Musikproduktion: Multiband-Kompression erklärt – der Multiband-Kompressor

Multiband-Kompression erklärt – der Multiband-Kompressor

Die meisten Kompressoren in der Musikproduktion arbeiten mit nur einem einzigen Band, welches das komplette Frequenzspektrum abdeckt. Ein eingehendes Audiosignal wird durch einen solchen Kompressor sozusagen “am Stück” bearbeitet. Das heisst, dass die Pegelreduktion alle Frequenzbereiche so lange gleichermassen absenkt bis die auslösende Frequenz wieder vorbei ist. Du kennst diesen Effekt sicherlich als unerwünschtes Pumpen auf einem Mix oder der Schlagzeug Subgruppe, wenn z.B. eine Kick Drum, die viele tieffrequente Anteile mit hoher Energie trägt, alle anderen Frequenzen “niederzudrücken” scheint. Das Problem ist natürlich nicht existent, wenn Du denselben Kompressor auf die Spur der Kick-Drum alleine einsetzt – denn hier entsteht die Wirkung des Kompressors nur auf der Kick alleine.

Dieser Pump-Effekt kann sicherlich auch kreativ eingesetzt werden, keine Frage. In einigen Musikrichtungen wie Pop oder Rock kann durch ein leichtes, subtiles Pumpen sogar die Stimmung und die Message des Songs noch unterstrichen werden. Voraussetzung ist hier allerdings, dass der Pump-Effekt nicht übertrieben wird.

 

Wie funktioniert Multiband Kompression?

In den meisten Anwendungen in Mixing und Mastering ist der oben erwähnte Effekt eher unerwünscht. Und genau für diese Anwendungen bieten sich Multiband-Kompressoren durch ihre hohe Flexibilität geradezu an.

Ein Multiband-Kompressor teilt ein eingehendes Audiosignal in zwei oder mehr Frequenzbänder. Zum Aufteilen des Signals werden Filter genutzt, wie Du sie sicher aus deinem Equalizer kennst. Jedes gefilterte Signal bzw. jedes einzelne (Frequenz-) Band wird anschliessend in einen eigenen Kompressor geleitet und druch diesen bearbeitet. Die hieraus resultierenden Audiosignale werden zum Schluss wieder zu einem einzigen kombiniert.

Der Vorteil dieses Vorgehens liegt auf der Hand: Ein lautes Ereignis im tieffrequenten Bereich kann nunmehr nicht in den Pegel und Dynamikverlauf von zum Beispiel der HiHats eingreifen. Jedes Band wird für sich einzeln komprimiert und beeinflusst die anderen Bänder nicht. Aber da hört es noch nicht auf. Im Gegensatz zu einem einfachen Kompressor kann jedes Frequenzband beim Multiband-Kompressor unterschiedlich komprimiert werden. Das bedeutet unterschiedliche Werte für Attack, Release, Treshold und Ratio – für jedes Band eigene.

Der beste Vorteil meiner Meinung nach ist aber ein anderer: Durch die Möglichkeit, jedes Band einzeln in Pegel und Lautstärke zu bearbeiten, kann die Ausgewogenheit des Audiosignals jederzeit erhalten oder nach eigenem Geschmack verändert werden.

 

Bild vom Multiband-Kompressor in Cubase 5

Bild vom Multiband-Kompressor in Cubase 5

 

Wo trenne ich die Bänder bei der Multiband-Kompression?

Fast jeder handelsübliche Multiband-Kompressor bzw. jedes Plugin erlaubt es, die Bänder nach eigenem Ermessen aufzuteilen. Und sofort stellt sich die Frage nach der besten Aufteilung. Wo teilst Du also am besten die einzelnen Bänder auf? Wie so oft in der Musikproduktion gibt es auch hier keine Standards (sonst bräuchte man auch den einstellbaren Parameter nicht mehr), es hängt alles vom zu bearbeitenden Audiosignal ab.

Da ich weiss, dass diese Aussage niemanden weiterhilft, kommen hier jetzt zwei Beispiele. In einer meiner letzten Produktionen habe ich ein Vorschau-Mastering selbst angelegt und dabei einen Multiband-Kompressor mit vier Bändern verwendet. Das erste Band ging bis etwa 90 Hz. Das erlaubte mir, die tiefen Frequenzen in den Griff zu bekommen und etwas zu komprimieren, ohne dabei den Kick zu sehr zu verändern. Im selben Mix habe ich das vierte Band dazu genutzt, um die hohen Frequenzen ab 11 kHz unter Kontrolle zu bringen. Mit schnellem Attack und Release scheinen diese Frequenzen die Ohren weniger anzustrengen und eine schöne Gleichmässigkeit zu bringen, die das Hören angenehmer machen.

Auch wenn ich bestimmt viele böse Kommentare bekomme: Gerne verwende ich den Multiband-Kompressor mit nachgeschaltetem Einband-Kompressor, um Vocals so richtig nach vorne im Mix zu bekommen. Die Schwierigkeit hierbei ist es, das Vocal nicht im Klang gänzlich unnatürlich zu verändern. Die Aufteilung der Frequenzbänder ist bei dieser Anwendung enorm wichtig. Bei meinem letzten Projekt hatte ich den ersten Übergang bei etwa 120 Hz gesetzt. Unterhalb von 120 Hz findet eigentlich kaum etwas in der Vocalspur statt, das mit der Stimme an sich zu tun hat. Den zweiten Übergang (ich nutzte übrigens 3 Bänder mit einem Multiband-Kompressor) hatte ich bei 5,5 kHz angesetzt. Der grösste Teil des Vocals wird somit in einem einzigen Band komprimiert und ergibt ein natürlicheres Resultat.

 

Multiband-Kompression: Einige Tipps für die Parameter

Kompression ist nichts, was in einem einzigen Artikel erklärt oder an einem Tag erlernt werden könnte. Wenig Effekte sind meines Erachtens so schwer zu meistern wie Kompression (und EQ). Die Multiband-Kompression vervielfacht die Optionen, die Möglichkeiten und damit auch die Parameter und macht dadurch die Lernkurve noch steiler. Mein bester Rat lautet daher: Im Zweifelsfall einfach die Finger weg von der Multiband-Kompression und einen normalen Kompressor nutzen.

Wenn es dann doch der Multiband-Kompressor sein soll, dann gilt es genau zu überlegen, wie die Spur am Ende klingen soll. Nichts fühlt sich falscher an, als in diesem Zusammenhang von einer Visualisierung des Ziels zu sprechen. Dennoch verdeutlicht diese Aussage, was ich damit ausdrücken möchte.

Wer in den unterschiedlichen Frequenzbändern sehr verschiedene Einstellungen beim Komprimieren verwendet, stellt oftmals fest, dass das Ergebnis nicht natürlich klingt. Natürlich kann die Lösung nicht immer lauten, alle Bänder gleich wenig (oder viel) zu komprimieren. Wenn sehr stark unterschiedliche Kompressionseinstellungen für die Bänder gewählt werden müssen, das Ergebnis unnatürlich wirkt, dann hängt das oftmals an der unnatürlich Balance der Frequenzbänder. In anderen Worten: Durch eine Änderung der Pegel einzelner Bänder mithilfe der Make-Up Gain kann die gewohnte Natürlichkeit wiederhergestellt werden.

Was speziell Attack und Release angeht, hat sich folgendes Vorgehen in meiner Praxis bewährt: Die mittleren Bänder (oder das mittlere Band bei einem 3-bandigen Multiband-Kompressor) stelle ich so ein, wie ich auch einen normalen Kompressor arbeiten liesse. Das erste und tiefste Band ist mit mittleren Attack- und Release-Zeiten, tendenziell etwas länger als beim mittleren Band, gut bedient. Die hohen Frequenzen klingen am besten, wenn schnelle Zeiten für Attack und Release verwendet werden.

 

Letzte Gedanken zur Multiband-Kompression

Vielleicht wird dich dieser Artikel nicht über Nacht zu einem Meister der Multiband-Kompression machen, aber das war auch nicht das deklarierte Ziel. Weiter oben sagte ich ja schon, dass für mich Kompression und Equalizing die beiden schwierigsten Effekte in der Musikproduktion waren. Und auch heute stellen mich einige Projekte immer mal wieder vor echte Rätsel, was das angeht.

Üben, üben, üben, Fehler machen und neu anfangen sind wahrscheinlich der einzige Weg, um den richtigen Umgang mit Effekten in der Musikproduktion zu erlernen.

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Lesermeinungen (6)

zu 'Musikproduktion: Multiband-Kompression erklärt – der Multiband-Kompressor'

  • Juergen
    20. Nov 2009 | 16:49 Uhr Antworten

    Endlich wird dieses Thema mal ein wenig entmystifiziert. Man muß sich nur einmal an die Multibandkompression heranwagen, dazu braucht man keine SAE-Ausbildung oder eine Abhöre im 5-stelligen Eurobereich.
    Ich denke, dieser Artikel gibt einen sehr guten Einstieg.

  • Dieter
    20. Nov 2009 | 23:33 Uhr Antworten

    immer wieder gern gelesenes Thema…Danke Carlos

    ihr seid super!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  • Carlos (delamar)
    22. Nov 2009 | 15:02 Uhr Antworten

    Hallo Juergen, hallo Dieter und vielen Dank für die netten Worte. So etwas hören wir hier auf delamar natürlich gerne!

  • Monsta
    14. Jan 2010 | 21:22 Uhr Antworten

    hallo Carlos, klasse deine Tipps ( im allgemeinen ), konnte viel lernen bisher. Der Multibandcompressor ist wirklich der Hammer, konnte endlich mal eine Masterspur komplett in den Griff bekommen ohne ständig Kompromisse einzugehen.ps: hab noch so viele Fragen : Bassgitarre macht mir am meißten Schwierigkeiten, vielleicht dazu mal ein tutorial und wie bekomme ich ich das lästige Rauschen bei verzerrten Gitarren ( Rammstein , Mutteralbum, was für eine Wahnsinnsproduktion ) weg , ohne das ich so extrem die Höhen nehmen muss ?

    und nochmal: Danke Carlos für die große Mühe die du dir machst dein Wissen zu teilen !!!

  • Frank
    26. Jul 2010 | 12:13 Uhr Antworten

    super Beitrag! Ich stöbere momentan auch durch ältere Beiträge, die wie dieser auch heute noch gelten. Habe bereits einige Erfahrungen im Mixing- und Mastering-Bereich mit Multiband-Kompression sammeln können und bin auch der Meinung, dass man mit Multiband-Kompression nicht immer alles fetter oder besser macht, sondern auch ganz schnell alles unnatürlich klingen kann – oft lade ich bei Multiband-Kompression direkt unter den Multiband-Kompressor einen Single-Band-Kompressor und vergleiche immer wieder. Nicht selten erkennt man zum Schluss, dass man mit Single-Band speziell auf Gruppenspuren und Einzelspuren bessere Ergebnisse erzielen kann, die einfach natürlicher klingen. Vielen Dank für den kritischen Beitrag!

  • marcelo
    16. Feb 2011 | 11:39 Uhr Antworten

    ach sooo .., jeztz ist mir einieges klar.
    tolle erklärungen auch für anfänger ..
    ich lerne viel bei euch
    vielen vielen dank !

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