Gesang aufnehmen und bearbeiten: Für natürliche, professionelle Vocals

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Gesang aufnehmen und bearbeiten: Für natürliche, professionelle Vocals

Du willst Rap-Vocals, Sprache oder Gesang aufnehmen und bearbeiten? Beim Mixing & Editing gibt es ein paar einfache Tricks, um natürliche, professionelle Vocals zu erzielen ...

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Gesangsstimme bearbeiten

Bei einer Gesangsaufnahme können sich viele Nebengeräusche einschleichen. Sie sind während der Aufnahme kaum zu merken, wenn der Sänger singt oder der MC rappt. Beim Gegenchecken werden sie aber klar hörbar: Das Rascheln der Hi-Hats aus dem Kopfhörer, das knisternde Textblatt oder die Reibung von Kleidung in der Bewegung.

Dann greifen viele Producer im Homerecording und semiprofessionellen Bereich gerne zum Noise Gate. Das ist die schnellste Lösung, um Nebengeräusche aus der Gesangsspur zu entfernen, führt aber mitunter dazu, dass mehrere Wörter abgehackt werden oder in anderer Weise unnatürlich klingen.

Gesang aufnehmen & bearbeiten: Geheimrezept für professionelle Vocals

Ungewollte Nebengeräusche in einer Gesangsaufnahme

Gesang bearbeiten mit dem Noise Gate

Wer die natürlichen Lautstärkeschwankungen einer Gesangsaufnahme im Vorfeld nicht gut genug (und manuell) ausgeglichen hat, wird bei der Verwendung eines Noise Gate schnell feststellen, dass die Vocals »gated« klingen. In dieser Situation die richtige Einstellung für das Noise Gate zu finden, scheint schier unmöglich. Ganz zu schweigen davon, dass es zeit- und nervenaufreibend ist.

In den meisten Fällen dürfte es aber das Zeit sein, dass die Gesangsaufnahme natürlich klingen soll. Dazu muss sie einerseits sauber sein und auf Hochglanz poliert werden, andererseits darf sie an keiner Stelle abgeschnitten werden. Ohne einen manuellen Lautstärkenausgleich wird ein Noise Gate (fast) immer dazu tendieren, an einer an einer Stelle des Songs richtig gut zu klingen, an einer anderen Stelle dafür aber auch mal gar nicht gut.

Deine Möglichkeiten wären:

  • Das Noise Gate automatisieren
  • Die einzelnen Gesangsparts auf eigene Spuren packen und dort jeweils ein Noise Gate mit eigenen Einstellungen draufpacken

Beides klingt nicht nur nach viel Arbeit, das ist es auch. Hinzu kommt, dass bei der zweiten Lösung noch zusätzliche CPU-Resourcen benötigt werden, die an einer anderen Stelle besser eingesetzt wären.

Gesang aufnehmen & bearbeiten: Geheimrezept für professionelle Vocals

Immer noch Nebengeräusche trotz bearbeiten der Vocals mit dem Noise Gate

Was aber viel schlimmer als der eben zitierte Arbeitsaufwand sein kann, ist die späte Erkenntnis, dass nach langem Feilen und Nachbessern der Noise Gate Einstellungen, sich ein einzelnes Wort im Song doch noch unnatürlich anhört. Noch schlimmer wird es, wenn nicht nur ein einziges Wort betroffen ist, sondern gleich mehrere Worte trotz aller Feilerei »gated« und abgehackt klingen.

Manuell vorgehen beim Gesangsstimme bearbeiten

Einer der Vorteile moderner Musikprogramme ist die exzellente Visualisierung der vorhandenen Musikdaten. Diese macht das Bearbeiten von Gesang (oder Rap-Vocals) mit einem Noise Gate im Tonstudio meiner Ansicht nach überflüssig. Ein manuelles Bearbeiten der Vocals führt mit einem überschaubaren Arbeitsaufwand zu besten Ergebnissen.

Manuelles Bearbeiten des Gesangs bedeutet in diesem Fall, dass ich alle Nebengeräusche in einer Aufnahme schlichtweg durch Stille ersetze. Damit Du das selbst in deinem eigenen Tonstudio anwenden kannst, musst Du zunächst erst einmal verstehen, welcher Teil der Aufnahme tatsächlich den Gesang und damit das Nutzsignal enthält, und welcher nur die Nebengeräusche.

In der Grafik kannst Du mehrere Bereiche mit hoher Amplitude (= Pegel) erkennen, die das gesungene Wort darstellen. Dazwischen befinden sich leise Passagen mit den Nebengeräuschen bei niedrigem Pegel. Das sind die Bereiche, die wir loswerden wollen, indem wir sie mit Stille füllen. Es gibt bestimmt mehrere Methoden, um das zu bewerkstelligen. In diesem Artikel möchte ich dir nur zwei näherbringen.

Methode 1

Ich beginne mit der Methode, die ich selbst am liebsten verwende. Sie ist sehr präzise und schnell umzusetzen. Es sind allerdings nicht alle Programme dazu in der Lage:

Manche DAWs (z.B. Cubase) oder Audio-Editoren bietet eine fantastische Funktion an, die beim Selektieren automatisch die Nulldurchgänge anvisiert. Wenn das bei deiner Software nicht der Fall ist, weichst Du auf Methode 2 ↓ aus.

In der Spur der entsprechenden Audiodatei markiere ich den Teil, der nur aus ungewollten Nebengeräuschen besteht. Dabei ist zu beachten, dass ich das Raster (»Grid«) ausgeschaltet habe, um exakt arbeiten zu können – sonst werden die Grenzen des Selektionsbereichs stets von der nächsten Zählzeit im eingestellten Taktraster »magnetisch angezogen«.

Jetzt lasse ich den markierten Bereich mit dem Effekt »Stille« bearbeiten. Das Ergebnis sieht dann so aus:

Gesang aufnehmen & bearbeiten: Geheimrezept für professionelle Vocals

Nebengeräusche am Anfang der Gesangsaufnahme mit Stille ersetzen

Um bis hierhin zu kommen, habe ich in etwa ein bis zwei Sekunden benötigt. Den Effekt »Stille« habe ich mir in Cubase als Tastaturkürzel auf die Taste »V« gelegt, um hier effektiv arbeiten zu können.

Zusammenfassung:

  • Funktion »Nulldurchgänge finden« o.Ä. aktivieren
  • Raster ausschalten (»[Snap to] Grid« deaktivieren)
  • Bereich mit Nebengeräuschen markieren
  • Stille einfügen

Methode 2

Die zweite Methode braucht etwas mehr Zeit, eignet sich dafür auf für andere DAWs, die die Nulldurchgänge nicht automatisch finden können. Der Trick bei dieser Methode ist es, zunächst die Gesangsspur in ihre Einzelteile zu zerlegen. Du musst hierfür natürlich wissen, wie man eine Spur an einer beliebigen Stelle trennen kann. Das Ergebnis bei meiner Aufnahme sieht dann in etwa so aus:

Gesang aufnehmen & bearbeiten: Geheimrezept für professionelle Vocals

Gesangsaufnahme wird in Einzelteile zerlegt

Indem Du die Ecken der Events mit der Maus aufgreifst und verschiebst, kannst Du die Nebengeräusche nun wieder aus der Gesangsspur entfernen. Zunächst reicht eine grobe Annäherung an den Anfang bzw. das Ende einer jeden musikalischen Phrase. Daraufhin kannst Du noch mithilfe von Fade-In bzw. Fade-Out das Feintuning angehen. Bei den meisten DAWs sollte somit die Problematik der Klicks und Nulldurchgänge erledigt sein.

Gesang aufnehmen & bearbeiten: Geheimrezept für professionelle Vocals

Gesangsstimme bearbeiten durch Zuschnitt mit Fade-In und Fade-Out

Zusammenfassung:

  • Raster ausschalten (»[Snap to] Grid« deaktivieren)
  • Aufnahme der Gesangsstimme in Einzelteile zerschneiden
  • Am Anfang einen Fade-In und am Ende einen Fade-Out setzen

Das Geheimrezept: Gesang aufnehmen und bearbeiten … aber gefühlvoll

Bei allen oben genannten Arbeitsschritten ist dein feinfühliges Ohr gefragt. Am Anfang wirst Du deine Bearbeitungen häufig gegenhören müssen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo sich die Nebengeräusche befinden und welcher Art diese sind – Atemgeräusche können beispielsweise (sporadisch) bestehenbleiben, damit die Stimme natürlicher wirkt. Wenn Du später mehr Übung mit diesen Methoden hast, wirst Du kaum noch an das Noise Gate zurückdenken.

Im Übrigen kannst Du beim Mixing von Rap-Vocals ähnliche Erfahrungen machen wie auch beim Bearbeiten von Gesang – schließlich handelt es sich bei beiden um menschliche Stimmen. Was ich damit sagen möchte: Die oben stehenden Tipps & Tricks zum Bearbeiten von Vocals kannst Du sowohl auf Gesungenes wie auch auf Gesprochenes anwenden.

Wir freuen uns auf dein Feedback!

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Lesermeinungen (16)

zu 'Gesang aufnehmen und bearbeiten: Für natürliche, professionelle Vocals'

  • Flx   08. Okt 2009   11:43 UhrAntworten

    Genau deshalb bin ich von Samplitude auf Reaper umgestiegen...obwohl Samplitude schon sehr sehr bequem beim bearbeiten war...hat mir die Automationsfunktion von Reaper ein noch viel zügigeres Arbeiten ermöglicht ...einfach markieren Lautstärke runterziehen fertig !

    Greets

  • Herb_G   08. Okt 2009   12:22 UhrAntworten

    Also ich mache das immer in einem separaten Audio-Editor (WaveLab, SoundForge etc.). Das ist zwar aufwändiger, aber noch präziser geht's eigentlich nicht mehr.

  • Masta Cress   08. Okt 2009   15:31 UhrAntworten

    Logic hat ein Tools namens Strip-Silence. (ProTools Benutzer habens auch) Einfach Schwellwert, Attack und Release einstellen und auf "Stille entfernen" drücken. Nicht so präzise wie von Hand, aber zumindest sind so schon einmal alle Stillen beschnitten und können manuell angepasst werden. Ganz nett bei aufgenommener Percussion, Bassparts o.ä. Aber schneidet man bei Vocals (insbesondere bei Rap) die Atmer weg zerstört man damit einen wichtigen Teil der Persönlichkeit. Würde da lieber vorsichtig sein.

  • Manuel   09. Okt 2009   19:26 UhrAntworten

    Da ich mit den Vocals mitunter die meisten Probleme beim Abmischen habe, wäre ich gerne über mehr Vocal-Tipps sehr zufrieden.

    Danke!

  • Ralf   11. Okt 2009   11:02 UhrAntworten

    Hi Carlos,

    was bedeutet Nulldurchgänge? Ich kann mir darunter nichts genaues vorstellen.

    Ich selber habe auch Cubase 5. Wo liegt der Vorteil an dem Button im Vergleich zu anderen DAWs?

  • Frank Dippold   11. Okt 2009   16:58 UhrAntworten

    Nulldruchgänge finden = quasi Tap To Transient im ProTools, nur leider bei weitem nicht so schön. Vermeidet im Cubase speziell, dass man Knackser beim schneiden verursacht, in dem man nicht mitten in einer Wellenform cutten darf.

    Cubase hat auch ein taugliches Automationsmittel
    Audio>Erweitert>"Stille suchen"

    Für VOX würde ich aber immer manuelle Arbeiten vorziehen.

  • mike   13. Okt 2009   17:00 UhrAntworten

    Carlos warum gibt es auf Delamar kein Forum?!?!

  • docmidnite   22. Jan 2010   17:38 UhrAntworten

    Bekannt und schon intuitiv angewendet - trotzdem super!

  • MaxHead   30. Jun 2010   18:17 UhrAntworten

    "Den Effekt “Stille” habe ich mir in Cubase als Tastaturkürzel auf die Taste “V” gelegt"

    Trotz Doku lesen und Googeln habe ich nichts gefunden um in Cubase 5.5 (Mac) Audio Funktionen Tastaturbefehlen zuzuordnen. Unter Cubase > Einstellungen > Werkzeug-Sondertasten habe ich z.B. "Stille" nicht gefunden.

    • Carlos (delamar)   30. Jun 2010   18:22 UhrAntworten

      Am Mac weiss ich es jetzt nicht genau, da ich hauptsächlich mit dem PC arbeite. Du findest die Funktion aber so:

      Tastaturbefehle --> Effekte --> Stille

  • MaxHead   30. Jun 2010   18:40 UhrAntworten

    1000-Dank! Beim Mac ist es genauso.
    Ich bin immer an den 'Sondertasten' hängengeblieben;-)

  • Die Seelen   05. Jul 2011   15:56 UhrAntworten

    Hm... ich arbeite lieber mit der Automation. Wozu den unnötigen Schritt, wenn ich einfach per Automation den Regler in den Pausen runterziehen kann?
    Außerdem wird mir der Sinn nicht so ganz klar, absolute Stille dort zu haben. Klar, wenn nebenan grad die Straße aufgerissen wird, macht das vielleicht Sinn. Aber um das Playback aus den Kopfhöhren zu entfernen? Hm... Also daran wird die Aufnahme bestimmt nicht scheitern. Und auch "die Großen" werden sich dieses Gepfrimel sparen.

    Nine Inch Nails hat zum Album "Year Zero" die Einzelspuren zur freien Verwendung veröffentlicht. Dort kann man in den Gesangaufnahmen sehr gut das "durchlecken" des Playbacks aus den Kopfhörern hören... ;-)

    Die Files kann man sich hier herunterladen: http://yearzero.nin.com/

    Da hört man auch mal den ein oder anderen Schmatzer... ;-)

  • Marcel   18. Nov 2012   00:24 UhrAntworten

    Also ich denke sehr wohl das gerade die "Großen" sich diese arbeit machen.
    Um es mal so zu erklären. Klar werden in richtig großen Studios Equpment verwendet welches schonmal bei weiten kein Rauschen mehr aufweist wie vielleicht bei dem ein oder anderen Homerecordler.
    Aber gerade in diesen Klassen gibt es teils für einzelne Schritte Leute die nur das eine machen.
    Es gibt Angstellte die nur dafür zuständig sind Vocals zu polieren, damit meine ich bis ins feinste durch z.B. Melodyne gerade zu ziehen (ohne das es unnatürlich klingt) und dann wieder Leute die wirklich nichts anderes machen außer Nebengeräusche aus Aufnahmen zu Schneiden.
    Wenn man sich richtig teure Produktionen anhört, findet man nichts an Nebengeräuschen, wenn doch sind diese eher gewollt.

    Also denn,
    jeder kann seine Spuren derart bearbeiten, keiner muss es :-)

    PS: Editing gilt im übrigen wirklich für alle Spuren. Damit spart man sich tatsächlich auch eine menge Einstellungen bezüglich Noise Gates. Wenn man eine Snare oder Basedrum anhand des Tempos entsprechend trimmt kann das nachher eine menge Spaß beim Mixen bringen.

  • SteiLtz   03. Feb 2014   15:18 UhrAntworten

    Hi schönen Sonntag an Alle, hoffe es geht euch gut.
    Vorrab coole Seite habt mir schon echt sehr viel geholfen damit.
    ich hab folgendes Problem: Ich arbeite mit Cubase Artist 7, interface Focusrite 2i4. Ich würde gerne im Mixer mein Eingansgpegel veringern um eine saubere Aufnahme zuerreichen. Hab mal was von -6db gelesen, stimmt das.
    Wo kann ich diesen Eingangspegel (Input Chain) einstellen??
    Vielen Dank im Vorraus. gruss Alex

  • Patrick   24. Feb 2016   01:55 UhrAntworten

    In Samplitude hab ich mir, wenn's ums Putzen von Vocal-Spuren geht, zwei Methoden angewöhnt: in den Passagen, wo nichts passiert und man vielleicht nur Hüsteln, Räuspern, Atmen, Schmatzen, ungewolltes Ankommen beim Mikro oder gar die leise Musik aus den Kopfhörern vernehmen kann, mache ich es entweder so, dass ich diese Stellen Mittels Objekttrennung markiere, dann einen Bereich über das jeweils ausgewählte Objekt lege und diesen Bereich dann ohne Nachziehen lösche. Oder aber ich tu mir die Arbeit an, markiere diese Stellen, in denen nichts passiert, spanne einen Bereich über die Markierung auf der Spur und entferne auch hier ohne Nachziehen. Diese letzte Methode mag zwar einfach gedacht sein, führt aber auch zu brauchbaren Ergebnissen.

  • caliba   05. Nov 2016   02:00 UhrAntworten

    Marcel was meinst du mit "die großen?" wie meine vorgänger schon sagten wirste sowas jenseits des hobbysbereichs net erleben. sehe auch keinen nutzen eher große fehlerquelle und aufwand darin. ich record teilweise mit den boxen voll aufgedreht wenn ich mein dynamisches nutze. ich befürchte man würde dich sehr komisch ankuggen wenn du sowas rl jemand erzählst der schonmal in ne DAW geguggt hat

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