzfazit

Mehr als ein Vocoder. Dieses Plugin vereint einen sehr ausgereiften Vocoder-Part mit vier ausgezeichneten Master-Effekten und Sidechaining.

Für wen

Klangforscher und Liebhaber ausgefeilter Effekte

Wichtige Merkmale
  • Vocoder
  • Plugin für Windows & Mac OS X
  • Bis zu 100 Frequenzbänder
  • Overdrive, Chorus, Delay, Reverb
  • Sidechain-Eingang für Trägersignal

 

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