Kolumne: Wie passen Zensur und Musik zusammen?

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Zensur Musik

Wie passen Zensur und Musik zusammen? Und warum zensiert niemand die Abendnachrichten? | Bild: Maia Valenzuela via Flickr.com CC BY 2.0

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»Weißt Du noch wie’s früher war …«

Zensur, Auftrittsverbote und Ausbürgerung: In der DDR hat das keinen mehr schockiert. »Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.« Das sagte damals Walter Ulbricht zum Verbot der Beat-Musik in der DDR. Die Beatles galten damals als das Tor zur imperialistischen Hölle.

»Alles ist besser als es damals war …«

Ist es heute wirklich anders? Ein Blick auf die indizierten Tonträger lässt deutlich erkennen: Mit Zensur haben wir es auch heute noch zu tun. Als Musiker ist das im ersten Moment sicherlich einfach nur Einschränkung der Kunst und Freiheit.

Im nächsten Moment denke – zumindest ich – dass es doch etwas engstirnig ist, Platten zu verbieten, auf denen »H*rensohn« und das passende F-Wort dazu gerappt oder gesungen wird. Gleichzeitig sitzen die Kids aber am Fernseher und sehen Nachrichten, in denen tote Kinder, Kriegsverwüstung und Neonazis vorgeführt werden.

Hä? Wobei fühlt man sich schlechter? Wenn man einem Kind erklären muss, dass auf der Welt so viele Menschen unter Krieg und Hunger leiden. Oder ist es schlimmer, einem Kind zu erklären, dass sich manche Musiker eben nicht gewählt ausdrücken?

Musik ist Maßstab und Sprachrohr

Musik verdirbt die nächste Generation! Waren die Beatles nicht früher schon den Eltern ein Dorn im Auge? Und die Reaktion der Eltern, wenn man als Teenager mal eine Marilyn-Manson-Platte aufgelegt hat. Von Hip Hop fange ich jetzt gar nicht erst an. Musik beeinflusst und Musik wird beeinflusst – der Kreislauf ist schlüssig und einleuchtend. Die Musik wird inspiriert durch Alltagssituationen und Erlebnisse. Musik wiederum beeinflusst Denkansätze und Meinungen. Das passiert – Zensur hin oder her.

Exkurs: Marilyn Manson im Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Marilyn Manson wurde mehr als einmal mit Auftrittsverboten belegt. Man gab ihm sogar die Schuld am Amoklauf an der Columbine Highschool 1999.

»Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen.«

Ganz Amerika war in heller Aufruhr. Demonstrationen gegen den Musiker wurden initiiert – schließlich soll seine Musik Schuld an allem gewesen sein. Das ist schon mehr als Zensur. Und das im »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«. Wo Waffen legal zugänglich sind und Munition im Supermarkt verkauft wird.

Statt Probleme in der Gesellschaft also am Schopf zu packen, sollen die Symptome und Auswirkungen daraus eingeschränkt werden? Lieber Platten zensieren und Auftrittsverbote verhängen als tatsächlich zu überlegen, was helfen könnte? Und dieser Absatz gilt allen Ländern der Welt.

Zurück zur Zensur

Ist Zensur nun richtig oder falsch? Muss man differenzieren? Und was ist mit z.B. mit rechtsradikaler Musik? Wenn wir alle ganz offen und gegen Zensur sind, dürfte auch hier nicht zensiert werden. Oder doch?

Das Thema bietet so viel Stoff für Kontroverse, dass ich selbst gar nicht weiß, auf welcher Seite ich stehe. Aber Du hast vielleicht eine Meinung dazu? Lass sie mich wissen und schreib mir einen Kommentar! Ich habe irre Lust auf Austausch!

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Lesermeinungen (14)

zu 'Kolumne: Wie passen Zensur und Musik zusammen?'

  • Mike   14. Mai 2017   09:24 UhrAntworten

    Musik ist immer ein Abbild der Gesellschaft. Und deshalb bringt Zensur gar nichts. Nicht einmal bei rechtsradikaler Musik. Bis diese auf dem Index landet hat sie sich tausendfach verkauft oder wird im Netz unter der Hand verbreitet. Ausserdem macht der Index alles nur reizvoller für die Kids. Der Index ersetzt vor allem keine Erziehung. Die Werte, die einem vermittelt werden, spielen doch eine hundert mal größere Rolle. Wer in jungen Jahren den Inhalt von Musik nicht bewerten und gegebenfalls differenzieren kann, der wird sich auch ohne Musik schnell verleiten lassen. Wir haben auch brutale Filme gesehen und Kool Savas gehört. Trotzdem ist keiner Killer geworden oder betrachtet Frauen als reine Fickobjekte.

  • Timo Jan Knoll   14. Mai 2017   10:47 UhrAntworten

    In der jetzigen Zeit oder besser Welt ist es um so moderner ein großes Ego oder Individuum zu sein und dieses auch großflächig auszuleben. Ich meine es sollte hauptsächlich die Aufgabe der Eltern sein oder auch Lehrer oder Erzieher jungen Menschen zu zeigen was es eher für negativ oder positive Musik gibt. Später wird sich sowieso jeder Mensch selbst entscheiden. Ich liebe es auch mal ein Schimpfwort oder ein harten Beat zu hören und nicht ständig liebe, schöne Worte und alles ist gut Musik. Oder willst du am Freitag Abend in der Disco Cro oder Adele hören? Oder Too Short ? Oder 2LiveCrew ? Oder . . . ?

  • Martin Moretime Gündüz   14. Mai 2017   11:56 UhrAntworten

    Find ich total ****, denn *** **** ***** *** *** und außerdem *** ** ********* *** ****** **.

  • Iwo Angelow   14. Mai 2017   12:18 UhrAntworten

    na ja Auslegungssache, denke ich...bei einigen stücken, überwiegend aus der deutschsprachigen -Rap "Kunst" , so Ghetto-style- finde ich eine Abtreibung angebrachter, aber wie gesagt, Auslegungssache.... Volksmusik hat ja auch seine Daseinsberechtigung... unzensiert.. -lach-

    • David Heck   14. Mai 2017   14:30 UhrAntworten

      Absolut daneben, Zensur geht GAR NICHT. Bei verfassungsfeindlichen Aussagen ist das was anderes aber sonst... nein.

    • Andreas Girard   14. Mai 2017   16:43 UhrAntworten

      Was ist den eine verfassunglfeindliche Aussage? Ist Anachy in the UK von den Sex Pistols schon eine verfassungsfeindliche Aussage? und was ist mit sexistischen und homophoben Aussagen im Rap? Das ist also künstlerische Freiheit, davon zu singen wie ich Frauen auf dem Strich schicke und mir damit meinen dicken Benz finanziere?

  • Ignomus   14. Mai 2017   13:07 UhrAntworten

    Ich halte auch nichts von Zensur. So sehr ich gewaltverherrlichende, rechtsradikale, etc. Inhalte verabscheue. Die Darstellung von Gewallt ist nun mal auch nichts strafbar.
    Jetzt kann man wieder darüber debattieren, wie Menschen einen Film wahrnehmen und wie Musik. Bzw. was sie daraus auf die Realität übertragen. Aber liegt das nicht wieder in / an der Intelligenz jedes Einzelnen?

  • John   14. Mai 2017   14:27 UhrAntworten

    Ich finde Zensur scheiße! Allein schon weils nicht fair ist. Wie oft hört man brutale Kraftausdrücke im Fernsehen oder wie sich Leute im Harz-4-TV sich anfauchen, und keinen interessierts. Ein "Fuck" in einem Lied und schon wird daraus ein Piep.
    Außerdem verfälscht es das Lied, was auch nicht cool ist.

  • Dennis van Sing   14. Mai 2017   15:47 UhrAntworten

    Zensur? Nein danke.
    Aber wenn ein Sender sagt "So in dieser Form mit diesem Text spielen wir den Song nicht" dann ist das dessen gutes Recht. Nur weil ein Sender eine Plattform für Musik ist heißt das noch lange nicht dass dort jeder gespielt wird.
    Und wenn dann von Künstlerseite (oder Management/Label) aus der Song geändert wird hat das wenig mit Zensur zu tun sondern eher mit verbiegen des eigenen Schaffens für andere.

  • Robin Henn   14. Mai 2017   17:25 UhrAntworten

    Es gibt noch "Zensur" :D Und das zu Zeiten bei denen 16 jährige Mädels in ihren "Musikvideos" in engster Leggings twerken...

  • Thomas Götze   14. Mai 2017   20:44 UhrAntworten

    Parental Advisory ist totaler Quatsch. „Ich berate dich mal bei dieser Platte“ sagt kein Elterntier.

    Letztlich ist der Aufkleber nichts weiter als ein hochwirksamer Lockstoff für dumme Kinder jeden Alters.

    Wer als Künstler in seiner Sprache ausfallend werden muss um etwas zu erreichen hat es sonst nicht drauf. Und wer solche Sprache braucht um sich erwachsen zu fühlen sollte mal zum Arzt gehen.

    Provokation um der Provokation willen ist ja schon arm. Aber Provokation um des Geldes Willen ist eine Totalkapitulation des Künstlers als Mensch.

    Und das Zensur zu nennen ist wie den Schimmel im Bad an der Wand zu lassen, weil man die Natur ja nicht „zensieren“ will.

    Und bevor hier jemand die Anti-Moral-Keule schwingt: Das hat alles nichts mit moralinsaurer Spießergesinnung zu tun, sondern einfach nur mit Selbstachtung. Eine respektvolle Sprache gehört zu einem respektvollen Umgang miteinander. Denn Explizit Content ist vorwiegend rassistisch, sexistisch oder anderweitig Ausgrenzend und Abwertend.

    Würden die Cerebral-Asketen nicht darauf anspringen wie die Fliegen auf den Hundehaufen, würde sich kein Mensch mit Künstlern befassen, die die ganze Zeit nur dumme und zusammenhanglose Respektlosigkeiten heraus rotzen.

    Oder? :-)

  • mokka   15. Mai 2017   20:47 UhrAntworten

    Die Band "Die Ärzte" ist das wohl allerbeste Beispiel dafür, wie man sich den Zensus und Indizierungen zunutze machen kann.
    Die Ärzte hätten es wahrscheinlich auch ohne eine BPjM zum Ruhm geschafft (hätte vlt. etwas länger gedauert, soweit die CBS noch mitgespielt hätte), aber der wahnwitzige Krampf der von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) vorausging, war letztlich der ultimative Karrierekick für die Band.
    Man machte sich Zensus und Indizierung auf freche und sehr clevere Art sehr wirksam zunutze.

  • Falk Ehlert   18. Mai 2017   12:08 UhrAntworten

    Aus künstlerischer Sicht ist Zensur sicherlich immer als schlecht zu bewerten. Das die aktuelle Elterngeneration die Musik der Kids schlecht findet und den Untergang der Kultur erwartet ist auch nichts neues. Früher galten die Beatles als ganz schlimme Verführer der Jugend aber wer würde heute ernsthaft die Songs der Beatles verbieten wollen? Trotzdem gibt es Bereiche, in denen Zensur Sinn machen kann, um eine rechtliche Handhabe überhaupt erst zu ermöglichen. Diese Bereiche sehe ich bei rechtsradikalen Inhalten und bei Gewaltverherrlichung oder Aufrufen zur Gewalt gegen bestimmte Personen oder Personen-Gruppen. Bei Fekalsprache würden es sich zwar viele Eltern wünschen, aber da gilt seit jeher, wer sich als Erzieher reizen lässt, der wird gereizt werden. Alle Kinder testen ihre Grenzen und das geht nur durch gezielte Grenzüberschreitung. Aber keine Angst, wenn der Kleine Mal F..k Y.. B.... sagt ist er immer noch kein Zuhälter. ;-)

  • fatman   26. Mai 2017   14:18 UhrAntworten

    Unsere Gesellschaft legt letztlich die Grenzen des Erlaubten fest. Jeder der sich nicht daran hält, wird eine Zensur erfahren. Da diese Grenzen dem Zeitgeist unterworfen sind, ändert sich die Zensur auch entsprechend. Gemeinschaft ohne Zensur wird es nie geben, da ihr ja auch eine Schutzfunktion zugesprochen wird. Darum spreche ich hier aus, was vor Jahren nie aktzeptiert wurde: So´ne Scheiße!

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