Hall / Reverb: Tipps für den Einsatz auf Drums, Bass, Gitarre, Vocals

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Hall Reverb Bass

Der natürlich Hall ist ein faszinierender Effekt der auch in der Musikproduktion häufig eingesetzt wird.

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Drums, Bass, Gitarre und Vocals mit Hall / Reverb

Der (Boden-)Effekt Hall situiert ein Instrument oder eine Stimme in einen Raum, in ein bestimmtes Ambiente. Hall ist ein natürliches Phänomen, das wir jeden Tag, jederzeit und auf jedem Geräusch in der Welt wahrnehmen können und deswegen seit kleinauf gelernt haben, richtig einzuschätzen. So können wir dank der Erstreflexionen und der Hallfahne zum Beispiel die Entfernung eines herannahenden Autos abschätzen oder wir können hören, in welche Richtung die Münze auf dem Boden gerollt ist. In der Musikproduktion ist dies einerseits ein großer Vorteil für uns, da wir im Grunde „wissen“, wie ein Hall (Raum) zu klingen hat. Andererseits wird genau das auch unser größtes Problem werden: Denn jeder kann hören, wenn etwas nicht stimmt.

Wie klingt der Hall bzw. Reverb

Zuviel Hall bzw. zu lauter Hall in einer Produktion führt dazu, dass ein Instrument unnatürlich oder weit entfernt klingt. Viele Anfänger verzichten deswegen gerne auch einfach ganz auf die Verwendung von Reverb. Wer aber wirklich gute Abmischungen machen und damit konkurrenzfähig bleiben möchte, der kommt nicht umhin, Erfahrungen damit zu machen und den richtigen Einsatz zu lernen. Ein Zuhörer würde es in vielen Fällen vielleicht nicht bewusst wahrnehmen, wenn der Hall fehlt, doch unterbewusst bleibt fast immer ein Gefühl von „etwas ist falsch“ zurück.

Klare Worte vorneweg. Es braucht schon einiges an Erfahrung und ein feines Händchen, um diese Disziplin zu meistern. Die gute Nachricht ist, dass das besagte „feine Händchen“ nichts mit Wundern oder dergleichen zu tun hat, sondern durch Machen, Tun und Experimente erlernt werden kann. Und das zahlt auch auf die Erfahrung ein. In diesem Artikel will ich dir einige grundlegende Tipps zum Einsatz von Hall mitgeben, damit Du nicht ganz im Dunkeln stocherst.

Den richtigen Hall auswählen

Ich kann es nicht oft genug betonen: Wer am Hall knausert ist selbst schuld und bekommt die Quittung postwendend. Ich lass mich gerne auf eine Diskussion ein, ob nun der Equalizer oder der Hall der wichtigste Effekt in der Musikproduktion sei. Klar ist nur: Wer beim Hall ein billiges Effektgerät oder Plugin nutzt, wird dabei vom Zuhörer erwischt werden. Natürlich ist es verlockend, einfach den in fast jedem Synthesizer und Gitarrenverstärker eingebauten Hall zu nutzen. Nur: Meistens klingt er nicht sonderlich gut, sondern war eher als Dreingabe des Herstellers gedacht.

Wie finde ich denn nun den richtigen Hall? Das ist schwer zu sagen, denn es gibt keinen einen richtigen Hall. Es gib viele, sehr viele. Ich könnte einige Namen von Hall-Prozessoren wie zum Beispiel dem Bricasti M7, die Lexicon Hallgeräte oder auch das Effekt-Plugin Sonnox Reverb, das einen ganz charakteristischen Hallklang hinbekommt, nennen. Die sind natürlich alles andere als kostengünstig und damit vielleicht nicht in deinem Budget vorgesehen. Aber auch bei den kostenlosen Plugins kannst Du sehr gute Hall-Effekte finden – wenn Du sie nur suchst.

Hall-Effekte findest Du in unserer Übersicht zu Plugins »

Wenn ich also eingangs „knausern“ sagte, dann soll das nicht immer nur einfach monetär gemeint sein – Du kannst auch an der Zeit knausern, die Du für die Auswahl eines adäquaten Halleffekts benötigst.

 

Hall / Reverb auf Drums

drumdubs_studio

Wie viel Hall bzw. Reverb vertragen die Drums? Dieser Frage gehen wir hier auf den Grund. Foto: Drumdubs Studio

Mit den Tipps für Hall fangen wir bei der Basis eines jeden Mixes an: Den Drums (und danach dem Bass). Mit Ausnahme der Snare Drum brauchen die Drums eigentlich nur sehr, sehr wenig Reverb. In meinen eigenen Produktionen verwende ich hauptsächlich einen leichten Raumeffekt auf das gesamte Drumkit (jeder Drum einzeln via Send), den ich auch auf die restlichen Instrumente in unterschiedlichen Dosierungen drauf gebe. Damit kann ich dafür sorgen, dass alle Instrumente so klingen, als wären sie zusammen in einem Raum gestanden und aufgenommen worden.

Insbesondere bei der Kick Drum musst Du sehr vorsichtig mit der Verwendung von Hall sein. In 95% aller Fälle wird kein Effekt auf der Kick Drum benötigt – und wenn Du im Zweifel bist, lieber dagegen entscheiden. Wenn es doch einmal dazu kommt, der Kick etwas Hall zu spendieren, dann sollte die Hallfahne eines Kickdrumschlags nicht die darauffolgende Kick Drum überdecken. Das führt nämlich dazu, dass der Sound schnell matschig wird und dadurch an Durchsetzungsfähigkeit und Punch im Mix verliert.

Weitaus üblicher ist hingegen der Hall auf Snare Drum und Toms. Auch hier ist es sehr einfach, zu viel Hall zu verwenden. Deswegen bist Du immer dann auf der sicheren Seite, wenn Du etwas weniger Hall als gefühlt draufgibst. Die Snare Drum kann oftmals ein Plate mit bis zu einer Sekunde Hallfahne vertragen (die Länge wird durch das Tempo des Songs und Geschmack bestimmt), wenn diese nur leise hinzugemischt wird und einen Anteil von 20% Wet nicht übersteigt.

 

Hall / Reverb auf Bass

Fast schon bin ich geneigt, einige meiner Sätze am Anfang umzuphrasieren. Denn auch beim Bass empfehle ich lieber (genau wie bei der Kick Drum), keinen Hall zu verwenden. Durch den hohen Energiegehalt der tiefen Frequenzen kann sich auch der Bass gut im Mix situieren und leicht durchsetzen. Dazu kommt, dass der Klang schnell matschig wird, fügt man Hall hinzu. Je nach Song und Kontext können bis zu einigen hundert Millisekunden auf den Hall gegeben werden. Aber wenn es zu Problemen mit dem Bass kommt, dann findet sich die Lösung eher in der Verwendung von Kompressor oder Equalizer.

Hall / Reverb auf Gitarre

In modernen Produktionen wird bei den Gitarren gerne mit Hall gegeizt. Zurecht, wie ich finde. Eine akustische Gitarre kann sehr wohl von einem dezenten Hall profitieren und lässt sich mit einem geeigneten Algorithmus exzellent im Mix situieren. Bei den elektrischen Gitarren habe ich in kommerziellen Produktionen schon eine ganz grosse Spannbreite hören können. In vielen Fällen, in denen es darum geht, die Gitarren möglichst laut zu machen und nach vorne zu bringen, empfiehlt sich, keinen Hall zu verwenden. Bei cleanen Sounds hingegen hört man häufiger etwas längere Hallfahnen. Und bei Soli wird der Hall dann so richtig aufgedreht.

Ich habe es eingangs bereits erwähnt: Der Hall aus deinem Gitarrenverstärker kann einerseits (und in seltenen Fällen) genau der Klang sein, den Du suchst. Man denke nur an die ganzen Fender-Combos. In den meisten Fällen jedoch ist es besser den Verstärker ohne Hall aufzunehmen und diesen später bei der Abmischung des Songs hinzuzugeben.

 

Hall auf Gesang / Vocals

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Reverb / Hall auf den Vocals ist mit Vorsicht zu genießen. Ein schwieriger Effekt für Vocalaufnahmen. | Bild: Lillystardust via flickr.com CC 2.0

Der Hall auf Gesang ist fast schon die Königsdisziplin. Balladen verlangen nach einer Menge Hall auf den Vocals, während Rock-Songs eher wenig nutzen. Feste Werte und Empfehlungen sind wirklich schwierig zu geben, da diese nicht nur von Genre zu Genre unterschiedlich ausfallen müssen (Rock: sehr wenig / Schlager: viel), zudem ist jede einzelne Stimme auch noch anders geartet. Ein einfach zu merkender Ansatz lautet: Je voller ein Song ist (je mehr Spuren), desto weniger Hall wird bei den Vocals benötigt. Genau wie bei Kick Drum und Bass benötigen tiefe Stimmen weniger Hall als hohe Stimmen.

Für die ganz Neugierigen sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass ich bis zu vier verschiedene Hall-Algorithmen auf die Lead-Stimme gebe. Natürlich nur in ganz kleinen Dosierungen. Mit dabei sind: Der Raum, den ich auch auf Schlagzeug und den anderen Instrumenten verwende. Ein kurzes Plate mit mittlerer Brillianz, zumeist als Haupthall. Ein langes schillerndes Plate, das ich leise hinzumische. Und schliesslich ein Hall aus dem oben benannten Sonnox Reverb, das schwer zu beschreiben ist und für viel Charakter in der Hallfahne sorgt.

Wichtig: Es ist mein persönlicher Geschmack, dass ich mehr als nur einen Hall auf dem Gesang verwende. Es ist nicht minder richtig nur einen einzigen Halleffekt auf die Vocals zu legen.

Noch mehr Tipps für den Einsatz von Hall und Reverb

Ich kann nicht oft genug wiederholen, dass es beim Abmischen von Songs genau wie schon beim Musik machen darauf ankommt, viel zu experimentieren und auch mal alle Regeln über Bord zu werfen. Generell gilt beim Einsatz von Hall: Weniger ist mehr und ganz weglassen ist immer noch besser als zu viel.

Vermeide (fast) immer, einen Halleffekt auf die Summe zu legen, da dies schnell zu einem matschigen Mix führt. Höre dir die Musik anderer kommerzieller Bands aus deinem Musikgenre genau an und achte darauf, wie und wo diese den Hall einsetzen. Versuche herauszufinden, wieviel Hall diese Studioaufnahmen verwenden und kopiere das zunächst einmal.

Mit viel Zeit und Erfahrung, einem ausgeprägtem Geschmack und einer Zielvorgabe, die Du aus der Musik kommerzieller Alben erarbeiten kannst, wirst Du schnell lernen, den Hall richtig einzusetzen und damit dafür zu sorgen, dass deine eigene Musik natürlicher und professioneller klingt.

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Lesermeinungen (6)

zu 'Hall / Reverb: Tipps für den Einsatz auf Drums, Bass, Gitarre, Vocals'

  • Paul   30. Sep 2009   08:49 UhrAntworten

    Wie sieht es denn mit Einsatz von Monohall aus ? Wenn man verschiedene Instrumente abmischt könnte man diese im Panning besser unterbringen oder ist blödsinn ?

  • Carlos (delamar)   30. Sep 2009   14:14 UhrAntworten

    Nein! Ganz im Gegenteil. Das ist eine fantastische Idee. Nicht jedes Instrument benötigt immer einen Stereohall. Es wird nur viel zu selten genutzt (auch von mir).

  • Mikkki   30. Sep 2009   22:48 UhrAntworten

    Ich arbeite fast ausschließlich mit Monohall. In der Regel hinter das entsprechende Instrument gepannt oder genau auf die Gegenüberliegende Seite. Ausprobieren.

  • DrNI   30. Sep 2009   22:52 UhrAntworten

    Mein persönlicher Eindruck ist: Je natürlicher ein Instrument, desto vorsichtiger muss man den passenden Hall auswählen. Synth-Sounds sind in meinen Ohren weit weniger empfindlich als der Rest. Die Stimme ist am schlimmsten, denn sie ist auch noch das Instrument das jeder Hörer am besten kennt. Was eine Stimme natürlich oder unnatürlich macht, das weiß jeder intuitiv. Beim Bass unterscheidet der normale Hörer vielleicht nicht mal zwischen Synth-Bass, E-Bass oder Kontrabass.

    Mono-Hall kann extremes Panning kaputt machen (Hallfahne kommt "aus der Mitte", Instrument "nur Seite"). Es ist natürlich die Frage, ob heutzutage noch jemand dieses "Beatles-Panning" überhaupt macht.

  • Paul   30. Sep 2009   23:47 UhrAntworten

    Also ein sehr amtliches Beispiel für gepannten Monohall ist "Face the face von " Pete Townsend. Die Snare ist in der Mitte und der Gate Hall geht nach links weg. So hat man den den Snare Sound und den 80 jahre gate Hall aber nicht vermatscht, wie es oft in den achtzigern war, sondern klar und doch effektvoll. Ich fand den Effekt immer mega gut.

  • Dieter   02. Okt 2009   17:34 UhrAntworten

    Kopfhörer und Hall:

    Als Einsteiger habe ich früher leider oft den Hall auf Hihats, Percs weggelassen. Allerdings hörts sich das dann auf Kopfhörern ziemlich grauenvoll und schalltot an, was sehr unangenehm beim hören ist. Auch schnelle rechts-links FXs klingen ohne Hall über Kopfhörer(!) ganz sonderbar und unkoordiniert, im Gegensatz zum abhören über Lautsprecher. Erst wenn dann Hall hinzugemischt wird, klingt es plötzlich wieder koordiniert und angenehmer über Kopfhörer. Allein schon aus diesem Aspekt heraus müssen gewisse Dinge dringend verhalt werden, wenn auch nur in ganz geringer Dosis. ich weiß nicht ob euch dieser Kopfhörer-Aspekt schon mal aufgefallen ist. Auch deshalb kann ich ganz alte Produktionen von mir nicht über Kopfhörer ertragen,obwohl über die Studiolautsprecher alles okay klingt vereinfacht gesagt. Naja, ich denke ihr wisst worauf ich hinaus wollte.

    danke für die tollen Beiträge hier auf Delamar!!! Ich seid echt MEGA-RIESIG!!!
    die besten Grüße

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