Ratgeber: Mischpulte im Band Recording

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Warum trotz digitaler Revolution auch heute noch in den großen Studios dieser Welt mit einem Mischpult beim Band Recording gearbeitet wird, erfährst Du in diesem Artikel.

Auch wenn vielerorts die Bands nur noch durch ein Audio Interface digitalisiert in die Musiksoftware geschickt wird – das Mischpult kann dir eine Menge Arbeit abnehmen und deine Aufnahme-Session erleichtern.

 

Wieso ein Mischpult nutzen?

Ein Audio Interface nebst einer leistungsstarken DAW (Digital Audio Workstation) ist in vielerlei Hinsicht mit einem Mischpult zu vergleichen. Während das Interface als Schnittstelle zwischen analoger und digitaler Welt dient, ist die Software für das Signal-Processing, also das Routing und die Signalverarbeitung zuständig. Jede dieser Aufgaben bedeutet sowohl eine Belastung für die Leistung des Audiorechners (Prozessor, Arbeitsspeicher) als auch einen Umweg im Signalfluss.


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Ein Mischpult ist als eigenständige Komponente und Schaltzentrale nicht auf einen Computer angewiesen und entlastet damit komplexe Recording-Situationen. Das Arbeiten mit Effekten, verzögerungsfreies Monitoring oder auch das Einschleifen von zusätzlichen Signalen kann ohne bekannte Problemfaktoren wie Latenz, Drop-Outs oder Synchronisationschwierigkeiten realisiert werden.

Außerdem wird bei vielen (vor allem analogen) Mischpulten sowohl der Klang, als auch der Workflow geschätzt, weshalb sich die Konsole auch weiterhin im professionellen Studioumfeld zu behaupten weiß.

Band Recording - Mischpult - Neve-Konsole des SAE Institute Stuttgart

Neve-Konsole des SAE Institute Stuttgart

 

Das Mischpult im Detail

Ein Mischpult besteht in der Regel aus diesen zwei Sektionen: den Kanalzügen und der Mastersektion. Während der Kanalzug für die Signalverarbeitung und die Beschickung von einzelnen Audiosignalen (Kanälen) verantwortlich ist, werden über die Mastersektion jegliche Summensignale wie Aux-, Cue- oder Gruppenwege gesteuert.

Je nach Größe und Umfang des Pultes können zusätzliche Routing-Möglichkeiten wie komplexe Matrizen vorhanden sein, für dieses Beispiel beschränken wir uns aber auf die zwei grundlegenden Sektionen. Wir schauen uns zunächst einen Kanalzug im Detail an.

 

Band Recording - Mischpult - Kanalzug einer Neve-Konsole

Kanalzug einer Neve-Konsole

Der Kanalzug

Ein Kanalzug (engl. Channel) ist eine Verkettung mehrerer elektroakustischer Elemente. Viele einfache Ausführungen beinhalten einen Eingang mit (Mikrofon-)Vorverstärker, Phantomspeisung (auch global schaltbar), einen Equalizer, Aux-Sends, Knöpfe für Solo und Mute, Fader und Pan-Regler.

In größeren Recording-Konsolen kommen zusätzliche Komponenten wie Kompressor, Gate, Sidechain-Funktion oder umfangreiche Routingmöglichkeiten zum Einsatz. Für diesen Artikel sollen zunächst die Funktionen besprochen werden, die für ein Band Recording entscheidend sind.

 

Eingang

Um Signale fachgerecht in das Mischpult zu schleifen, musst Du den Eingang (Input) verstehen. Ein Mikrofon wird über die XLR-Buchse, ein Line-Signal (CD-Player, DI-Geräte) über die Klinkenbuchse angeschlossen. Der Unterschied ist die Vorverstärkung, die bei beiden Signalen unterschiedlich stark sein muss.

Signale liegen in diversen Formen vor

Der Mikrofoneingang kann den Pegel nicht dämpfen bzw. absenken und verstärkt das Mikrofon um maximal 60-70 dB. Um Kondensatormikrofone anzuschließen, wird die so genannte Phantomspeisung benötigt, für die ein entsprechender Knopf im Kanalzug zu finden sein dürfte. Der Eingang für Line-Signale hat meist ein Pegelspektrum von -10 bis +10 dB, hier kann der Pegel also auch abgesenkt werden. Dies wird ab und an notwendig, um den Vorverstärker nicht zu überbelasten.

 

Einpegeln

Um dein Signal fachgerecht einzupegeln, musst Du zunächst den Kanal auf „Solo“ schalten (PFL-Solo, um das am Vorverstärker anliegende Signal zu hören). Der Pegel des anliegenden Signals sollte in der lautesten Passage den Wert von 0 dB nicht überschreiten, am besten lässt Du zur Sicherheit noch etwas Luft nach oben.

 

Direct Out

Für gewöhnlich bietet das Mischpult über einen analogen „Direct Out“ die Möglichkeit, das Signal an einen Multitrack-Recorder, z.B. die DAW durchzuschleifen. Dieser kann bspw. direkt nach dem Vorverstärker abgreifen und liefert somit ein Signal mit Line-Pegel, das man zusätzlich als Backup aufzeichnen kann. Allerdings sollte der spezifische Abgriff des Direct Out für dein Mischpult aus dem Schaltplan entnommen werden – einige Modelle greifen auch erst nach Verwendung anderer Komponenten ab.

 

Insert

Viele etwas hochwertigere Modelle bieten eine so genannte Insert-Buchse. Über diese kannst Du externe Effektgeräte einbinden, um dir einen bestimmten Klang oder Effekt zu ermöglichen, den das Mischpult nicht bietet.

Inserts schleifen Effekte von externen Geräten ein

Zum Einbinden eines externen Effekts wird eine symmetrische Klinke benötigt, also eine „Stereoklinke“. Ein einziges Kabel (Y-Kabel, auch Insert-Kabel genannt) reicht aus, um dein Signal zu bearbeiten. Dabei leitet ein Kontakt der Buchse das anliegende Signal zum Effektgerät, während ein zweiter Kontakt das Signal wieder in das Mischpult zurückholt.

Möchtest Du mehrere Effektgeräte verwenden, dann werden diese lediglich analog in Reihe verschaltet. Den Ausgang von Effektgerät A wird an den an den Eingang von Effektgerät B angeschlossen. Dabei solltest Du den Arbeitspegel im Auge behalten, um keine Verzerrungen in die Aufnahme zu erhalten. In der Praxis werden im Insert meistens Kompressoren, Exciter oder auch Transient Designer genutzt.

 

Band Recording - Mischpult - Dynamiksektion mit Kompressor und Gate

Dynamiksektion mit Kompressor und Gate

Kompressor

Der Kompressor ist Teil der Dynamiksektion eines Kanalzugs. Er regelt die Dynamik des Signals, indem er laute Passagen automatisch absenkt. Dabei kann über Parameter wie Attack oder Release das Regelverhalten eingestellt werden, um klangliche Aspekte wie Transienten hervorzuheben.

Beim Band Recording wird der Kompressor oft verwendet, um die Kopfhörermischung des Musikers zu kontrollieren. Da diese fast immer sehr laut ist, sollten lautere Passagen im Song den Pegel nicht an die Schmerzgrenze führen. Vor allem bei Vocals, die einen sehr hohen Dynamikumfang haben, ist der Einsatz des Kompressors im Monitorpfad sehr zu empfehlen.

Kompression bei der Aufnahme braucht Erfahrung

Bei der Aufnahme selbst ist der Einsatz eines Kompressors nur erfahrenen Musikern und Toningenieuren zu empfehlen, um späteren ungewünschten Überraschungen aus dem Weg zu gehen. Gut, wer dann über den Direct Out ein Backup gespeichert hat. Einige Produzenten mögen es hingegen, bei stark in der Dynamik schwankenden Spuren den Kompressor zu nutzen, um alles etwas gleichmäßiger zu gestalten. Hier werden dann gerne konservative Werte wie beispielsweise eine Ratio von 2:1 verwendet.

 

Gate

Ebenfalls zu den Dynamics gehört das Gate, das wie ein Tor Signale durchlässt oder stummschaltet. Es reagiert pegelabhängig und wird verwendet, um das Grundrauschen von Mikrofonen oder Gitarrenverstärkern stumm zu schalten, wenn der Musiker gerade nicht spielt.

Häufiger ist der Einsatz von Gates im Mixing oder in Live-Situationen zu finden, da beim Recording der unverfälschte Klang gehört werden muss. Schwachstellen im Sound sollten zu jeder Zeit aufgedeckt werden können, um zeitnah darauf einzugehen. Hier könnte ein Gate kontraproduktiv arbeiten. Wer nicht mit äußerster Vorsicht die Parameter beim Gate einstellt, verliert unter Umständen auch besonders leise Passagen.

 

High-Pass-Filter

Als nächstes triffst Du auf den High-Pass- bzw. Hochpassfilter oder kurz Filter. Er schneidet tieffrequente Anteile des Signals ab, um Trittgeräusche und andere ungewollte Störgeräusche zu minimieren. Beim Band Recording sollte der High-Pass, bzw. Low-Cut-Filter nicht verwendet werden, da die tieferen Frequenzen bei der Mischung später noch gebraucht werden könnten. Nach der Verwendung des Filters können diese natürlich nicht mehr wiederhergestellt werden.

 

Band Recording - Mischpult - EQ-Sektion

EQ-Sektion

Equalizer

Der Filter ist meistens visuell als Teil des Equalizers angebracht. Mit einem Equalizer werden Frequenzbereiche im Signal angehoben oder abgesenkt. Das dient entweder der Klangveredelung oder dem Entfernen von störenden Resonanzen, was vor allem in suboptimal klingenden Aufnahmeräumen zugute kommt.

Mein Tipp: Genau wie beim Filtern empfiehlt es sich, das unbearbeitete Signal zum Sequenzer zu schicken und lediglich das Signal für die Kopfhörermischung mit dem Equalizer zu bearbeiten. Wie das genau funktioniert, wird in einem weiteren Workshop erklärt.

 

Aux-Wege

Unterhalb des EQs sind für gewöhnlich die Aux-Wege angeordnet. Das Kürzel „Aux“ steht für das englische „auxiliary“, was so viel bedeutet wie „hilfs-“. Diese Abgriffe sind also Hilfswege, die für unterschiedliche Zwecke verwendet werden können. Zum einen können über die Sends Effektgeräte wie Hall oder Delay beschickt werden (anders als Insert), zum anderen wird über den Aux die Kopfhörermischung für den Musiker angefertigt.

Band Recording - Mischpult - Aux-Wege

Aux-Wege

Vorsicht: Aux-Wege können das Audiosignal vor oder nach dem Fader abgreifen (gesteuert durch den „Pre-Knopf“). Je nach Modell bedeutet die Einstellung „Pre-Fader“, dass die im Kanalzug integrierten Effekte nicht das Audiosignal beeinflussen, das am Aux anliegt. Ist der Abgriff „Post-Fader“ geschaltet, greifen die Effekte und sind somit hörbar.

 

Pan, Mute und Solo

Quasi selbsterklärend sind die Regler und Knöpfe für Pan, Mute und Solo. Der Pan-Regler verteilt das Signal jeweils nach links oder rechts im Stereopanorama oder lässt es gleichermaßen auf beide Seiten ausgeben.

Mute schaltet den Kanal stumm, während Solo alle anderen Kanäle stummschaltet (Solo-In-Place). Wenn der Solo-Modus mit PFL (Pre-Fader-Listening) beschriftet ist, wird das Signal auf einen separaten Abhörpfad geschickt, sodass die Signale auf der Summe nicht gemutet werden und Du trotzdem den Solo-Kanal einzeln hören kannst. Der PFL-Modus wird für das Einpegeln oder auch im Live-Betrieb verwendet, damit der Kanal auch weiterhin hörbar bleibt.

 

Band Recording - Mischpult - Faderbänke

Faderbänke

Fader

Die letzte Instanz, die das Signal beeinflusst, ist der Fader. Er ist ein Widerstand, mit dem das Audiosignal für die Mischung leiser gemacht werden kann. Bei einigen Mischpulten ist der Fader auch als aktive Komponente zu finden, mit diesem lässt sich das Signal auch lauter machen. Läuft das Signal, das Du zum Recorder (DAW) schickst, über den Fader, sollte dieser immer auf 0 dB stehen. Da Du das Signal vorher bereits richtig eingepegelt hast, dürfte hier nichts schief gehen.

Ist das Signal bearbeitet und bereit zum Abhören, wird es über das so genannte Routing entweder zu den Bussen oder auf die Summe geschickt. Realisiert wird das in der Regel über Knöpfe neben dem Fader, die mit den entsprechenden Wegen beschriftet sind.

„L+R“ steht hier für die Summe, „M“ bezeichnet eine zusätzliche Mono-Summe (im Live-Bereich beliebt) und 1-4 sind die Busse, bzw. Subgruppen.

 

Band Recording - Mischpult - Monitorfader im Kanalzug

Monitorfader im Kanalzug

Exkurs: Inlinepult

Großformatige Konsolen bieten im Kanalzug eine separate Monitorsektion, um Signale vom Recorder zurückzuholen und abzuhören (Monitoring). Diese Kanalzüge besitzen keinen Vorverstärker, dafür aber eigene Fader und Routing-Möglichkeiten. Sie sind lediglich dazu gedacht, Recording-Signale gegenzuhören. Dieses Verfahren nennt sich auch „Tape-Return“. Wie Du diesen Signalfluss auch mit „normalen“ Mischpulten durchführst, wird im weiteren Workshop erklärt.

 

Band Recording - Mischpult - Mastersektion einer Neve-Konsole

Mastersektion einer Neve-Konsole

Die Mastersektion

In der Mastersektion hast Du die Kontrolle über Audiosignale, die von den Kanalzügen aus dem Mischpult kommen (mit Ausnahme der Direct Outs). Hier finden sich Fader und Potis, die summierte (zusammengeführte) Signale regeln. Des Weiteren gibt es weitere Möglichkeiten zum Routing externer Signale, die über einen Stereo-Eingang (bspw. „Tape-In“) ins Pult geholt werden.

Je nach Größe und Ausstattung des Mischpults finden sich separate Cue-Wege für Kopfhörermischungen, ein Talkback-Mikrofon (bzw. Anschluss für dieses) und ein separater Solo-Lautstärkeregler.

Zum Abhören stehen mehrere Kanäle bereit – nutze sie!

Oft befindet sich in der Mastersektion ein so genannter Control-Room. Dieser ist ebenfalls für das Monitoring zur Kontrolle gedacht. Was in den Control-Room geroutet wird, kann auf die Lautsprecher im Studio bzw. die Monitore ausgegeben werden.

Bei einigen Modellen kommen schließlich noch spezielle Outputs für Monitorboxen zum Einsatz, die von der Summe getrennt sind. Diese dienen dazu, das Summensignal beim Mixing oder Mastering nochmals zu bearbeiten oder aufzunehmen.

 

Schlussgedanken

Das Mischpult ist auch heute nicht aus der Studiolandschaft wegzudenken. Natürlich bedeutet es eine gewisse Investition, doch diese kommt mit einer Vielzahl an Vorteilen. Dank digitaler Integration können solche Konsolen nicht nur im Studio-Setup helfen, auch im Proberaum und auf der Bühne wird das Mischpult zum ultimativen Werkzeug für einfaches Arbeiten.

Sofern der Signalfluss verstanden und anschließend passend eingerichtet wurde, läuft die Aufnahmesession von alleine.

 

Kaufempfehlungen

Für Fortgeschrittene und Profis, die auch auf Tour gehen, bietet sich insbesondere das Soundcraft Si Expression 1 oder kurz »Soundcraft SiEx1« an. Wer klein anfängt, sich aber alle Möglichkeiten für einen späteren Einsatz im großen Stil offenlassen möchte, sollte hier genau hinschauen: Dieses Mischpult mit 16 Kanalzügen für insgesamt 60 Inputs bietet Motorfader und damit handelt es sich definitiv um einen der erschwinglichsten Kompaktmixer mit motorisierten Schiebereglern (Straßenpreis 2.289,- Euro). Im Gegensatz zu den ähnlich ausgepreisten Mitbewerbern mit dieser Funktion ist das SiEx1 jedoch auch in anderen Bereichen lückenlos gestaltet. So gibt es separat erhältliche Erweiterungskarten für AES/EBU, MADI, Aviom, CobraNet, RockNet und 2013 AVB, DANTE, BluLink sowie der Recording-Erweiterung mit FireWire/USB und ADAT.

Band Recording Equipment - Soundcraft Si Expression 1

Soundcraft Si Expression 1

Weiterhin erwähnenswert sind die mehrfarbigen Hintergrundbeleuchtungen der Kanal-Fader – das sorgt sofort für Übersicht über zugewiesene Effekttypen, Stereoverlinkungen, AUX-Routings und mehr. Schließlich sind noch die vier hochwertigen internen Effektgeräte aus dem Hause Lexicon zu nennen, die mehr als die meisten anderen Mixereffekteinheiten zur Veredelung der Signale bei der Aufnahme und nicht nur zum Monitoring tauglich sind.

Band Recording - Mischpult - Alto Professional Live 1604

Alto Professional Live 1604

Wer wenig Geld hat, aber trotzdem ein gutes Mischpult mit dem Wichtigsten zum Band Recording haben will, findet es etwa in Form des Alto Professional Live 1604 – es bietet 12 normale Kanalzüge plus 4 Busse für Submischungen. An Bord sind Kompressoren auf den ersten sechs Kanalzügen, flexible 3-Band-EQs mit variabler Mittenfrequenz und ein Master-Equalizer mit neun Bändern. Dazu kommt noch eine Effektsektion von Alesis, die 100 Effekttypen von Delay und Reverb über Tremolo bis hin zu rotierenden Lautsprechern liefert. Das Gerät war beim Verfassen dieser Zeilen zum Straßenpreis von ca. 380 Euro erhältlich.

 

Weitere empfehlenswerte Mischpulte zum Band Recording

Presonus StudioLive 24.4.2: digitaler Live- und Recording-Mixer mit umfangreichen Effekten und sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis. Perfekt für flexible Setups.

Allen & Heath ZED-R16: analoges Pult mit Audio-Interface und MIDI-Fadern. Ein Allrounder für kleine Studios mit überschaubarem Workflow.

Yamaha 01V96i: der Klassiker im Recording- und Live-Bereich. Flexibel und umfangreich, allerdings mit unangenehmem Workflow.

Allen & Heath ZED-428: großformatige Konsole, komplett analog für Live und Studio. Überzeugt durch Klang und Verarbeitung, allerdings ohne Interface.

 


Von Philipp Schwenker