Mixing Tutorial: Hör auf, mit den Augen zu hören!

Hör auf, mit den Augen zu hören! – Mixing Tutorial 101

Vor geraumer Zeit hatte ich mir einen USB Controller für meine DAW-Software geholt, der mir eine neue, erstaunliche Erkenntnis brachte. Wenn ich nicht mehr auf den Bildschirm schaute beim Einstellen der Effekte, klangen meine Mischungen wesentlich besser. Anders gesagt: Obwohl es mir zu keinem Zeitpunkt bewusst gewesen war, ich hörte mit den Augen. Das visuelle Feedback auf dem Bildschirm brachte mich Entscheidungen zu fällen, die mehr aus meinen Erwartungen entsprangen denn aus der auditiven Wiedergabe.

Die Kernfrage muss lauten:
Wenn wir beim Abmischen eines Songs die Augen schliessen – hören wir dann besser?

Mixing Tutorial: Hörst Du mit deinen Augen?

Mixing Tutorial: Hörst Du mit deinen Augen?

Und es gibt eine klare Antwort, die durch diverse Studien mehrfach belegt ist: Ja! Menschen, die einen der Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) verloren haben, erzählen, wie die anderen Sinne plötzlich wesentlich schärfer wurden. Und das ergibt auch einen ganz natürlichen Sinn. Der Körper steht vor der Herausforderung seine Umgebung mit weniger Sinnen wahrzunehmen, um sich vor etwaigen Gefahren schützen zu können. Zur gleichen Zeit muss das Gehirn durch den fehlenden Sinn weniger Reize verarbeiten und kann dadurch die vorhandenen Reize besser auswerten.

Was auch immer die wissenschaftliche Erklärung dafür sein sollte: Tatsache ist, dass deine Abmischungen besser klingen, wenn Du die Einstellungen der Effekte und Parameter mit geschlossenen Augen tätigst.

Glaubst Du nicht? Dann trifft wohl nichts hiervon auf dich zu:

  • Du stellst den Kompressor so ein, dass ein bestimmter Wert an Gain Reduction erreicht wird, aber nicht mehr. Deine Augen entscheiden, wann genug ist – nicht deine Ohren.
  • Du drückst auf Aufnahme, nachdem Du verifiziert hast, dass die Clipping-LED nicht rot wird. Deine Augen entscheiden, denn Du hast nicht hineingehört, ob die Aufnahme gut wird.
  • Der Klassiker: Du arbeitest mit einem grafischen Equalizer und stellst die Kurve ein – nicht den Klang des Instruments.

Hör auf, mit den Augen zu hören! – Mixing Tutorial 101

Schliess deine Augen und hör einfach mal hin: Wenn Du Musik anderer Künstler hörst, wirst Du viel mehr Details hören können. Wenn Du deinen Equalizer einstellst, wird das Ergebnis besser werden. Wenn Du den Referenztrack gegenhörst, stellst Du schneller fest, woran es deinem Song mangelt. Du musst nur dem Drang hinzusehen widerstehen können.

Und noch einen Tipp, der mir sehr geholfen hat, obenstehende Ratschläge ernsthaft zu beherzigen: Ich habe den Bildschirm einfach ausgeschaltet, wenn ich den Equalizer eingestellt habe und mich vollkommen auf meinen USB Controller verlassen. Die Ergebnisse waren es wert.

Was denkst Du zum Thema? Wie viel Anteil an deinen Entscheidungen beim Mixing eines Songs haben deine Augen? Hörst Du auch mit deinen Augen?

Lesermeinungen (16)

zu 'Mixing Tutorial: Hör auf, mit den Augen zu hören!'

  • Martin
    24. Jun 2011 | 09:29 Uhr Antworten

    Hi Carlos,

    nur so zur Info: Welcher Controller brachte denn bei dir Licht ins Dunkel?

  • ArcticA
    24. Jun 2011 | 09:38 Uhr Antworten

    Gute Anregung. Zwar weiß man das eigentlich, aber man muss es sich bewusst machen und versuchen sich danach zu richten.

    Bald noch besser gefallen mir die Katzenaugen, da musste ich dezent grinsen, als die ins Bild gescrollt kamen. :)

  • Inger a.k.a. Metaphor
    24. Jun 2011 | 11:02 Uhr Antworten

    Hi Carlos!

    Mal wieder ein erhellendes Statement, definitv ;)!!!

    Bei dem heutigen Luxus von DAWS verfällt man in die “typisch deutsche Tugend” des Kontrollierens und Saubermachens. Das aber das Wichtigste, nämlich der akutische Eindruck, der uns innerlich dazu bewegt einen Song zu fühlen, geht dabei verloren. Und Musik lebt ja auch gerade von den Kleinen Fehlern/Unebehnheiten…

    Ich ertappe mich nur allzuoft dabei, alles mit dem Analyzer beurteilen zu wollen. Oftmals denkt man sich: “Frequenzverlauf ausgeglichen, muss ja “richtig” sein”

    –> Obwohl es dann oftmals mies klingt weil man zu viel
    “verschlimmbessert hat”

    Ich schalte den Analyzer inzwischen auf Bypass und verlass mich wieder mehr auf meine Ohren, schaue nur ab und an mal drauf.

    Genauso ist es beim Recording: Shit in = Shit Out, da kamen mit in der Vergangenheit auch nur allzuoft Gedanken wie: “Na ja, kann man ja im mix noch verbessern”

    –> Der totale Schwachsinn ;)!!!

    Vielen Dank für den Artikel, sehr schön…

  • Marcel
    24. Jun 2011 | 11:42 Uhr Antworten

    Also super Artikel,
    genau aus diesem, und aus Gründen der Haptik, habe ich mir ebenfalls einen Controller angeschafft.
    Mich würde aber auch mal interessieren welchen du hast Carlos.

    Gruß ausm Norden.
    PS: Is grad Kielerwoche hier wer feiern will und Bands vor FREE sehen will…

  • Carlos (delamar)
    24. Jun 2011 | 11:48 Uhr Antworten

    Danke euch für die netten Worte. Ich hatte eine MCU hier und zeitweise auch mal einen BCF2000 im Einsatz. In der Zwischenzeit haba ich beides nicht mehr, sondern arbeite wieder mit der Maus.

  • long-distance
    24. Jun 2011 | 14:05 Uhr Antworten

    Guter Beitrag!

    Ich habe versucht, diesem Effekt aus dem Weg zu gehen, indem ich die eigenen “Produktionen” von 0 weg durch Hören gemixt habe. Als ich mir dann die entstandenen Unterschiede vor Augen geführt habe (…), so glaube ich, hatte ich einen großen Lerneffekt erzielt. Denn: ich konnte auch Rückschlüsse ziehen WIESO ich was auditiv/visuell genau gemacht habe. Es muss nicht in jedem Fall das “bessere” Ergebnis sein.

  • Martin
    24. Jun 2011 | 14:41 Uhr Antworten

    Aha. mit dem Nager wieder. Macht das dann deinen Artikel nicht obsolet, wenn du proaktiv darauf hinweist Controller zu nutzen und den Bildschirm aus zu machen und dann selber aber mit dem Nager die virtuellen Knöpfchen drehst?
    Nager und dunkler Bildschirm stell ich mir lustig vor. kann ja auch Klangentscheidend werden, je nachdem was man so für ´nen Knopf erwischt ;)

    • Sunafaino
      24. Jun 2011 | 15:16 Uhr Antworten

      Wieso,hat er deswegen unrecht?!?
      Leute sollten Tips für sich aufarbeiten und aufhören sich mit anderen zu vergleichen!!

    • Carlos (delamar)
      24. Jun 2011 | 15:57 Uhr Antworten

      Versteh diesen Artikel bitte als Denkanstoss und Aufruf, genauer hinzuhören und gerne auch mal auf das visuelle Feedback zu verzichten. Ob und wie Du das machst, bleibt natürlich dir überlassen.

  • kabelsalat
    24. Jun 2011 | 22:58 Uhr Antworten

    Stimmt schon, irgendwie wir sind Gefangene der grafischen Kurven. Augen zu und durch(hören). So sollten wir’s eigentlich machen.

    Nacht – kabelsalat

  • Ramon Smith
    25. Jun 2011 | 09:20 Uhr Antworten

    Man muss die Selbstbeherrschung entwickeln auch mit der Maus arbeitend die Augen zu schließen und sich auf seine Ohren zu verlassen!
    Ich habe das noch gestern gesagt, als ich Vocalrecordings gemacht habe. sah schlimm aus – komische ausschläge oder untighte dubs. klang aber gut – und andersrum: sah super tight aus, klang aber nicht so. gerade wenn ich mit künstlern gesamtergebnisse betrachte (ich meine anhöre) minimiere ich die DAW einfach und merke selbst, wie komisch sich das anfühlt nicht mehr zu “sehen” was ich höre. Denn dann hört man “nurnoch” was man da zusammen gebastelt hat und hört nicht, dass erwartungen der Augen erfüllt wurden.

    Unglaublich wichtiger Tipp. Carlos, wenn du so weiter machst, wird das hier zur Fern-Uni delamar =D

    Danke Carlos. Danke das du tust, was du tust. Hab gestern noch mit nem anderen eigentlich wirklich gutem Toningeneur geredet – der teilt sein wissen fast garnicht bzw es fällt ihm sehr schwer (er hatte n praktikanten da, der verstand mich)
    Was ich damit sagen will: Es ist nicht so selbstverständlich, was du tust. Und wir sollten dir alle Dankbar sein. dir und dem ganzen delamar Team =)
    Danke auch für die Tips die du/ich/alle schon kennen, aber dennoch nicht berücksichtigen. Ich denke du hilfst dir selbst auch mit delamar.

    Ohne euch hätte ich nicht das Studio, das ich nun führe =D

  • Rony B.
    21. Aug 2011 | 18:39 Uhr Antworten

    Ich hab schon im Studio gearbeitet, da gab es noch gar keine Bildschirme, ausser dem TV in der Kantine :-)
    und ich arbeite genau andersrum . . . . zuerst hören, und dann sehen, wie sich das Gehörte anschaut. Das hilft oft, wenn man mal mit “ungewohnter” Abhöre unter fremden Bedingungen arbeiten muss.
    Ansonsten . . . . es ist nett anzuschauen was man so hört . . .
    Aber wir sind ja nicht beim Film, sondern beim TON !

  • Mike Neuse
    14. Sep 2011 | 19:09 Uhr Antworten

    ich dachte immer man sieht mit den augen und hört mit den Ohren. Und das auge kann nicht über schlechte musik hinwegtäuschen nur weil die sängerin ein kurzen rock an hat.

  • Wolfgang Heinz RichytheRocket
    14. Sep 2011 | 18:33 Uhr Antworten

    ….wer mit den augen hört, macht nicht wirklich Musik….

  • Neil Ownash
    15. Sep 2011 | 04:08 Uhr Antworten

    Andererseits macht so ein rock eine gute Performance noch schöner :-)

    • Thomas “thommytulpe” Nimmesgern
      28. Sep 2012 | 22:10 Uhr Antworten

      Hallo!

      …heißt ja nicht umsonst Rock’n’Roll. ;-)

      Boah, welch Wortwitzbrüller. :-) Nun, ich will aber noch ‘nen ernsthaften Beitrag zu diesem Thema leisten:
      Auf http://www.youtube.com/watch?v=G-lN8vWm3m0 wird über den McGurk-Effekt berichtet – kurz gesagt, geht’s darum, dass man nicht das hört, was tatsächlich gesagt wird, sondern etwas, das _nicht_ gesagt wird.
      (Das Video zeigt einen BBC2-Bericht, Englischkenntnisse sind deshalb vonnöten.)

      Man hört nicht das, was man sieht.

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