10 verräterische Anzeichen einer Amateur-Produktion (Teil 2)

Hier also fünf weitere Anzeichen:

6. Billig klingender Hall-Effekt

Selbst ungeübte Ohren können den Unterschied in der Klangqualität zwischen einem Lexicon Hallgerät für EUR 3000.- und einem in den Multitrack-Recorder eingebauten Halleffekt heraushören. Das liegt daran, dass der Mensch jeden Tag den unterschiedlichsten Halleffekten in der Natur und seiner Umgebung ausgesetzt ist. Billige Hall-Effekte klingen leider auch eben das: billig.

Wer sich kein teures Effektgerät für Hall-Algorithmen leisten kann, kann sich mal bei den Plugins umschauen. Das VST-Plugin SIR gilt als eins der besten und ist sogar kostenlos erhältlich. Im Zweifel ist es besser den Hall ganz wegzulassen als einen schlecht klingenden Hall zu nutzen.

 

7. Falsche Drums

Oder besser gesagt: offensichtlich im Sequencer erstelltes Schlagzeug, das als echtes Schlagzeug durchgehen soll. Dies ist zwar kein Problem in elektronischer Musik, wo die Beats von Drum Machines gespielt werden. Aber in Pop- und Rock-Musik sind die dynamischen Anforderungen höher und der Hörer ist an natürliche und nuancierte Sounds vom Schlagzeug gewöhnt.

Der Amateur-Mix ist am einfachsten an der Ride Cymbal oder der Snare Drum zu hören. Der Sound einer echten Snare Drum hängt davon ab wo und wie stark der Stick die Drum trifft. Und das gilt noch viel mehr für das Ride Cymbal, insbesondere in der Nähe der Erhöhung in der Mitte. Wenn ein Musikstück nun 16 Takte lang dasselbe Sample einer Ride Cymbal im Achtel-Rhythmus spielt, dann ist auch für den Laien klar, dass etwas nicht stimmen kann.

Mit einem bisschen mehr Aufwand können aber auch programmierte Drums realistisch klingen und die in viele Sequencer eingebaute Groove-Quantisierung kann hier ebenfalls etwas mehr Menschlichkeit in die Beats bringen.

8. Unverständliche Vocals

Wenn ein Song Lyrics bzw. eine Gesangsspur hat, dann sollte ein Zuhörer auch in der Lage sein, den Inhalt der Worte verstehen zu können. Natürlich erscheint das elementar, aber viele Anfänger und Amateure übersehen diese Tatsache.

Es gibt verschiedene mögliche Gründe für unverständliche Vocals. Eine Möglichkeit ist der so genannte Nahbesprechungseffekt bei direktionalen Mikrofonen. Wenn die Schallquelle sich zu nahe an der Membran befindet, werden die tiefen Frequenzen angehoben. Abhilfe ist einfach geschaffen indem man das Mikrofon einige Zentimeter von der Schallquelle entfernt.

Ein weterer Grund könnte das Fehlen eines Popp-Filters sein, denn dadurch werden im schlimmsten Fall harte Konsonanten in einen kleinen Luftstrom übersetzt, der Plopps und Popps auf der Aufnahme hervorruft. Eine solche Aufnahme klingt sorglos und faul. Wer sich keinen Popp-Filter leisten möchte, der kann einen aus einem Kleiderbügel und einem Nylonstrumpf zusammenbasteln. Der Effekt ist auch mit der DIY-Methode zufriedenstellend.

Weiterhin ist oft ein falsch eingestellter EQ schuld an unverständlichen Vocals. Zu oft neigt man dazu einen Vocaltrack durch das Boosten der hohen Frequenzen verbessern zu wollen und macht das Vocals dadurch zu kantig, scharf und manchmal sogar dünn ohne die Klarheit zu steigern. Viel effektiver ist es hingegen eine Vocalspur durch einen Low-Frequency Cut um die 100Hz “aufzuräumen” und durch einen minimalen Boost um die 4-5kHz die Sprachverständlichkeit etwas zu verbessern.

9. Zu viel (schlechter) Raumklang

Wer keinen akustisch behandelten oder sehr großen Aufnahmeraum hat, sollte sich bewusst werden, dass der Aufnahmeraum alles andere als optimal ist. Andererseits bedeutet ein schlecht klingender Raum nicht gleich automatisch eine schlechte Aufnahme. Viele kommerzielle Alben sind in solchen suboptimalen Umgebungen aufgenommen worden, es wurde dann aber darauf geachtet, dass sich der Raumklang, der in den Aufnahmen zu hören ist, in Grenzen hält.

Um den Raumklang möglichst gering zu halten, sollte man Mikrofone mit Nieren- oder Acht-Charakteristik wählen und möglichst nah an der Schallquelle mikrofonieren.

10. Schlechtes Timing

Professionelle Musiker üben oftmals wochen- oder monatelang bevor sie ins Studio gehen. Wie bereits weiter oben erwähnt, tendieren Amateure dazu ihre Musik on-the-fly zu schreiben und aufzunehmen, was wiederum bedeutet, dass das Üben schlicht wegfällt. Oftmals kommt noch hinzu, dass man glaubt Fehler im Mix korrigieren zu können und deswegen Aufnahmen behält, die alles andere als perfekt sind.

Wer aber professionell klingen will, der muss nach Perfektion streben und darf keine Fehler in den finalen Spuren haben. Ein einziger Fehler kann einen Song schon als einen Amateur-Mix entlarven.

Oder anders gesagt: Gute Bands sind tight, und wenn die eigene Musikproduktion nicht tight klingt, dann denken die Zuhörer automatisch man wäre nicht gut. Der Schlüssel ist ausgiebiges Üben bevor man auf den Aufnahmeknopf drückt.

 

Fazit

Das waren die 10 verräterische Anzeichen einer Amateur-Produktion. Achtet auf genau diese Dinge in Euren Mixen und dann werdet ihr noch ein bisschen mehr “pro” klingen.

Den ersten Teil dieses Artikels findet ihr hier.

Lesermeinungen (13)

zu '10 verräterische Anzeichen einer Amateur-Produktion (Teil 2)'

  • Sam
    04. Jan 2008 | 16:36 Uhr Antworten

    Da is viel wahres dran. Digitale Blipser hab ich vermisst. Auf jeden fall werd ich mir das nochmal eingehender zu Gemüte führen.

  • SBi
    25. Jun 2008 | 10:50 Uhr Antworten

    jo … hilfreich !°

  • carlos (delamar)
    28. Jun 2008 | 10:53 Uhr Antworten

    danke :)

  • H2G
    01. Jul 2008 | 14:35 Uhr Antworten

    2 Dinge habe ich als Amateur aus beiden Teilen hier anzumerken.
    Der Vergleich zu einer Prof. Aufnahme z.B.
    Ich versuche schon gewisse Klangbilder zuerreichen, habe mir aber anraten lassen genau diese Vergleiche nicht zu tätigen.
    Gerade im Abmischen gerät oft ein Song zum amateurhaften Klang. Die Versuche mit dem abmischen gingen bei mir voll in die Hose und siehe da, als ich erstmal gar nicht mit dem abmischen angefangen habe kam das beste Ergebniss.
    Am Anfang sollte man eher auf die “kleinen” Fehler im Song achten, die ausbügeln und das 3 & 4 Ohr reinhören lassen.

    Beats können aus der Dose kommen, auch die Snares, Breaks und Abwechslung muß rein, ansonsten klingt es billig, Beats dürfen gerne nochmal die Zeit des restlichen Songs in Anspruch nehmen. Ganz oft hat man Variationen die super klingen, aber nicht an der Stelle.

    Als Amateur sollte man als erstes immer im Kopf haben wie lange Profs gebraucht haben um einen solchen Sound hinzubekommen. Amateur heisst eben üben uns besser werden.

  • carlos (delamar)
    02. Jul 2008 | 10:53 Uhr Antworten

    Ja, natürlich kann der schielende Seitenblick zum Profi auch negativen Einfluss auf die eigene Produktion haben. Aber man darf ruhig mal schauen und versuchen, vom Profi zu lernen – ohne den Anspruch zu haben, die selbe Qualität sofort zu erreichen.

    In vielen Teilen der Musikproduktion zum Beispiel ist die Erfahrung wirklich ein wichtiger Bestandteil der Skills und im Laufe der Zeit eignet man sich eine Menge so großartiger wie auch simplen Tricks an, die dem Song positiv wahrnehmbar zu mehr Glanz verhelfen.

    Besonders wichtig finde ich auch Deine letzte Aussage: Man sollte sich immer vor Augen führen, wieviele Mannsstunden in einer kommerziellen Produktion drin stecken. Kaum einer wird einen solchen Aufwand alleine stemmen können.

  • Sib
    02. Sep 2008 | 01:32 Uhr Antworten

    Super Tipps, danke! :D

  • Kevin
    17. Jun 2009 | 15:17 Uhr Antworten

    Danke für die Mühe!

    Heutzutage sind viele nicht mehr in der Lage mit Hall vernünftig umzugehen und beginnen daher sich mit ihm quasi auf Kriegsfuß zu begeben. In den 1980ern war man da wesentlich intelligenter und wußte wie man ganz geschickt mit Hilfe von Hall “Größe” und nicht zu vergessen “Atmosphäre” hochintelligent in eine Produktion bringen kann. Das hat man heute leider größtenteils verlernt. Da sich viele das Hirn verkleistern lassen durch Aussagen, daß der Hall kaum bzw. dezent hörbar sein darf. In den 1980ern hat man es bekannterweise brilliant verstanden mit Hall umzugehen. Zumal auch immer noch die besten (Pop)Produktionen aus dieser Zeit stammen. Als Beispiel sei hier nur kurz das legendäre Electronic-Album “A secret Wish” (prod.v.Trevor Horn/Steve Lipson) der Düsseldorfer Band Propaganda angeführt, welches bis heute unter Top-Produzenten immer noch als unerreichtes Reverenz-Werk gilt. Man kann eben nur hoffen, daß die Szene wieder zu Verstand kommt und den Hall an solchen wieder mehr zu schätzen lernt und diese absurde Stiefmütterlichkeit gegenüber diesem, ein Ende findet. Lasst euch, wie gesagt, nicht durch andere Aussagen das Hirn verkleistern und nehmt euch ein Beispiel an der Elite der bewährten State of the Art-Produktionen der 1980er. Vielleicht besteht dann wieder Hoffnung, daß zumindest dt. Produktionen wie Silbermond wieder “Größe” und “Atmo” bekommen. Auch zu beklagen wäre daß dt. Produktionen bspw. im Vergleich mit UK- Produktionen nach wie vor immer noch sehr weit hinterherhinken. Als Beispiel stellt doch mal bitte ein gutes Sugarbabes-Album mit einem No Angels gegenüber. Da liegen in der Raffinesse und der Produktion nach wie vor immer noch große Welten!! Auch wer auf Feinheiten achtet wird mir da recht geben müssen.

    beste Grüße

  • Eugen
    16. Sep 2011 | 12:32 Uhr Antworten

    Ja nur das die Produktionen aus den 1980er Jahre bei uns genau dieses vorsichtige Behandeln der Halleffekte verursacht hat. Zu viel des guten.

  • IrgendeinThomas
    02. Apr 2012 | 17:49 Uhr Antworten

    Fast allen Punkten kann ich zustimmen nur Punkt 5 kommt mir zu pauschal daher. Ich denke es ist abhängig welche Musikrichtung man macht und wieviel Hallanteil die anderen Instrumente schon haben – als ich damals vor einigen Jahren auf der SAE war wurde auch eine regelrechte Hall-Phobie-Philosophie unterrichtet/vermittelt. Finde das hat dann nichts mehr mit objektiv schlechtem oder guten Mix zu tun sondern um eine persönliche Geschmacksfrage. Wenn Platz dafür im Mix da ist und man es nicht übetreibt als würde hinter einem ein ganzer Kathedralenraum stehn (und selbst das könnte man in diversen Einzelfällen mit genug Predelay und nicht allzu viel Early Reflections wenn sonst kaum/gar keine andere Instrumente zum Einsatz kommen und die Musikrichtung eher in Richtung Experimentell,Ambient,Filmmusik,New Age,…geht) warum nicht? Die Frage ist halt nur ob er nicht oftmals unpassend zum Einsatz kommt nicht das man das generell nicht tun sollte.

    Was mir halt schon bei Soundcloud teilweise aufgefallen ist das manchmal nicht mal auf Clipping geachtet wird und hörbar unerwünschte Verzerrungen auftreten. Finde dieser Punkt ist noch wichtiger als all die Anderen denn er stört wie ich finde am Meisten und wenn schon gleich bei der Aufnahme Verzerrungen enstehn kann man das natürlich im Mix mit keinem Trick mehr entzerren (da wäre zuviel Hall oder falsche Drums vom Höreindruck noch das kleinere Übel)

  • dr.dolbee
    08. Apr 2012 | 14:13 Uhr Antworten

    Unabhängig von der Stärke des Halls ist es entscheidender ihn nur auf wenige Spuren zu legen. Ein Hall auf der Vocal und beispielsweise einer Shakerspur kann schon für den gesamten Mix ausreichen. Bei vielen Hallspuren kann es schnell passieren, dass einem der Hall alles zukleistert.

  • ME
    07. Sep 2012 | 11:22 Uhr Antworten

    … Verpoppte Aufnahmen klingen sorglos und faul. :D
    Grandiose Wortwahl, das muss ich unbedingt in mein Repertoire aufnehmen.

    Auch sonst, sehr interessanter Text, vielen Dank dafür.

  • Gast
    25. Mrz 2013 | 09:52 Uhr Antworten

    Sehr informativer Text mit guten und vor allem umsetzbaren Tipps.

  • DrNI
    08. Jan 2014 | 00:44 Uhr Antworten

    Punkt 10 kann man generalisieren. Vielleicht hat der eine oder andere den Film “Sound City” gesehen, in dem analoges Recording gepriesen wird. Doch eigentlich könnte man auch einen anderen Schluss aus diesem Film ziehen: Nimm so auf, dass es einfach geil klingt, wie es rein kommt. Daraus folgt: Das Timing muss stimmen, das Arrangement natürlich auch, der Sound der einzelnen Stimmen muss zusammen passen, bestenfalls unterstützen die entsprechend gewählten Mikros diesen Sound.

    Analog hat man einfach nicht die Möglichkeiten wie am Rechner, weswegen diese Strategie forciert wird. Im Grunde kann man so aber auch digital arbeiten. Der ewige Gedanke “das mach ich hinterher” führt zum Pfusch am Anfang. Es macht unglaublich viel Freude, wenn man einen ersten Grundmix ohne EQs und Kompressoren hochzieht und denkt: Wow, das klingt ja schon richtig nett. In etwa wie wenn man ein Gulasch mit einem guten Fleisch kocht – da sind die Gewürze dann der Feinschliff anstatt die Hauptsache.

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