Audio-Postproduktion für Film und Fernsehen

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Audio Post Produktion für Film und Fernsehen

Audio Post Produktion für Film und Fernsehen

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Vorbereitung der Audio-Postproduktion

In den meisten Fällen ist der Tontechniker am Set (O-Tonmeister) nicht derselbe, wie der Tontechniker in der Postproduktion (Mischtonmeister). Und so, wie am Set günstigstenfalls ein Team den Ton aufzeichnet (einer am Mischer, einer an der Angel), so bedeutet Postproduktion meistens Teamarbeit. Filmprojekte werden in Sachen Ton zudem schnell sehr umfangreich. Zumeist kommen 40-50 Spuren zusammen, auch über 100 Spuren sind keine Seltenheit. Da heißt es Überblick bewahren.

Audio-Postproduktion für Film und Fernsehen

Audio-Postproduktion für Film und Fernsehen

Der Quasistandard in der Filmbranche ist Avid Pro Tools, wobei in den letzten Jahren einige Studios (auch ich) auf den Konkurrenten Steinberg Nuendo gesetzt haben. Egal, welches Programm man für die Filmvertonung nutzt: Wichtig ist, dass man es sehr gut beherrscht und sich gut organisiert. Es empfiehlt sich daher, ein Default-Projekt für Filmton anzulegen, in dem man schon für die wichtigsten Tonarten (mindestens O-Ton, Nachsynchron, Effekttöne, Musik) entsprechende Gruppen anlegt und ggf. wichtige Effekte einbindet (dazu später mehr).

Ich habe mir angewöhnt, den Spuren der einzelnen Gruppen verschiedene Farben zuzuweisen. So fällt es mir leicht, in großen Projekten den Überblick zu bewahren. Eine sinnvolle Benennung der Spuren ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.

 

Die Übergabe – .aaf und .omf

Die Filme werden in einem Videoschnittprogramm (in der Regel Avid Media Composer, Adobe Premiere oder Final Cut) geschnitten. Diese Programme haben gemeinsam, dass sie vor allem auf die Bearbeitung des Bildes ausgerichtet sind. Wenn Du Projekte von einem Cutter (der Mensch, der die Filme schneidet) übernimmst, sollten im Vorfeld einige Dinge mit diesem besprochen werden.

Beispielsweise bietet es sich an, dass alle einer Szene zugehörigen Audiodaten an diese anlegt. Der Ton sollte aber nicht weiter bearbeitet werden. Denn die Entscheidung, welche Tonspur(en) später Verwendung findet, solltest Du treffen. Tipp: Am besten machst Du dem Cutter deutlich, dass er hier Zeit und Arbeit sparen kann, indem er sie auf dich abwälzt.

Für eine einfache Weiterbearbeitung empfiehlt sich die Übergabe des Projekts als .aaf- oder .omf-Datei. Am Besten wird hier mit dem „embedded“-Format gearbeitet. Das bedeutet, dass Du eine große Datei bekommst, in der alle verwendeten Audiodateien enthalten sind. Wird nicht „embedded“ (eingebettet), so verweist die .aaf- bzw. .omf-Datei nur auf den Speicherort der Audiodateien – hierbei könnten Soundfiles vergessen werden.

Audio-Postproduktion für Film und Fernsehen

Exportdialog für ein .omf-File in Adobe Premiere. Ganz unten sieht man die Einstellungsmöglichkeit für die Handle Length. Die Bitrate ist noch fälschlicherweise auf 16 statt 24 Bit eingestellt.

Bitte unbedingt darum, dass Du die Audiodateien mit einer sogenannten „handle length“ von mindestens 2, besser 5 Sekunden bekommst. Das bedeutet, dass Du in Deiner DAW die einzelnen Clips noch an den vom Cutter gesetzten Schnitten nach vorne und hinten aufziehen kannst. Das wird im weiteren Prozess dringend benötigt.

 

Übergabe – das Videoformat

Über den Ton hinaus brauchst Du natürlich noch ein Bild, hier sollte ein Videoformat mit Einzelbildern vorliegen. Zwar sind die Videos dann deutlich größer als mit Kompressionsverfahren wie .mpeg – aber zum einen wird dadurch der Prozessor des Rechners entlastet, zum anderen ist es wichtig das Video auf den Frame genau anfahren zu können. Erst dann lassen sich Geräusche und ggf. Sprechertakes bildgenau platzieren.

Timecode

Der so genannte Timecode dient dazu, das Bild und den Ton synchron zu halten. Er setzt sich aus Stunde (hh), Minute (mm), Sekunde (ss) und Einzelbilder/Frames (ff) zusammen. Das sieht wie folgt aus hh:mm:ss:ff. Die Anzahl der Frames hängt vom Quellmaterial ab: Europäisches Fernsehen wird mit 25 Frames pro Sekunde (fps) produziert, im Kino sind 24fps und in den USA knapp 30fps Standard.

Im Bild sollte der Timecode eingestempelt sein, damit eine Synchronisierung von Bild und Ton garantiert werden kann. Außerdem sollte in dem Video der Ton exportiert sein, den der Cutter gemeinsam mit dem Regisseur angelegt hat. Dieser Ton dient dir in der weiteren Produktion als Guide (Leitfaden). Bestenfalls wird hier auf einem Kanal (links) der O-Ton und auf dem anderen Kanal (rechts) die Layoutmusik, die dem Filmkomponisten als Stilvorgabe dient, ausgespielt.

Wenn möglich solltest Du mit dem Regisseur ein Gespräch darüber führen, wie er sich den Filmton vorstellt. Am liebsten schaue ich mir den Film mit dem Regisseur Stück für Stück an, bespreche die einzelnen Szenen und versehe sie mir in meinem Projekt mit Markern. Das erspart, während der Arbeit immer auf irgendwelche Notizen schauen zu müssen.

 

Hands On

Den Film und die .aaf- bzw. .omf-Datei importierst Du in deine DAW-Software, achte hierbei auf den Timecode. Die korrekte Framezahl kann deine Musiksoftware aus dem Video auslesen, es bietet jedoch an, dies mit dem Cutter abzuklären. Hinweis: Professionelle Sendebänder beginnen nicht mit einem Timecode von 0, sondern bei 09:58:00:00, wobei das eigentliche Sendebild bei 10:00:00:00 startet.

Es empfiehlt sich, dies in der DAW zu übernehmen, damit der Timecode in der Transportbar sowie der in das Video eingestempelte einander entsprechen. Den O-Ton kopierst Du einmal in eine Spur deiner DAW und schaltest ihn stumm bzw. deaktivierst die Spuren. Er dient künftig nur als Backup, falls Du noch einmal an das Original eines Clips musst, der zu stark bearbeitet wurde.

 

EBU R.128

Bevor Du einen Film abmischst, gilt zu klären, für welches Zielmedium der Film gedacht ist. Soll der Film beispielsweise auf YouTube oder einer vergleichbaren Plattform online laufen, darf er ähnlich wie bei Musik möglichst laut sein. Ist hingegen das Fernsehen Zielmedium, gilt es, sich an der Norm der Senders zu orientieren. Die genauen technischen Spezifikationen erfährst Du vom Sender.

Grundsätzlich gelten in Europa die Spezifikationen der European Broadcasting Union, kurz EBU – für den Ton ist es EBU R 128. Zuvor (und im Radio bis heute) galt die EBU R 68. Bei dieser Norm war lediglich der Spitzenpegel definiert – und zwar mit -9 db FS. Das sind 9 dB unter dem digitalen Maximalpegel, der so genannte Headroom.

Gerade im Radio und im Bereich der Werbung war es üblich, die Gesamtmischung hart gegen einen Limiter zu fahren, womit die Dynamik massiv beschränkt wurde, während die empfundene Lautstärke (technisch korrekt: die Lautheit) anstieg. Dies führte genau zu dem bekannten Effekt, dass die Werbung immer wesentlich lauter klang als das sonstige Programm. Um dies zu ändern, einigte man sich bei der EBU darauf, künftig nicht mehr allein den Spitzenpegel zu definieren, sondern den Durchschnittspegel als Maß zu nehmen.

Dieser wird kompliziert errechnet und in Loudness Units (LU) angezeigt. Eine LU entspricht einem dB, allerdings nicht als Momentanmessung, sondern als Durchschnittsmessung über die gesamte Länge des Programms. Dabei ist es unwichtig, ob es sich um einen 30-sekündigen Werbespot oder einen 90-minütigen Film handelt.

Neben der Messung über die gesamte Programmdauer („integrated“) werden noch zwei weitere Werte ermittelt: einmal die durchschnittliche Lautstärke über 3 Sekunden („short term“), außerdem die durchschnittliche Lautstärke der letzten 400 Millisekunden („momentary“). Zusätzlich zu der Durchschnittslautstärke, die für das Gesamtprogramm mit -23 LUFS (also 23 dB unter der digitalen Vollaussteuerung, dieser Wert wird auch als 0 LU festgehalten) ist auch der Spitzenpegel definiert.

Laut EBU R128 liegt dieser bei -1 dbFS True Peak – gerade hier weichen einige Sender von den internationalen Vorgaben ab. So gönnen sich ARD und ZDF derzeit 3 dbFStp Headroom.

Über die EBU R128 könnte man viel schreiben, als kurzer Überblick sei es an dieser Stelle genug. Weitere Informationen findest Du hier:
» R128 – Die leise Revolution der Pegelmessung

Audip-Postproduktion für Film und Fernsehen

Metering nach der EBU R128, hier in Form von iZotope InSight

Mittlerweile bieten die meisten DAWs eine Pegelmessung gemäß der EBU R 128 an, zudem gibt es diverse Metering PlugIns, die diese Messung ebenfalls durchführen. Die von mir genutzte Audio Post DAW Steinberg Nuendo bietet sogar eine eigene Loudnessspur, mit der man den aktuellen Stand seiner Mischung immer gut im Griff hat.

 

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Lesermeinungen (4)

zu 'Audio-Postproduktion für Film und Fernsehen'

  • Dennis   31. Jan 2015   12:02 UhrAntworten

    Hallo,

    vielleicht ein kleiner Nachtrag zu Synchron-Aufnahmen.
    Also meiner Erfahrung nach bedeutete ADR immer schon Automated Dialogue Replacement. Oft auch als "technisches Synchron" betitelt. Vielleicht haben sich da ja neue Namen etabliert.?.
    Spricht man nur von "Synchron" sind Sprachsynchron-Aufnahmen in anderen Sprachen gemeint.

  • Maz   01. Feb 2015   10:11 UhrAntworten

    :) Für mich waren das immer "additional dialog recordings", nun haben wir 3 versionen.

  • Manuel   04. Feb 2015   14:43 UhrAntworten

    Embedded ist nicht immer die beste Wahl. Gerade bei vielen Schnittänderungen werden so immer wieder mehrere GB Daten (je nach Projekt) transferiert.

    Wenn man stattdessen mit "link to media" arbeitet, hat die neue OMF-Datei mit den Änderungen nur ein paar KB.
    Der Media-Files Ordner ist dann ja schon im Tonstudio.
    Nur wenn neue Audiodateien hinzukommen, müssen diese mit transferiert werden.

    Bei "Link to Media" fällt dann auch die Handle-Length weg, wenn man die Daten nicht vorher noch konsolidiert.

    Leider sind da die Schnittprogramme nicht einheitlich und können unter Umständen nicht alle Einstellungen ausgeben.

  • Dennis   04. Feb 2015   17:43 UhrAntworten

    ;-)

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