Songwriting Teil 1: Basics & Background

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Songwriting Teil 1: Basics & Background

Wer über das Thema Songwriting schreibt, stößt unweigerlich auf zwei Probleme. Erstens: Es ist unmöglich darzustellen, wie »man« einen Song schreibt: Bei jedem Menschen »funktioniert« das ein wenig anders. Und sogar bei ein und demselben Menschen kann der eine Song auf die eine Weise entstehen und ein zweiter ganz anders. Deshalb ist es mir wichtig, hier direkt am Anfang klarzustellen: Alle folgenden Beschreibungen und auch die Darstellungen in meinem Buch »Songwriting intensiv« sind keine allgemeingültigen Kochrezepte, sondern nur eine Beschreibung, wie ich diesen speziellen Song geschrieben habe.

Zweitens: Würde man versuchen, das Thema Songwriting komplett darzustellen, so hätte man es – falls dies überhaupt möglich wäre – mit einem Werk ungeheuren Umfangs zu tun, da ein Großteil der gesamten Musik(-theorie) und vieles darüber Hinausgehende irgendwie mit Songwriting zu tun hat bzw. irgendwie nutzbar gemacht werden kann.

Diese Probleme führen zu dem Schluss, dass man das Thema irgendwie eingrenzen muss. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele Bücher deshalb den Weg gehen, fast ausschließlich Fakten aufzuzählen: Tonumfänge von Instrumenten, Notationsweisen, Satztechniken etc.

 

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Warum ich »Songwriting intensiv« geschrieben habe

Auf der Suche nach einem deutschsprachigen Buch, das all diese Fakten praktisch zusammenführt, welches also zeigt, wie genau man dieses Wissen praktisch anwenden kann, bin ich nicht fündig geworden. Genau aus diesem Grund habe ich »Songwriting intensiv« geschrieben: Es stellt ganz konkret dar, wie mein Song »Pilot« entstanden ist: Du als Leser schaust mir quasi über die Schulter, wie ich beim Songwriting gedacht habe, welche musikalischen Elemente ich wie und warum eingesetzt habe. Theoretische Grundlagen werden dabei an genau den Stellen vermittelt, an denen sie tatsächlich gebraucht werden. Dort wird aber sofort gezeigt, wie man sie praktisch anwenden kann und wie sie teilweise voneinander abhängen.

Von dieser Vorgehensweise erhoffe ich mir, dass deutlich wird, wie ich als Komponist denke, welche Ziele ich verfolge und welche musikalischen Mittel ich einsetze, um diese Ziele zu erreichen.
Ich hoffe, dem Leser so eine Denkweise zu vermitteln, die er selbst auf seine eigenen Songs anwenden kann. Da wir in diesem Artikel keinen ganzen Song besprechen können, werde ich hier versuchen, das Thema etwas allgemeiner, aber doch praxisnah zu beschreiben.

Übrigens werde ich es in Bezug auf Notenbeispiele im vorliegenden Artikel genauso handhaben wie im Buch: Fast alle Notenbeispiele sind auch als MP3 vorhanden, damit auch nicht so notenfeste Mitmusiker nachvollziehen können, was gemeint ist.

 

Von der Idee zur Story

Für einen Song brauchst Du eine Idee. Wie kommst Du auf Ideen? Nun, es gibt da die romantische Vorstellung, dass Du nur zu warten brauchst. Irgendein höheres Wesen bekommt irgendwann plötzlich Lust, die Erde mit Ideen zu bombardieren. Und eine davon (natürlich die genialste!) wird ausgerechnet dich treffen. Dies ist die sogenannte Microsoft-Taktik (»bitte warten…«?).

Der wahre Kern dieser Vorstellung ist, dass Du Ideen nicht erzwingen kannst – sie kommen, wann sie wollen: Nachts im Bett, mitten auf einer Party, unter der Dusche…

Songwriting Ideenpool

Wenn du etwas planvoller mit deinen Ideen umgehen möchtest, habe ich folgenden Tipp für dich: Nimm deine Ideen ernst! Halte alle Ideen erst einmal sofort fest: Schreibe sie irgendwo auf oder sprich sie als Sprachmemo auf dein Handy.

Wichtig: Bewerte sie erst einmal nicht! Aussortiert wird später. Die dümmsten Ideen können später die Urzelle der besten Songs werden! Lege dir irgendwo einen Ideenpool an, in dem du alle Ideen aufbewahrst: einen zentralen Ort, eine Mappe, ein Karton, ein Platz im Regal. Es gibt nichts Blöderes, als eine Idee nicht wiederzufinden (ich spreche aus eigener Erfahrung!).

Hol dir die KREZE!

Erzwingen kann man Ideen nicht, aber fördern kann man sie! Eine von mehreren kreativitätsfördernden Techniken ist die KREZE: KREZE ist die Abkürzung für KREativitäts-ZEit: Nimm dir jede Woche einen gewissen Zeitraum (z.B. jeden Dienstag 1½ Stunden), um etwas zu tun, das deine Kreativität fördern könnte: Museumsbesuche, Spaziergang am See, Ausstellung besuchen, Buch lesen (z. B. »Songwriting intensiv«, dort findest du auch noch mehr Kreativtechniken) etc. In dieser Zeit geht es darum, etwas zu finden, das dich entspannt, das du interessant findest, das deiner Fantasie Flügel verleiht.

 

Entwicklung einer Story

Zweiter Schritt (Evaluation): Gehe jetzt an deinen Ideenpool, greife einzelne Ideen heraus und prüfe, ob sich die Ideen für einen Song eignen: Als Bewertungsmaßstab eignen sich z.B. Kriterien wie Emotion und Identifikation:

Emotion
»Musik ist die Sprache der Gefühle« soll mal ein kluger Mensch gesagt haben. Anders ausgedrückt ist Musik besonders gut dafür geeignet, Emotionen sehr treffend und eindrucksvoll darzustellen – besser als es z.B. die Sprache vermag. Deshalb eignen sich Emotionen, Gefühle besonders gut für Songs.

Bildhafte Sprache
Da die direkte Sprache auf dem Gefühlssektor leicht »flach« wirken kann (»Ich liebe dich ganz doll und unheimlich viel und total tief und überhaupt…«), eignen sich Metaphern, Bilder oder Vergleiche oft besser zur Beschreibung von Emotionen (»Ohne Dich bin ich ein Buch ohne Seiten«).

Identifikation
Die beste Emotion nutzt aber nichts, wenn sie nur dich selbst betrifft: Einen Song darüber zu schreiben, dass ich wütend darüber bin, dass mir der Schnürsenkel meines linken Schuhs immer aufgeht, ist daher nur dann sinnvoll, wenn meine Zielgruppe fünfjährige Bambini-Fußballer sind. Was ich damit sagen will: Je stärker Du möchtest, dass deine Musik von anderen Menschen gehört werden soll, desto stärker solltest Du dir Gedanken machen, was deine Zielgruppe denn interessieren könnte. Um deinen Song zu mögen, müssen sie sich mit dessen Thema/Aussagen identifizieren können.

 

Werde Weiterspinner!

Hast Du ein schönes Thema für deinen Song gefunden, geht es darum, tiefer in dieses einzusteigen: Modifiziere deine Idee, verkehre sie ins Gegenteil, kombiniere Sie mit anderen Ideen aus deinem Ideenpool, kurz: Spiele mit Ideen herum, um zu sehen, ob sich dadurch weitere interessante Ansätze oder eine interessante Entwicklung des Songs ergeben könnte.

Mind-Maps sind ebenfalls wunderbar geeignet, um tiefer in ein bestimmtes Themengebiet einzudringen.

Songwriting Mind-Map

 

Übergang: Idee zur Musik

Hast Du die »Story« im Groben im Kopf, kannst Du beginnen, die Grundidee(n) zu vertonen: Welche Melodie, welcher Rhythmus, welche Harmoniefolge, welches Geräusch ist geeignet, deine Idee musikalisch darzustellen? Befindet sich z.B. schon eine musikalische Idee in deinem Pool, die geeignet sein könnte? Der im Buch beschriebene Song entsteht beispielsweise aus dieser kleinen rhythmischen Urzelle:

Songwriting Urzelle

Mache dir dazu klar, wie deine Idee beschaffen ist: Wenn ich Trauer darstellen will, so kann das ein leises Vor-sich-hin-Schluchzen sein oder aber ein lautes, wehklagendes oder gar wütendes Schreien. Schon habe ich mit »leise« und »laut« etwas geschaffen, das für Songs eines der wichtigsten Elemente ist und worauf wir deshalb immer wieder zu sprechen kommen werden: Kontrast! So könnte ich z.B. in der Strophe das leise Schluchzen darstellen, im Chorus das laute wütende Schreien:

Songwriting Kontrast

Oder: Ich nehme das Wort »Schluchzen« zum Anlass und schaue mal genauer hin: Was passiert denn musikalisch, wenn ich schluchze? Ich setze mich an mein Instrument und versuche eine »Schluchz«-Melodie zu spielen! Wenn ich das nicht kann, kann ich mir die Technik zur Hilfe nehmen: Ich schluchze, nehme das mit meinem Sequencer auf und schaue mir mithilfe der Vari-Audio-Funktion (oder z. B. Melodyne) an, welche Melodiebewegung entsteht.

 

Stil

Jetzt hast Du erste Bausteinchen deines Songs. Nun geht´s ans Zusammenbasteln. An dieser Stelle ist es sinnvoll zu fragen:

  • Welches Material benutze ich?
  • Wie gehe ich mit diesem Material um?
  • Auf welche Art und Weise formuliere ich?
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All das sind Fragen, mit dem ich den Stil meines Songs beschreibe. Zwar hast Du sicherlich deinen eigenen Stil, damit dieser aber wirklich etwas Eigenes sein kann, solltest Du (zumindest grob) wissen, welche Stile es bereits gibt und was sie auszeichnet – ansonsten könnte sich leicht herausstellen, dass es »deinen« Stil vielleicht doch schon gibt. Gewisse Stilkenntnisse sind also sehr nützlich für die Entwicklung eines eigenen Stils.

Drei große Stilrichtungen möchte ich hier kurz skizzieren, um anzudeuten, wie sich die Stilkomponenten Material, Umgang mit dem Material und Formulierungsart konkret in den Stilen niederschlagen. Der Song im Buch wird übrigens durch diese drei Stile »durchkonjugiert«: Die Hauptversion ist ein Rock-Pop-Song – jeweils am Ende eines Abschnitts wird gezeigt, was man verändern müsste, um daraus eine reine Pop-Ballade bzw. einen Dance-Track zu machen.

Rock
Ist oft gitarrenorientiert (Material), Power-Chords (Umgang mit Material), Protesthaltung, drückt sich oft in rauer Art aus (Art der Formulierung).

Pop
Klaut sich Material aus anderen Stilen (Material) und macht es massentauglich (Umgang mit Material), einfache/gefällige Harmonien/Melodien (Umgang mit Material), Gesang ist im Vordergrund (Art der Formulierung).

Dance
Beat-orientiert (rhythm. Material), Base-Stacking (Umgang mit Material), 4-to-the-Floor (Art der Formulierung).

Formkomponenten: Förmchen und ihre Jobs

Jeder Song hat einen Aufbau. Dieser sollte bestenfalls nicht willkürlich, sondern inhaltlich und dramaturgisch bedingt gewählt werden. Voraussetzung hierfür ist u.a. das Wissen um die Aufgaben der einzelnen Songbausteine:

  1. Intro: Einführen in die Gedankenwelt des Songs
  2. Strophe: Story erzählen
  3. Prechorus: Verbinden von Strophe und Chorus, wenn diese sehr verschieden sind, Hinleiten zum Chorus
  4. Chorus: Hauptaussage
  5. C-Teil: Abwechslungsbaustein, Beleuchten des Themas aus neuer Perspektive
  6. Solo: Hier hält ein Instrument eine Art Monolog; besonders reizvoll wenn gut improvisiert
  7. Ending: Herausführen aus dem Song, abschließender oder offener Charakter

Zu erklären, wie man diese Funktionen der einzelnen Teile mit musikalischen Mitteln herstellen kann, würde an dieser Stelle zu weit führen, wird jedoch im 2. Kapitel des Buches beschrieben, ebenso wie weitere wichtige Formprinzipien wie z.B. die Barform AAB, die Abwandlungen ABA und die Reprisenbarform AABA, die sowohl im Kleinen (z.B. Melodiebau) wie im Großen (Songaufbau) anwendbar sind.

 

Spannungsbogen

Im Prinzip kannst du die o.g. Bausteine anordnen, wie du möchtest – es sollte nur »Sinn machen«. Ein in diesem Zusammenhang häufig begangener dramaturgischer Fehler ist das »Immer-Voll-Power-Geben«, d.h. im gesamten Song spielen immer alle Instrumente »aus allen Rohren«. Der Hörer gewöhnt sich aber schnell an den »Voll-Power-Sound« und deshalb wirkt ein solches Arrangement schnell langweilig.

Deshalb gilt die Grundregel der Dramaturgie: Anspannung und Entspannung wechseln einander ab! Dies bedeutet z.B., dass der »Voll-Power-Sound« nach einer sehr sparsam instrumentierten und gesetzten Passage viel besser zur Geltung kommt.

Songwriting Spannungsverlauf

Ein Stück regulärer Länge (ca. 3:30 min) hat im Normalfall genau einen absoluten Höhepunkt, der weit nach hinten verlagert wird. Davor gibt es auch Spannungs-»Berge«, die jedoch dem absoluten Höhepunkt unterzuordnen sind, damit dieser voll zur Geltung kommen kann.

Songwriting Höhepunkt

Mir selbst ist es oft passiert, dass ich beim Arrangieren des ersten Chorus schon viel zu viel gemacht habe, sodass in den weiteren Chorussen kaum noch die Möglichkeit einer Steigerung bestand. Folgende Selbstüberlistung hat das Problem gelöst: Ich habe einfach von hinten nach vorn arrangiert! Das heißt zuerst den letzten Chorus – dann braucht man in den Chorussen davor nur immer etwas wegnehmen oder stumm schalten und erhält so den gewünschten Spannungsverlauf.

Im nächsten Teil dieser Serie wird es im Detail um die musikalischen Gestaltungsmittel gehen – auf der Zeitachse (Tempo, Taktart, Rhythmus etc.) und auf der Ebene der Tonhöhe (Melodiebau, Oktavlage, Intervalle usw.). Zur Veranschaulichung kommen Klangbeispiele hinzu. Stay tuned!

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Lesermeinungen (6)

zu 'Songwriting Teil 1: Basics & Background'

  • Halfnelson   17. Mrz 2012   11:04 UhrAntworten

    sehr schönes tutorial, auch wenn mir vieles schon bekannt vorkam. am besten hat mir der trick mit dem von hinten nach vorne arrangieren gefallen. eigentlich simpel, muss man aber erstmal drauf kommen :-) freue mich schon auf die nächsten folgen. sehr gerne mehr davon. DANKE!

    • Thomas „thommytulpe“ Nimmesgern   24. Mai 2012   18:11 UhrAntworten

      Hallo!

      Dem kann ich mir anschließen: Es hat mir Spaß gemacht, diese Anleitung zu lesen. Danke!

  • Marcel   10. Apr 2012   17:17 UhrAntworten

    Wow, sehr gut beschrieben, zwar kenne ich auch so die ein oder andere Sache, aber ich denke es zum einen auf den Punkt gebracht und auch mal wieder einfach ins Bewusstsein holen ist nie verkehrt. Habe den Link auch prompt an meine Bandkollegen geschickt.

    Freue mich schon sehr auf den 2. Teil

    Stay tuned

  • Rotrose   11. Apr 2012   22:29 UhrAntworten

    Danke für diesen tollen Artikel!

    Ich habe mir direkt einen Ideenpool angelegt :) Ich freue mich schon auf Teil 2!

  • mark beerell   24. Mai 2012   11:53 UhrAntworten

    Der Tip mit dem von hinten nach vorne arrangieren ist klasse.
    werde ich bei einem meiner nächsten songs mal ausprobieren

  • Frank Meier   23. Jul 2012   10:25 UhrAntworten

    Klasse, ich neige auch dazu, alles voll zu packen. Werde den Ratschlag beherzigen - vielen Dank

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