Lou Reed und die Letzten ihrer Art

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Lou Reed

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Die Letzten ihrer Generation

Reeds avantgardistischer Velvet Underground war keine Musikgruppe mit kommerziellem Erfolg. Das hätte wohl auch nicht in ihr Konzept gepasst. In einer Zeit, in der Hippies, (Vorsicht: Klischee!) beschwingt durch LSD und Anti-Kriegs-Orgien leicht bekleidet durch die Wiesen hüpften und Friedenshymnen anstimmten, sangen Velvet Underground über Heroin, Sadomasochismus, Homosexualität, Selbstmord und dergleichen. Das berühmte Debütalbum »The Velvet Underground & Nico« von 1967, auf dem die deutsche Sängerin Nico zu hören ist, und auf dem Warhols Banane prangt, hat heute Kultstatus erreicht.

Die Platte wurde nicht nur von Andy Warhol produziert, also finanziert. Er machte die Gruppe auch zur Hausband in seiner Factory. Dieses Album, das heute, wenn auch nicht jeder schon einmal gehört, so jedoch wenigstens schon einmal gesehen hat, verkaufte sich nicht sonderlich gut.

Brian Eno soll dazu gesagt haben, dass es sich wahrscheinlich nur 30.000 Mal verkauft hat, aber alle 30.000, die das Album gekauft haben, gründeten eine Band. Christian Buß bringt es im Spiegel auf den Punkt: »Ohne Lou Reeds Velvet Underground, so einfach ist das, keine Sex Pistols. Keine Nirvana. Kein Radiohead«.

Reed, John Cale, Maureen Tucker, Sterling Morrison und Nico hatten neben neuen Themen auch einen neuen Sound (Lieder, die die 3-Minuten-Grenze überschreiten, mit möglichst wenigen Akkorden gespielt) und einen chronisch morbiden, grenzgängerischen Blick auf die Welt als Aushängeschild.

Zudem versuchten sie Poesie und Musik zu verknüpfen. Lou hatte an der Universität den Lyriker Delmore Schwartz kennengelernt und besuchte seinetwegen Kurse in Creative Writing. Was man den Songs definitiv anhörte: Reed war auch ein ausgenommener Fan der Romane von William S. Burroughs, der seine Drogensucht zu einem Hauptthema seiner Werke machte. Diedrich Diederichsen hat die Songs von Velvet Underground einmal als »ausbaufähige transparente Formeln, ein klarer, von jeder Sentimentalität befreiter Bausatz«, beschrieben [»Velvet Underground: Die fantastischen Vier« mit Jutta Koether in Spex 8/93, S. 5].

Nacheinander verließen die Gründungsmitglieder die Band. Erst Cale, dann Reed sowie Morrison, später Yule und Tucker. Reed wandte sich seiner Solo-Karriere zu, die Unterstützung in David Bowie fand. Im Jahr 1972 produzierte dieser das Album »Transformer«, auf dem sich Reeds erfolgreichste Single »Walk on the Wild Side« befindet. Zusammen mit Bowie und Iggy Pop wohnte Reed Ende der 70er-Jahre in einer West-Berliner WG, die für ihre Exzesse bekannt war.

Von Bowie schaute sich Reed auch eine provokante Inszenierung seiner (Homo-)Sexualität ab, die seine Eltern im Jugendalter noch mit einer Elektroschock-Therapie bekämpfen wollten. Um so witziger, dass Reed wie Bowie später beide Frauen heiraten sollten. Reed profitierte in dieser Zeit auch ungemein von der Punkbewegung, die in ihm und Velvet Underground Altmeister ihrer Sache erkannten.

Im Jahr 1993 geschah das Undenkbare: The Velvet Underground formierten sich neu und traten wieder zusammen auf. Eine Reunion auf Dauer scheiterte jedoch, weil sich die Streithähne Reed und Cale zu sehr auf die Nerven gingen.

Es folgten Musical-Projekte mit dem Kult-Regisseur Robert Wilson, die Aufnahme Reeds in die Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland, das Vertonen der Texte von Edgar Allen Poe für das Stück »POEtry«, Ausstellungen seiner Fotografien in Amerika und Portugal, die Hochzeit mit der Performance-Künstlerin Laurie Anderson, die musikalische Zusammenarbeit mit Metallica und Wilson für seine Theaterproduktion von Wedekinds »Lulu«, Songs mit The Killers und den Gorillaz, Tai Chi, politisches Engagement…

…und schließlich die Lebertransplantation, von der er sich nicht mehr erholte. Weltweit bekundeten Musiker und Bands ihre Trauer, darunter Kiss, Mötley-Crüe, Rage Against The Machine, The Who, die Pixies, Morrissey, Kim Gordon, Billy Corgan, Flea, Slash, Amanda Palmer, Iggy Pop, Patti Smith, David Bowie und und und.

Lewis Allan Reed, Autor dieser vielen einzigartigen poetischen Kampfansagen, Journalisten-Hasser und Nörgler par excellence, ist letztlich Opfer seines Lebensstils geworden. Es ist ein Wunder, dass er überhaupt so alt geworden ist. Er selbst hat in 90er-Jahren einmal gesagt: »Ich habe versucht, von den Drogen loszukommen, indem ich getrunken habe. Das hat nicht geklappt«.

Es dauert nicht mehr lange, bis sich auch die letzten Helden der Musikgeschichte verabschieden. In einer Zeit, die alles schon gesehen hat und in der man nichts Neues mehr erfinden kann, gibt es keine Helden mehr. Mal ehrlich – wird man einen Justin Bieber oder eine Miley Cyrus irgendwann einmal wie einen Lou Reed oder Syd Barret vermissen, wenn sie nicht mehr da sind? Und wir vermissen sie noch nicht einmal, weil sie auch heute noch gute Musik machen (etwa Bowie, Cave, Waits), sondern weil sie für etwas stehen.

Die letzten ihrer Art (to be continued): David Bowie, Paul McCartney, Nick Cave, Eric Clapton, Leonard Cohen, Bob Dylan, Brian Eno, Ian Gillan, Brian Johnson, Lemmy Kilmister, B. B. King, Ozzy Osbourne, Jimmy Page, Iggy Pop, Paul Stanley, Ringo Starr, Tom Waits, Neil Young und natürlich alle Mitglieder der gebrechlichen Rolling Stones…

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Lesermeinungen (3)

zu 'Lou Reed und die Letzten ihrer Art'

  • Cristián Elena   01. Nov 2013   14:19 UhrAntworten

    Es bleibt sehr wahrscheinlich eine große kreative Leere, denn -wie im Artikel erwähnt- in Sachen Rockmusik scheint alles schon mal da gewesen zu sein. Vieles von dem, was heute als "innovativ" gepriesen (gehyped?) wird, kann einen solchen Prädikat höchstens bei Spätgeborenen gültig machen. Aber, so wichtig mir Musik immer noch ist, scheint das Ganze nicht sooo schlimm, wenn man betrachtet, von welchen Katastrophen sich die Menschheit bereits erholt hat...

  • Blondes Gürteltier   01. Nov 2013   14:30 UhrAntworten

    Ich habe mich noch nie musikwissenschaftlich mit solchen Fragen auseinandergesetzt, von daher möge man mir meine Naivität und Unwissenheit verzeihen, wenn ich sage, dass der Satz "Es ist schon alles erfunden worden" wahrscheinlich schon 1842, 1632, 1105 und 345 v. Chr. (um jetzt irgendwelche willkürlichen Zahlen reinzuschmeißen) benutzt wurde.
    Eine große Generation verabschiedet sich, die ich selbst nicht bewusst miterlebt habe, die mich jedoch in meinem Musikverständnis geprägt und indirekt immer begleitet hat. Das ist schade, zumal ich gerade auch keine wirklich vergleichbaren großen Persönlichkeiten in der Musiklandschaft sehe. In meiner Wahrnehmung ist populäre Musik gerade auch sehr sehr austauschbar, aber dass da jetzt auch nichts mehr kommen soll halte ich doch für nostalgische Schwarzmalerei.

  • Wolf D. Schneider   01. Nov 2013   19:12 UhrAntworten

    Da verblasst Nix und Niemand ! Die sterben halt langsam weg - aber leuchten werden sie weiterhin... B|

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