Workshop Reamping

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Was ist Reamping? Kurz: Das nachträgliche Verstärken einer Aufnahme mit dem reinen Gitarrensound, wie er direkt aus dem Instrument kommt. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, außerdem kannst Du sehr viel Zeit und Geld sparen. Hier erfährst Du Schritt für Schritt, wie Du selbst ein erfolgreiches Reamping betreiben kannst. Hereinspaziert…


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Um ein Reamping durchführen zu können, wird zunächst das reine, unverfälschte Gitarrensignal aufgenommen, während Du beim Einspielen jedoch den Sound des Verstärkers genießen kannst. Letzterer wird im Tonstudio für gewöhnlich auch gleich mit aufgenommen. Im Kern geht es aber darum, den unverfälschten Gitarrenklang (DI-Klang) direkt »an der Quelle« aufzuzeichnen. Also so, wie er aus der Gitarre herauskommt.

Das hat viele Vorteile:

1. Du kannst sehr schnell einen beliebigen Sound am Verstärker einstellen, der für das richtige Feeling und damit vielleicht überhaupt erst für eine gute Performance sorgt. Das kann, muss aber nicht der finale Klang sein. Denn…

Reamping spart Zeit, Geld und Nerven

2. Später lassen sich dank des trocken aufgenommenen Signals beliebige andere Amps, Pedals, Lautsprecher und Mikrofone bzw. andere Einstellungen oder Positionierungen dieser nutzen.

3. Aufnahmen müssen nicht immer wieder mit anderem Equipment bzw. geänderten Einstellungen gemacht werden. Ergo: In professionellen Tonstudios sparst Du Zeit und Geld, zudem werden die Nerven der Musiker geschont.

4. Zuhause aufgenommene Spuren des reinen Gitarrensounds kannst Du in Tonstudios oder sonstigen Umgebungen mit Reamping versehen, damit die Nachbarn verschont bleiben.

 

Reamping

Im Folgenden beleuchten wir die Aufnahme am Computer, also mit Audio Interface plus DAW oder Audio-Editor. Die vollständig analoge Variante mit Bandmaschine ist natürlich auch möglich, aber für die meisten Musiker wohl nicht gerade die nächstliegende.

Das zentrale Utensil ist die DI-Box

Für die getrennte Aufnahme des trockenen und des verstärkten Signals benötigst Du eine DI-Box, die auch als Splitter fungiert. Das heißt, dass sie zwei Ausgänge besitzen muss: Einen zum Anschluss an einen Mikrofon/Line-Eingang deines Audio Interface und einen zweiten, meist mit »Thru« beschrifteten Output zur Verbindung mit deinem Verstärker.

 

Was brauche ich zum Reamping?

  • Gitarre
  • DI-Box mit Splitter
  • Verstärker
  • Mikrofon + Mikrofonstativ/-halter
  • Audio Interface mit 2 simultanen analogen Eingängen
  • Computer + Aufnahmeprogramm
  • Zwei 6,3-mm-Kabel (Monoklinke)
  • Zwei Kabel für Verbindung DI-Box ⇨ Audio Interface
  • optional: Reamping-Box
  • optional: Kabel für Verbindung Audio Interface ⇨ Reamping-Box

Reamping

Die benötigten Kabeltypen zur Verbindung DI-Box ⇨ Interface bzw. Interface ⇨ Reamping-Box können je nach Gerät unterschiedlich ausfallen. Bringe also zuerst in Erfahrung, welche Buchsenformate an den Geräten verfügbar sind und besorge dir entsprechende Kabel – XLR-Klinke, XLR-XLR oder Klinke-Klinke sind möglich.

Auf geht’s…in den folgenden Schritten erfährst Du, wie Du das trockene Signal deiner Gitarre aufnehmen und währenddessen trotzdem mit Verstärkersound jammen kannst. Für das Reamping im delamar Studio nutzen wir eine DI-Box vom Typ Radial J48 Active Direct Box, siehe Abbildung. Wie schont erwähnt, ist jedoch prinzipiell jede DI-Box geeignet, die auch als Splitter agiert.

Radial J48

Gitarre ⇨ DI-Box ⇨ Amp & Audio Interface

Zuerst verbindest Du deine Gitarre über ein Klinkenkabel mit dem Eingang der DI-Box. In unserem Beispiel ist das die Radial J48 Active Direct Box.

Jetzt steckst Du das zweite Klinkenkabel in den Eingang deines Verstärkers und in den Thru-Output der DI-Box. Zwischen Verstärker und DI-Box kannst Du bei Bedarf noch Effektgeräte schalten.

Nun kannst Du das Kabel zur Verbindung von DI-Box und Audio Interface nutzen. Damit steht das Setup, das Du zum Reamping brauchst.

Mikrofon ausrichten und mit Audio Interface verbinden

Positioniere das Mikrofon vor dem Lautsprecher des Verstärkers und schließe es mit dem zweiten XLR-Kabel an dein Audio Interface an.

Manche Verstärker, wie etwa der Hughes & Kettner TubeMeister 36, bieten übrigens einen XLR-Ausgang mit Mikrofonpegel und emuliertem Sound eines Gitarrenlautsprechers – so kannst Du die Mikrofonierung einfach umgehen und ein XLR-Kabel zur direkten Verbindung von Verstärker und Interface nutzen.

Alternativ kannst Du den Sound aus dem Verstärker auch ausschließlich zum Monitoring nutzen. Einfach, um zu hören, was Du spielst und mit dem gewünschten Sound loszulegen.

Musiksoftware einrichten

In deiner DAW-Software oder deinem Audio-Editor legst Du nun zwei Monospuren an und weist diesen die Eingänge deines Interfaces zu, in die Du die Kabel gesteckt hast. Schalte beide Spuren für die Aufnahme scharf und pegele die Eingänge an den Gain-Reglern deines Interfaces bzw. in dessen Mixer-Software ein.

Erste Aufnahme

Jetzt kannst Du die Aufnahme starten. Auf der einen Spur sollte der direkte Gitarrenklang zu hören sein, während die andere den Sound des Verstärkers beinhaltet. Schon hast Du zwei separate Spuren von exakt derselben Performance, wobei eine als Backup für das eigentliche Reamping zur Verfügung steht.

Jetzt beginnt das eigentliche Reamping – die Verstärkung auf der Grundlage der trockenen Gitarrenaufnahme. Diese kannst Du jetzt beispielsweise direkt in der DAW-Software mit einem Plugin zur Amp-Simulation verstärken, verzerren und mit Effekten versehen. Das ist die flexibelste und bequemste Variante.

Doch so richtig interessant wird das Ganze, wenn Du die trockene Spur abspielst, in einen echten Verstärker einspeist und dann diesen Sound aufnimmst. Hierfür kannst Du nach der folgenden Anleitung in den Schritten 7 bis 11 vorgehen.

Die hier verwendete Reamping-Box ist die Radial X-Amp. Sie hat unter anderem den Vorteil, dass Du gleich zwei Verstärker anschließen kannst.

Radial X-Amp

Audio Interface an Reamping-Box anschließen

Achtung: Wie zuvor erwähnt, gibt es unterschiedliche Anschlusstypen bei den Interfaces und Reamping-Boxen, die auf dem Markt erhältlich sind. Mit einem passenden Kabel verbindest Du einen Monoausgang deines Interfaces bzw. nur den L- oder R-Ausgang eines Stereo-Output-Paares mit dem Eingang der Reamping-Box.

Das mit einem Line-Pegel ausgegebene Signal wird in der Box in ein hochohmiges Signal gewandelt, damit es in einen Verstärker eingespeist werden kann. So, als käme es direkt aus der Gitarre.

Reamping-Box an Verstärker anschließen

Hierfür verwendest Du gewöhnliche Gitarrenkabel, also solche mit Monoklinken-Steckern im 6,3-mm-Format. Falls Du ein Gerät besitzt, dass die Funktionen einer DI- und einer Reamping-Box in sich vereint, solltest Du das Kabel zur DI-Aufnahme vorher abziehen, sonst wirst Du ein sehr starkes Brummen hören. Falls trotzdem noch ein Brummgeräusch auftritt, lässt sich dieses mit dem »Lift«-Schalter eliminieren (bei manchen Geräten findet sich auch die Beschriftung »Ground Lift«).

Meist entsteht ein Lautstärkeverlust durch die Verkettung dieser Geräte. Den kannst Du kompensieren, indem Du den kleinen Output-Regler (manchmal auch mit »Trim« oder »Level« beschriftet) aufdrehst. Zum Vergleich kannst Du die Gitarre zwischendurch einmal direkt mit dem Amp verbinden, spielen und lauschen, wie laut die Anschläge sind.

Mikrofon an das Audio Interface anschließen

Hier gehst Du genau wie in Schritt 4 vor. Zur Entschlackung des Geräteparks lohnt es sich auch hier, einen Verstärker mit DI-Output zu nutzen – damit ist eine Mikrofonierung nicht mehr nötig, allerdings entfällt so auch die Möglichkeit zum Experimentieren mit mehreren Gitarrenlautsprechern sowie verschiedenen Mikrofonen und deren Positionen.

Gitarrenaufnahme abspielen

Jetzt leitest Du die DAW-Spur mit der trockenen Gitarrenaufnahme an einen einzelnen Monoausgang (und nicht wie gewöhnlich an ein Stereopaar). Achte darauf, dass Du genau den Ausgang wählst, in den Du das Kabel gesteckt hast, welches zur Reamping-Box führt. Schalte die Spur noch auf Solo, bevor Du sie schließlich abspielst.

Nun kannst Du die Verstärkereinstellungen und Mikrofonpositionen in aller Ruhe justieren. Wenn es sich nur um einen kurzen Clip handelt, hilft der Loop-Modus für den markierten Bereich in der Zeitleiste deiner DAW.

Aufnehmen

Du hast deinen Sound gefunden? Prima, dann starte die Aufnahme auf einer neu angelegten und mit dem korrekten Eingang an deinem Audio Interface verknüpften Monospur.

Die Aufnahme mit Verstärkersound, die in der ersten Phase beim Einspielen der Gitarre erstellt wurde, kannst Du unter Umständen nutzen, um sie mit den neu entstandenen Reamping-Spuren zu mischen.

Passend dazu: Gitarre für Geeks Special »


Von Felix Baarß