Homerecording: Der Wellness-Faktor bei der Aufnahme

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Oft kommt man in ein Studio wo gerade etwas aufgenommen wird und findet folgendes Bild. Gelangweilte Musiker sitzen herum und warten auf ihren Einsatz. Derweil quält man Sänger oder Schlagzeuger im Aufnahmeraum mit langweiligen Aufgaben und verkünstelt sich in seine Schraubkünste. Das Produkt sind oft nicht die geforderte “volle Leistung” sondern nur “Standgas”. Dabei kann man das Recording durch einfache Mittel sehr interessant gestalten.

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Homerecording: Der Wellness-Faktor bei der Aufnahme

Neulich beim Recording ist mir mal wieder aufgefallen wie wichtig es doch ist, zu versuchen, aus den Musikern mit denen man zusammenarbeitet, das allerbeste herauszuholen und das einem dabei eigentlich auch nichts zu teuer sein darf.

Es wissen viele sicher schon, dass es ist wichtig das ein Musiker bei seiner Aufnahme 110% wenn nicht noch mehr geben sollte, damit das Recording gut verläuft und am Ende eines Tages auch wirklich das Optimum auf Band, respektive HD, aufgenommen worden ist. (Tipps zum Vocal Recording gibt’s hier)

Homerecording

Was viele oft vergessen ist, dass ein Musiker nur dann 110% geben kann, wenn er sich auch 110% fühlt. Und diese paar Prozent die 100 Prozent von 110 unterscheiden beeinflusst man als Produzent ganz massgeblich.

Häufige Fehler, ich habe sie auch gemacht, sind zum Beispiel einen Drummer im Aufnahmeraum sitzen haben und ihm per Talkback zu sagen: “Gib mir mal die Bassdrum”.
Die Idee dahinter ist, technisch gesehen, die bequemste. Man kann die Bassdrum schön EQ’en und komprimieren, schön sein Gate einstellen und dann geht’s weiter “Gib mir mal die Snare!”.
Dabei hat dieses Vorgehen entscheidende Nachteile, die sich später beim Recording negativ auswirken.

Einen Drummer den man schon vorher auf diese Weise, oft 20-30 Minuten malträtiert hat, ist nach dieser ganzen Zeit längst so gelangweilt, dass er den Song nicht mehr zu 110% einspielen kann. Auch wird er durch die lange Zeit die man damit verbringt “alles perfekt hin zu schrauben” müde. Und es hat den Nachteil, dass der Schlagzeuger wenn er dann den Song spielt, ganz anders spielen wird — denn dann darf er ja sein ganzes Drumset benutzen.

Viel besser ist folgendes. “Hallo Drummer, na alles klar bei dir?”
Man hält also erstmal einen kurzen Smalltalk mit ihm und erkundigt sich nach dem werten Befinden. Dort kann man meist schon ausloten wie die Tagesform denn so ist. Während man mit ihm redet und ihm hilft sein Schlagzeug aufzubauen kann jemand anderes schon Tätigkeiten erledigen die eh noch anfallen würden. (Teamarbeit muss vom Produzent sinnvoll verteilt werden)
Sinn und Zweck des Ganzen. Nach dem Aufbau der Mikros sollte alles soweit stehen, dass man bereits aufnehmen könnte. Der Musiker fühlt sich wohl, weil er merkt “Hey das läuft ja wie geschmiert”. Ob die erste Aufnahme zerrt oder nicht gut klingt interessiert ja erstmal keinen — “Du ich glaub der Take war nicht so gut. Lass uns den doch bitte nochmal probieren”. Meistens bekommt man dann als Antwort “Ach nicht so schlimm ich spiel mich eh grade noch warm”.

Die “Warmspiel”-Phase kann man geschickt nutzen um die ganzen EQ’s und Kompressoren einzustellen. Hat man darin etwas Übung dauert es meist bloss einen Take eh man fertig ist mit einpegeln und EQ und Kompressor einstellen. Das gute daran: Das Recording schreitet schneller voran als die “gib mir mal”-Methode.

Nochmal das Vorgehen:

  1. Musiker begrüssen, aufbauen.
  2. Anstatt “Gib mir mal…” sagen “Spiel einfach das Lied. Klick hast du schon auf dem Kopfhörer. Ich stell hier derweil mein Zeug ein.”
  3. Versuchen nach dem ersten Take fertig zu sein.
  4. Aufnahme

Beachtet ihr diese Schritte, werdet ihr nicht nur zufriedenere Musiker haben, die besser spielen. Sondern ihr macht damit auch einen entscheidenden Unterschied zu anderen Studios aus und Musiker werden lieber mit euch aufnehmen wollen.

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Lesermeinungen (5)

zu 'Homerecording: Der Wellness-Faktor bei der Aufnahme'

  • Christian   04. Jun 2008   16:43 UhrAntworten

    Ahem. Das ist ja wohl ziemlich uncool und manipulativ. Ich kann's gar nicht ausstehen, wenn mir einer an den Kopf wirft, dass der Take nix war, obwohl er nicht zugehört hat bzw. obwohl es nicht an mir liegt. Irgendwann merkt man's doch. Spätestens dann, wenn nach dem Take komischerweise die Mikros nochmal umgestellt werden, weil man sie vorher nicht ganz ideal aufgestellt hatte...

    Jeder professionelle Drummer weiß, dass man kurz die Aufnahmekanäle, Mikros etc. konfigurieren muss. Wenn man solche Zeiten angenehmer gestalten will, sollte man lieber was sagen wie "groov' dich doch mal kurz warm, ich stell' solang' die Kanäle ein". Das ist ehrlicher - und man sollte nicht vergessen, dass manche Musiker nach dem ersten Take durchaus schon fertig sind. Wehe dem Recording Engineer, der dann da sein Zeug noch nicht eingestellt hatte...

  • Luma   04. Jun 2008   19:00 UhrAntworten

    Also bei aller Liebe für die Drummer, aber wer behauptet, dass manche Musiker nach dem ersten Take durchaus schon fertig sind, sollte das etwas relativieren. One-Take-One-Shot Situationen gibt es äusserst selten, schon gar nicht, wenn auf klick eingespielt wird.
    Natürlich richtet der Engineer die Mikros vorher ein, ABER, er wäre ein schlechter Engineer, wenn er nach den ersten Takes nicht noch Verbesserungen durch eine veränderte Positionierung der Mics erreichen würde. Es gibt KEINE Ideal Standart Voreinstellung. Je nach dem, ob der Schlagzeuger Links-oder Rechtshänder ist, ob er mit viel oder wenig Druck schlägt, ob er 1,65 Meter oder 1,92 Meter groß ist, ob sein Felle neu oder älter sind, ob der Bass mehr oder weniger Druck bekommen soll, ob der Klang sich durch ein Kissen in der Bass-Drum doch eher nach oben entwickelt etc.pp. sind kleine Änderungen an der Mikrophonierung und an der Kanaleinstellung unumgänglich und sogar Pflicht!
    Gerade die Drums abzunehmen gehört zu den komplexesten Recording Aufgaben, dei immer individuell angepasst und "nachgebessert" werden müssen. Hier sind in der Regel mehr als 5 Mikrofone gleichzeitig am Start, bei deren Einstellung an Schallschatten, Schallüberschneidungen, Auslöschungen, etc pp, gedacht werden muss, was sich erst nach einer Weile herauskristallisiert, wenn der Drummer einige Takes gemacht hat.
    Von wegen, "wehe dem Engineer, der sein Zeug noch nicht eingestellt hat" eher "wehe dem Engineer, der von seinen Einstellungen gar nicht abrückt und sie der individuellen Situation nicht anpasst!"

  • Christian   04. Jun 2008   19:45 UhrAntworten

    Du hast schon recht - ich hab's natürlich etwas übertrieben dargestellt. Natürlich muss man durchaus auch nach dem ersten Take noch an der Mikropositionierung/Gain/Kompressoreinstellung/... arbeiten. Aber das sollte halt auf eine ehrliche Art geschehen und sich nicht verstecken hinter einem "der Take war noch nicht so gut" :-).

    Wollt's nur mal sagen - aus technischen Gründen gute Takes wegwerfen müssen, kann ganz schön nerven. Das gilt vor allem, wenn man selbst der Recording Engineer und Musiker in Personalunion ist ;-).

  • carlos (delamar)   05. Jun 2008   10:00 UhrAntworten

    Ich hätte jetzt auch gesagt, dass der erste Take selten der beste ist. Und natürlich versucht man, die Mikrofonierung von Anfang an richtig zu machen.

    Aus meiner Erfahrung heraus sind aber oftmals kleine Notlügen notwendig, um die Stimmung für das Recording aufrecht zu erhalten.

    Man kann ja einem Sänger nicht sagen: "Du hast fürchterlich gesungen! Ist wohl nicht Dein Tag..."

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