VirSyn Reflect Testbericht: Grosser Hall, kleiner Preis

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VirSyn Reflect Testbericht: Ein Hallgerät der Superlative

Wenn es um die Veredelung der Aufnahmen geht, wird von allen Musikproduzenten gut und gerne auf zahlreiche Effekte zurückgegriffen. Der König unter diesen – und beinahe unverzichtbar – ist der Effekt Hall. Zumindest gilt dies, wenn man nicht gerade über exzellent klingende Aufnahmeräume mit ebenso exzellent klingenden Mikrofonen verfügt. „Tja“, sagt selbst der betuchte Profi, „hab ich nicht, dann nehme ich mal eben mein teures Lexicon-Hallgerät und machs damit richtig schön.“ Mit dieser Lösung kann mir leider der weniger Betuchte wenig bis nichts anfangen, denn diese kostet ja auch ein, mit Verlaub, Schweinegeld.

Die meisten Reverb-Plugins auf dem Markt sind im Gegensatz zur Hardware zwar bezahlbar, aber so richtiger Jubel will (bzw. wollte) sich in klanglicher Hinsicht nicht einstellen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Auch wenn manche Software sich einer gewissen Beliebtheit auf Grund ihres charaktervollen Sounds erfreuen kann, realistisch klingen diese deswegen noch lange nicht.

Für den Low-Budget Bereich ging ein Licht am Ende des Tunnels auf, als ein schlauer Kopf den Faltungshall (Convolution Reverb) erfand. Im Gegensatz zum synthetischen Hall (der zum Beispiel bei den Geräten von Lexicon oder auch vielen Reverb-Plugins genutzt wird), der durch künstlich erzeugte Reflexionen bestimmte Raumtypen nachbildet, nutzt der Faltungshall eine akustische „Probe“ eines echten Raumes als Grundlage. Durch das Erzeugen eines Geräusches wird hierzu der individuelle Nachhall eines beliebigen Raumes per Mikrofon (Stereomikrofonie um genau zu sein) aufgenommen werden. Diese Probe, bzw. Aufnahme wird Impulsantwort genannt. Sie ergibt einen typischen Signalverlauf, der oft als Fingerabdruck des individuellen Raumklanges bezeichnet wird.

Mit diesem individuellen Raumklang (oder Hall) kann dann in der Produktion ein beliebiges Audiosignal versehen werden. Dieses Audiosignal sollte zumindest in der Theorie dann so klingen, als wäre das Ereignis in dem entsprechenden Raum passiert. Praktisch ist das nicht ganz so. Die Hörperspektive entspricht immer der Mikrofonposition (Stereomikrofonie) bei der Impulsanwort-Aufnahme.

Der Falltungshall hatte (und hat) bei vielen Softwareplugins aber trotz der hochwertigen Klangqualität einen Nachteil. Im Hinblick auf die Einstellmöglichkeiten ist ein Faltungshall sehr unflexibel. Dass das aber nicht so sein muss, hat das Unternehmen VirSyn mit einem nahezu genial einfachen und einfach genialem Konzept gezeigt. Man programmiere eine Kombination aus einem algorithmischen Hall und einem Faltungshall. Und schon hat man ein Hall-Plugin geschaffen, das authentisch wie ein Faltungshall klingt und flexibel wie ein algorithmischer Hall einzustellen ist.

 

Die Installation für den VirSyn Reflect Testbericht

Das Programm führt nach einlegen der CD durch die Installation, die bei mir auf beiden Testrechnern (sowohl PC als auch Mac) reibungslos verlief. Die Lizenzierung der Software läuft dann über den Dongle von Syncrosoft, der Nutzern von Cubase hinreichend bekannt sein dürfte. Die Lizenz für den VirSyn Reflect wird auf diesen Dongle heruntergeladen.

Um das Hall-Plugin VirSyn Reflect nutzen zu können sind vom Hersteller einige Mindestanforderungen definitert worden. Für den PC gilt:

Pentium III/IV, Athlon XP mit min. 1 GHz / Microsoft Windows XP. / min. 512 MB RAM Arbeitsspeicher / min. Bildschirmauflösung 1024×768 / 16-bit Farben / 20 MB freier Speicher auf der Festplatte / VST2.4 / RTAS kompatibler Hostsequenzer

Für den Mac gilt analog:

G4 / G5 / Intel based Mac mit min. 1GHz / Mac OS X 10.4 / Universal binary / min. 512 MB RAM / min. Bildschirmauflösung 1024×768 / 20 MB freier Speicher auf der Harddisk / VST2.4 / RTAS / AudioUnit kompatibler Hostsequenzer

 

Die Oberfläche des VirSyn Reflect

Auf der linken Seite der Benutzeroberfläche berfindet sich ein Browser, der Zugriff auf die mitgelieferten Hallprogramme bzw. die Presets erlaubt. Diese wurden vom Hersteller in folgende Kategorien unterteilt:

  • Ambience, Hallprogramme ohne Nachhallfahne
  • Chambers, klassische akustische Kammern
  • Halls, realistische Konzerthallen und andere natürliche und große Räume
  • Plates, Simulation analoger Plattenhallgeräte
  • PostPro, spezielle Räume für Post Production
  • Rooms, kleine natürliche Räume
  • Spaces , große und “unmögliche” Räumlichkeiten

Neben dem Browser findet sich im oberen Bereich die grafische Darstellung des gewählten Hall-Algorithmus bzw. des Musters seiner Early Reflections. Diese visuelle Aufbereitung sieht zwar toll aus, darf aber von ihrer Nützlichkeit eher unter dem Punkt Spielerei verbucht werden. Für Einstellung eines Halls oder eines Raum dürfte der Nutzen eher gering ausfallen.

 

Die Oberfläche des VirSyn Reflect (Testbericht)

Die Oberfläche des VirSyn Reflect (Testbericht)

 

Gleich links von der eben erwähnten Darstellung ist hingegen etwas Wichtiges zu finden: Das Inputmeter. Diese Anzeige zeigt den Spitzenpegel des Eingangssignals vor dem Gain-Regler an. Rechts davon befindet sich dann das Outputmeter. Diese Anzeige zeigt den Spitzenpegel des Audioignals nach dem Durchlaufen der Bearbeitung durch VirSyn Reflect an.

Unter der Darstellung der Erstreflexionen findet sich die Sektion mit einige Drehreglern. Diese sind der Übersichtlichkeit halber farblich unterteilt und bilden dadurch zusammgehörige Gruppen. Diese sind:

Sich auf das Direktsignal beziehend:

  • Gain – Anpassung der Eingangsverstärkung im Bereich von +/- 20 dB.
  • Predelay – Verzögerungszeit zwischen direktem Signal und dem Einsetzen der Nachhallfahne. Eingestellt werden kann von 0 bis 300 ms.

Für die Erstreflexionen des VirSyn Reflect:

  • Size – Der zeitliche Abstand der Reflexionen kann in einem Bereich von 10 – 100 % variiert werden, um den Eindruck der Raumgröße von klein nach groß zu verändern.
  • Damping – Dieser Parameter simuliert die natürliche Dämpfung hoher Frequenzen, die durch die Reflektion der Schallwellen an den Wänden verursacht wird. Hiermit lassen sich auch unterschiedliche Wandbeschaffenheiten und Materialien simulieren.
  • Stereo – Dieser Regler stellt die Stereobreite der Early Reflections ein.

Zum Einstellen der Nachhallfahne:

  • Time – Hier lässt sich die RT60 (= die Nachhallzeit, die der Schalldruckpegel benötigt, um auf -60 dB abzuklingen) in einem Bereich zwischen 50ms und 100s regeln
  • Size – Die Raumgröße wird unter anderem durch den Abstand der Wände zueinander bestimmt. Die dadurch verursachten Laufzeiten zwischen den Schallreflexionen können durch diesen Regler verändert werden.
  • Absorption – Simuliert die Abschwächung hoher Frequenzen durch die Luft und die reflektierenden Oberflächen. Mit diesem Parameter wird die Nachhallzeit hoher Frequenzanteile kürzer als bei tiefen Frequenzen.
  • Diffusion – Dieser Regler beeinflusst die Dichte aufeinanderfolgender Echos in der Nachhallfahne.
  • Modulation – Der Parameter “Modulation” ermöglicht die fortlaufende leichte Veränderung der Echolaufzeiten und hilft damit, unerwünschte Klangverfärbungen zu reduzieren.
  • Stereo – Dieser Regler stellt die Stereobreite der Nachhallfahne ein.

Die Equalizer Sektion für die Bearbeitung des Frequenzspektrum des Halls

  • LF – Ein Lowshelffilter mit einstellbarer Frequenz von 20Hz bis 1kHz und Gain von -20dB bis +20dB
  • LMF – Ein voll parametrischer EQ von 200Hz bis 1kHz
  • HMF – Ein voll parametrischer EQ von 1kHz bis 8 kHz
  • HF – Ein Highshelffilter mit einstellbarer Frequenz von 1kHz bis 20kHz und Gain von -20dB bis +20dB

Regelung der Hallanteile

  • Dry/Wet – Regelt die Einstellung des Anteils des trockenen Eingangssignals und dem Hallanteil.
  • Tail/Early – Regelt die Relation der Anteile von Earlys und Nachhallfahne.

 

Die Praxis beim VirSyn Reflect Testbericht

Nachdem wir jetzt einen guten Überblick der Parameter des Hall-Plugins VirSyn Reflect bekommen haben, wird es Zeit mal über die Praxis zu sprechen. Ich war von Anfang an von der VirSyn-Idee begeistert und konnte es kaum erwarten, das Plugin in der Praxis zu testen. Neben vieler realer, abgesampleter Räume bietet VirSyn Reflect auch Impulsantworten von bekannten Outboard-Hallgeräten wie dem EMT 244 oder dem EMT 250 (auch unter dem Namen Weltraumheizung bekannt).

Leider fehlte mir bei den Proben zu diesem Testbericht der direkte Vergleich zu den Räumen beider Geräte, aber dennoch kann ich sagen, dass die mitgelieferte IR-Library sehr überzeugend und wohlklingend daherkommt.

Mit einigen der mitgelieferten Impulse Responses (IR) konnte ich allerdings bei meinen Tests relativ wenig anfangen. Diese sind vielleicht eher als Special Effect zu gebrauchen. Dies soll aber nicht als Kritik verstanden werden, da bei der unglaublichen, mitgelieferten Vielfalt an verschiedenen Presets eigentlich keine Wünsche offen bleiben sollten für die professionelle Musikproduktion. Sollte dennoch jemand in der mitgelieferten IR Library nicht finden, was er begehrt, lässt sich diese auch mit IRs von Drittherstellern erweitern.

Die beim VirSyn mitgelieferten Räume zeichnen sich für den für Faltungshall typischen Realismus aus. Die Regelmöglichkeiten ermöglichen in der Praxis tatsächlich die Flexibilität eines algorithmischen Halls. Das Beste hieran: Der realistische Eindruck geht niemals flöten dabei.

Einzig der eingebaute Equalizer konnte mich nicht überzeugen. Dazu hat er mir einfach nicht kraftvoll genug zugepackt. Natürlich muss ich zugeben, dass das Jammern auf höchstem Niveau ist. Aber ich hab ihn letztlich durch mein präferiertes EQ-Plugin ersetzt.

Eine Sache, die nicht unerwähnt bleiben darf ist der Leistungshunger des VirSyn Reflect. Auf meinem (zugegeben schwachen) 2GHz Notebook mit 2 GB Arbeitsspeicher konnte ich gerade mal drei Instanzen des Hall-Plugins, den XLN-Drummer und einen Spectrasonics-Trilogy öffnen bevor es vor CPU Auslastung anfing zu knacksen. Auf meinem G5 mit 2,7 GHz und 3 GB Arbeitsspeicher waren es aber immerhin schon doppelt so viele Instanzen, dazu den XLN-Drummer, den Trilogy, einen Amplitube 2 und zwei GuitarRig 3 sowie drei Sonnox-Kompressoren.

 

Hörbeispiele zum VirSyn Reflect Testbericht

Gitarre ohne und mit Konzert Hall:

Snare Drum ohne und mit Early Reflections:

 

Übersicht VirSyn Reflect Testbericht

Pro

  • Geiler Sound
  • Umfangreiche und effektive Regelmöglichkeiten
  • Übersichtliche Oberfläche
  • Preis

 

Contra

  • Ressourcenhungrig
  • Dongle (Ich brauche meine USB-Anschlüsse für sinnvolle Dinge)

 

VirSyn Reflect Testbericht: Fazit

Der VirSyn Reflect klingt in jeder Situation wie ein echter, natürlicher Raum. Die Klangqualität ist hervorragend und bei vielen Impulse Responses kommt mir die Bezeichnung „richtig geil“ in den Sinn. Ich selbst hatte noch nie ein Hall-Plugin, das mir eine derart realistische Tiefe vermitteln konnte und gleichzeitig meine Mixes so sehr aufgewertet hat.

In Sachen Soundqualität steht der VirSyn Reflect einem Lexicon in nichts nach, wie ich finde. Er ist ihm ebenbürtig und schlägt ihn sogar in puncto Realismus. Einzig wenn es um die klassischen Hollywoodstrings geht, will der Reflect nicht ganz so schmachtig klingen.

Die Downloadversion des VirSyn Reflect ist derzeit für etwa 169,- Euro beim Hersteller erhältich. Ein fairer Preis bedenkt man die vielfältigen Möglichkeiten und den fantastischen Klang, den man dafür bekommt.

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Lesermeinungen (5)

zu 'VirSyn Reflect Testbericht: Grosser Hall, kleiner Preis'

  • Felix (delamar)   12. Nov 2009   15:14 UhrAntworten

    Und aufgepasst, bis Ende November kostet das gute Stück nur 99,- Euro! Wie auch viele andere Plugins von VirSyn in diesem Rabattherbst preiswerter daherkommen: http://www.delamar.de/spartipps/spartipp-virsyn-plugins-bis-ende-november-guenstiger-6110/

    :D

  • Maik   13. Nov 2009   17:26 UhrAntworten

    Schöner Test. Allerdings nervt mich dieser momentane Trend, dass der Hall so realistisch wie möglich klingen soll. Realistischen Hall habe ich den ganzen Tag am Kopf. Den brauch ich nicht noch in der Aufnahme. ;-) Wenigstens kann man eigene Impulse reinladen.

  • Alexander Geisen (delamar)   18. Dez 2009   12:07 UhrAntworten

    Lieber Maik

    Klar hast du realistischen Hall den ganzen Tag um die Ohren.
    Darum sind unsere Ohren auch so kritisch mit der Beurteilung von
    Hall.
    Ein funky Schlagzeug zum Beispiel bekommt erst durch die richtige, natürliche Ambience sein Flair. Das würde uns aber erst dann auffallen, wenn sie fehlt.
    Klar sind manche unnatürlich klingende Hall-FX manchmal echt geil (gerade wenn bei elektronischer Musik), aber meiner Meinung nach wird ein natürliches Instrument erst dann richtig sexy und erhält seinen Platz im Mix, wenn es einen natürlichen Raum zum entfallten hat.
    Mein Rat hör dir mal einige GUTE Funk-, Rock- (nicht unbedingt Metal), Jazz- und Singersongwriter-Platten an (verzichte dabei bitte auf MP3) an und achte auf die Räumlichkeit.
    In der Natürlichkeit der Räume macht sich häufig der Unterschied zwischen geil und Grütze bemerkbar.
    Ich finde echte Räume auf jeden Fall sexy und für mich macht es einen unterschied einen Konzertraum oder mein Wohnzimmer zu hören.
    Alles Liebe
    Lex

  • Maik   18. Dez 2009   12:46 UhrAntworten

    Hi Alex.
    Sicher hast du recht. Und keine Sorge. MP3 gibt es bei mir nur im Notfall. ;)
    Aber ich finde, dass du auch einen wichtigen Punkt ansprichst. Du erwähnst echten Hall in bezug mit Funk. Was ich damit sagen möchte ist, dass es natürlich auch immer noch auf den Musik Stil ankomt, welchen Hall man benutzt. Es würde wahrscheinlich sehr seltsam klingen, wenn auf einer Funk aufnahme ein Wölkchenzuckerwattehall zu hören wäre. Ich z.B. nutze den Hall als Stilelement um eine mystische, oder geheimnisvolle Atmosphere zu schaffen.
    DA wäre ein echter Hall nicht ganz so optimal. Wenn ich jetzt allerdings Funk, Jazz oder Rock machen würde, würde ich auch eher auf einen echten Raum zurückgreifen.

    Liebe Grüße

    Maik

  • Twigg   07. Apr 2011   15:34 UhrAntworten

    Gibt es in der Zwischenzeit eine aktuellere Version von VirSyn Reflect. Habt Ihr Erfahrungen damit? Freue mich auf Euer Feedback! Vielen Dank vorab! :-)

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