Vocal Recording: 3 Gründe, ein dynamisches Mikrofon zu nutzen

Vocal Recording: 3 Gründe, ein dynamisches Mikrofon zu nutzen

Kondensatormikrofone mit Großmembran bieten (entsprechende Qualität vorausgesetzt) einen tollen Klang auf Stimmen und werden daher von einschlägigen Fachmagazinen und Toningenieuren als die Waffe zur Aufnahme von Vocals empfohlen. Was dabei häufig vergessen wird zu erwähnen: Es gibt durchaus Gründe, die dafür sprechen können, ein dynamisches Mikrofon für die Vocals zu nutzen.

Machen die Profis nicht? Nun, Michael Jackson wurde gerne mit einem Shure SM7b aufgenommen und im amerikanischen Radio wird das EV RE20 gerne für die Moderatoren genutzt. Und wer würde hier behaupten, dass der Klang nicht durchweg gut sei?

Hier sind drei Gründe, weswegen Du zu einem dynamischen Mikrofon greifen könntest:

 

1. Weniger Raumanteil

Viele Musiker und Produzenten arbeiten heutzutage in ihrem eigenen Homerecording Tonstudio in den eigenen vier Wänden. Und dabei ist häufig der Raum das grösste Problem in einer Aufnahme. Die wenigsten haben nämlich ihren Raum auf die Bedürfnisse einer guten Aufnahme ausgerichtet. Daher ist in Amateuraufnahmen überdurchschnittlich häufig der Raum ganz deutlich wahrzunehmen.

Wer also das Problem hat, dass er zu viel (ungewünschten) Raumanteil beim Vocal Recording hat, der darf getrost mal zu einem dynamischen Mikrofon greifen. Diese nehmen in der Regel wesentlich weniger Raum und Nebengeräusche auf. Eine Aufnahme mit einem dynamischen Mikro ohne surrende Computer-Lüfter oder die vorbeifahrende Strassenbahn draussen sind allemal besser als die detaillierte Aufnahme mit dem Kondensatormikrofon und den Nebengeräuschen.

 

2. Weichere Aufnahmen

Wie wir immer wieder in unseren Mikrofontests feststellen, haben preiswerte Großmembraner die ausgeprägte Neigung, den Bereich um die 4-6 kHz besonders anzuheben. Dieser Effekt führt zwar beim ersten Anhören zu einem leisen “Wow!” – später stellt man aber schnell fest, dass sich diese Anhebung schwer bearbeiten lässt.

Ein Kondensatormikrofon nimmt mehr Details in den Höhen auf und das dynamische Pendant klingt vergleichsweise eher dumpf. Mit einem guten Equalizer lassen sich dennoch sehr gute Ergebnisse erzielen.

Wer also tendenziell zu harsche, harte Aufnahmen mit seinem Grossmembraner macht, der sollte zumindest mal ein dynamisches Mikrofon antesten und vergleichen.

 

3. Weniger Sibilanten

Durch die geringere Auflösung bei dynamischen Mikrofonen und die kleiner ausfallenden Höhenanteile werden auch die Sibilanten weniger betont. Kondensatormikrofone (insbesondere die preiswerten) neigen dazu, Sibilanten noch deutlicher hervortreten zu lassen. In einem solchen Fall musst Du dann auf einen De-Esser zurückgreifen, der sich genau um dieses Problem kümmert.

Allerdings sind De-Esser nicht ganz unproblematisch einzustellen und was in der einen Strophe gut klingt, führt in der nächsten zu einem Lispeln. Oftmals musst Du dann mit Automation oder alternativen De-Essing-Methoden rangehen. Und einen solchen Ärger kannst Du dir mit einem guten dynamischen Mikrofon sparen.

 

Letzte Gedanken Vocal Recording/dynamisches Mikrofon

Abschliessend sollte ich vielleicht erwähnen, dass ein dynamisches Mikrofon in der Regel wesentlich preiswerter als sein Pendant, das Kondensatormikrofon ist. Die beiden eingangs erwähnten Modelle liegen bei etwa 400,- Euro Strassenpreis und gehören damit zu den teureren bei den dynamischen.

Und noch eine weitere Anmerkung: Für die Vorverstärkung dynamischer Modelle braucht es eine Menge Gain. Das spricht für die Anschaffung eines entsprechenden Preamps, wobei dieser natürlich auch sein Geld kostet.

Nun, hast Du schon einmal ein dynamisches Mikrofon für Vocal Recording verwendet?

Lesermeinungen (15)

zu 'Vocal Recording: 3 Gründe, ein dynamisches Mikrofon zu nutzen'

  • Torben
    03. Jan 2012 | 14:35 Uhr Antworten

    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Ich kann es auch nicht mehr hören. In diversen Foren wird immer wieder behauptet, anständige Vocals kann man nur mit teuren Großmembran-Kondensatoren machen. Und man braucht auch unbedingt Röhren-Equipment. Und alles unter 1000 Euro ist Schrott.

    Sorry! Aber auch ein SM58 kann sehr gut klingen: youtube.com/watch?v=UEW8riKU_tE

    Es kommt auf den Sänger und den Musikstil an. Eine Ballade von Christina Aguilera würde ich auch eher nicht mit nem SM58 aufnehmen wollen… ;-)

    Insgesamt muss man sein Euquipment kennen.

    “Knowledge over Money” würde ich mal behaupten wollen.

    Gruß
    Torben

  • Jens Dunkel
    03. Jan 2012 | 19:40 Uhr Antworten

    Bändchen-Mikros sind auch dynamische Mikros mit feinster Auflösung. Selbst bei extremen EQ-Einstellungen verhalten sie noch sehr gutmütig. Da sie (meist) eine Achter-Richtcharakteristik haben, nimmt man viel Raum mit auf. Obwohl ich “nur” in meinem Wohnzimmer aufnehme, empfand ich es nicht als sehr problematisch.
    Ich empfehle das Ribbon R1 von sE-Electronics, was es bei DV247 zum Hammerpreis gibt ;)

  • Matthias
    03. Jan 2012 | 20:00 Uhr Antworten

    Da hast du recht Torben,

    im Video seh ich aber ein Beta 58..;)

  • Maikl Robinson
    04. Jan 2012 | 09:24 Uhr Antworten

    Hallo Carlos,

    ein wirklich schöner Artikel. Ja – ich hab auh schon Vocals mit dynamischen Mikrofonen aufgenommen. Entweder bei live-recordings im Studio, oder bei Anfängern. Da benutze ich sehr gerne der RE20 von Electrovoice, wie bereits in deinem Artikel erwähnt. Denn so toll es ist, Gesang mit einem hochwertigem Kondensator-Mic aufzunehmen, wenn jemand nicht gewohnt ist, ins Mikrofon zu singen, oder gar kein guter Sänger (ob technisch oder musikalisch) ist, bringt das Großmembran leider auch verstärkt dies zum Vorschein.

  • Lukas
    04. Jan 2012 | 21:21 Uhr Antworten

    Ich benutze meistens sowohl dynamische als auch Kondenstor-Mirkos und mische mir dann aus den verschiedenen frequenzbereichen das rein, was mir besonders gut gefällt.
    Bei meinem low-Budget Equipment ist das sehr nützlich :)

  • Bernd Klohr
    18. Feb 2012 | 16:31 Uhr Antworten

    Ich bin mit meinen alten MD441 glücklich.
    Sie haben einen warmen, transparenten Klang und sind fast universell im Studio einsetzbar.
    Die können auch im Live-Recording-Betrieb fast alles. Sowohl der Chor und die Streicher als auch der Solosänger, dem man oberdrein das Mikro nicht direkt vor die Nase halten muss, klingen einfach super. Auch Dank der ausgeprägten Nierencharakteristik des Mikros, klinkt der Sänger mit 50 cm Abstand immer noch hervorragend und präsent. Auch bei Congas, Toms oder HiHat’s das Mikro tut seinen Dienst. Der niedrige Pegel spielt beim Live-Recording meiner Meinung nach nicht so eine große Rolle, da die Nebengeräusche meist lauter sind als der Rauschpegel. Der Sound ist allemal besser als bei preisgleichen Kondensern! Bei Amateurbands finde ich live aufgenommene Stücke meistens besser, da sie authentischer und lebendiger klingen und die im Studio erforderliche Perfektion sowieso oft nicht vorhanden ist. Bei unserer Band habe ich mit Overhead (z.B. MD441) gemischte Mischpultmitschnitte gemacht, die relativ einfach zu verwirklichen sind und teilweise sehr gute Ergebnisse erzielt haben.

  • Frank der Konsolen-Guru
    03. Mrz 2012 | 08:19 Uhr Antworten

    Bei “ungeübten Sängern” und “notorischen Testbläsern” verwende ich ebenfalls gerne das obengenannte E.Voice RE20, da brauch ich mir keine Sorge um mein Neumann machen und der Vocalist sich keine um seinen Kontostand… Außerden habe ich bemerkt, das es einige Sänger/innen gibt, welche vor einem “großen Neumann mit Spinne und Antipop” regelrecht Platzangst bekommen ;-)

  • Thomas
    19. Mrz 2012 | 11:46 Uhr Antworten

    Schöner Test, danke hierfür!
    Ich fühle mich bestätigt, denn auch ich ziehe seit Jahren gern mal ein dynamisches Mic vor, nicht nur bei Vocal-Recordings.
    Den eher steril-analytischen (?) Neumann-Sound mag ich nicht so. Etwas mehr Wärme, eine kleine Portion Dreck, weniger hifi-getunte Höhen, ja das gefällt mir gern.
    Der eher unbekannte Lenny Kravitz nahm und nimmt z.B. seine Vocs oft mit sm 57er etc. auf.
    Denke, alles wird gerade im Audiobereich extremst überbewertet und plattdiskutiert.
    Zuallererst sollte man sein Handwerk und sein Equipment beherrschen: einen passenden Sound und eine gute Mischung macht man sowieso oftmals erst nach langer Übungszeit – und dies völlig unabhängig, was man da so benutzt. Weniger ist eh mehr.

  • Busse
    24. Feb 2013 | 17:38 Uhr Antworten

    Durch Zufall kam ich auf diese web.
    Ich sage hiermit ein Danke.
    Diese Seite ist für Musiker einfach Spitze
    Hier wird alles angesprochen.

  • bonton
    01. Mai 2013 | 12:41 Uhr Antworten

    Im Homerecording-, Podcast- und Livebereich mag man ja mit einem dynamischen Mikro auskommen. Selbstverständlich auch Liverecording. Aber man kann sich auch das schmale Budget schön reden und was man dafür alles bekommen kann.

    Ich gebe dem Schreiber absolut Recht im Bezug auf die besprochenen Anwendungen. Man kann auch sicherlich gute Ergebnisse erzielen, aber nun Mal eben keine sehr guten.

    Eine professionelle Produktion wird auch heute noch in der Regel mit einem ordentlichen Preamp (wie focusrite Red1, Amex, Avalon,Drawmer) und einem ordentlichen Mikro (Neumann u87, tlm 103, Brauner, AKG C414) aufgenommen.

    Dynamische Mikros haben ihre Anwendungen und ihre Vorteile. Deswegen sollte man sich aber nicht dazu einladen lassen, deswegen die Durchlässigkeit und Qualität von Kondensatormikrofonen und Preamps der Oberklasse schlecht oder klein zu reden. Auch Kondensatormikrofone haben ihre eindeutigen Stärken.

  • Antonio
    25. Jul 2013 | 21:00 Uhr Antworten

    Selber nehme ich zu Hause auch mit dynamischem Mic auf (Sennheiser Blackfire 518, oder so ähnlich). Ich finde die Aufnahmen recht gut, aber das ist ja bekanntlich Geschmackssache. Habe auch nicht viel Ahnung von professioneller Audiotechnik, also von dem her reicht’s mir voll. Und letzten Endes vertrete ich die Meinung, dass ein guter Song klar von gutem Recording profitiert, aber es sich meist mehr lohnt in das Songwriting und die Harmonien zu investieren (wie in der Werbung: UNBEZAHLBAR!) als in teures Equipment mit dem man einen durchschnittlichen oder sogar schlechten Song sehr gut aufnehmen kann. Meine Meinung! Super Webseite übrigens!

  • Martin
    16. Jan 2014 | 15:09 Uhr Antworten

    Ich bin zwar der Meinung, dass man nicht unbedingt Großmembran Kondensatormikros braucht (mache alles mit Kleinmembran) aber die Argumentation mit dem Raumanteil, dass der geringer wäre, kann ich nicht nachvollziehen.

    Jetzt mal etwas technischer:

    Wie empfindlich ein Mikrofon ist, bestimmt der Verstärkungsfaktor des Preamps und nicht das Mikrofon. Hier ist sicher der Feldübertragunsfaktor gemeint, also was bei gegebenen Schall elektrisch hintern raus kommt – und das ist beim dynamschen Mic kleiner. Aber da es dannach sowieso beliebig verstärkt werden kann, spielt das für den Raum keine Rolle.
    Zugegeben, wenn ein Mikroo so stark rauscht, dass man es nicht höher drehen kann weil man das Rauschen wahrnimmt, könnte man sagen, das Mikrofon wäre unempfindlicher gegen Raumschall, aber das wäre eine Verdrehung der Tatsachen.
    Es gibt genau 2 Kriterien, des Mikrofonspezifisch den relativen Raumanteil bestimmen (und der ist immer nur relativ zu sehen, da ich den Preamp beliebig aussteuerun kann). Das ist:

    1. die Richtcharakteristik

    und

    2. Der Abstand zum Mikrofon

    Beides sind Kriterien, die nichts mit damit zu tun haben, ob es sich um ein Dynamischen oder Kondensatormikro handelt. Wenn ich eine Dynamsiches Mik lauter austeuer und dann weiter weg gehe, nimmt es mehr relativen Raumhall auf als ein Kondensator mit höherem Feldübertragungsfaktor.
    Die Richtcharakteristig ist ebenfalls von der Art des Mikro unabhängig. Es gibt dynamische Hypernieren und Kondensator Kugeln oder breite Nieren.

    Die Aussage, ein dynamisches Mikro würde weniger Raumhall aufnehmen ist IMHO aus oben genannten Grüdnen unwahr.

    Grüße
    Martin

    • Carlos San Segundo (delamar)
      16. Jan 2014 | 15:26 Uhr Antworten

      Es geht um die Auflösung und die Details, die wesentlich genauer von einem Kondensatormikrofon aufgenommen werden. Zudem haben dynamische Mikrofone oftmals eine engeren Niere zur Richtcharakteristik, wenn sie für die Bühne entworfen wurden. Klar, es ist sehr vereinfachend. :)

  • Martin
    16. Jan 2014 | 21:02 Uhr Antworten

    Ich versteh schon. Also ich vermute, der Eindruck, dass dynamische Mikrofone besser den Raum ausblenden, ensteht wohl eher dadurch, dass diese oft explizit für die Nahebesprechung ausgelegt sind und sozusagen auch dazu “einladen”. Wenn man dieser Einladung folgt, hat man automatisch den Effekt, dass die Aufnahme freier von Raumhall ist.
    Grüße
    Martin

  • G.K.
    30. Jan 2014 | 21:35 Uhr Antworten

    Ich arbeite mangels Grossmembranmikros mit Kleinmembrankondensatormikrofonen (Preisfrage). Die haben einen super Frequenzgang und nehmen erst mal alles linear auf. Was davon wegkann regelt später der EQ. In einem ungeeigneten Raum sollte man keine Mikroaufnahmen machen. In einem mässig geeigneten Raum kann man versuchen so wenig wie möglich Raumanteil aufzunehmen. Der kommt dann halt von einem guten Plugin. Wenig Raumanteil bekommt man, wenn man so dicht wie es das Mikrofon verträgt an die Quelle geht und Niere verwendet. Da kann es sinnvoll sein, leiser zu arbeiten! Der Standort des Sängers im Raum ist wichtig. Zugezogene Übergardine, der Sänger singt in diese Richtung und dicht an ihm dran das Mikro, das auf den Sänger zeigt, der mit seiner Person die Reflektionen von hinten blockt. Einfach mal ausprobieren.

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