10 verräterische Anzeichen einer Amateur-Produktion (Teil 1)

10 verräterische Aanzeichen einer Amateur-Produktion (Teil 1)

Aufnahmen aus Homerecording-Studios klingen oft nach “Amateur”. Aber was genau unterscheidet denn die Aufnahmen aus den Schlafzimmer-Studios von den professionellen bzw. kommerziellen Aufnahmen? Diese Frage ist nicht einfach mit tonaler Qualität oder dem Vorhandensein so genannter “High Fidelity” abgetan, denn es gibt genug Aufnahmen aus dem Profilager, die nach LoFi klingen oder absichtlich verzerrt wurden, weil es dem Song gut steht.

Es sind eher andere mehr oder weniger offentsichtliche Aspekte und Gesichtspunkte, die den Amateur bei der Aufnahme und Mix entlarven. Um genau diese geht es in diesem Artikel.

Es ist wichtig diese 10 verräterischen Anzeichen zu kennen, denn nur so kann man sie in den eigenen Produktionen vermeiden, um bessere und professioneller klingende Aufnahmen und Mixe zu schaffen:

 

1. Basslastige Mixe

Nichts sagt mehr Amateur als ein zu basslastiger Mix, dessen tiefe Frequenzen sprunghaft, bzw. pumpend klingen und den Rest des Mixes überlagern und unterbuttern.

Anfänger hören Aufnahmen und Mixe gerne über Kopfhörer oder zu kleinen Lautsprechern ab, die die Bassfrequenzen unterrepräsentieren. Natürlich werden dann die tiefen Frequenzen im Mix aufgedreht, um das Fehlen zu kompensieren. Dies führt dann aber zu breiigen und wenig differenzierten Mischungen.

Um solch übertrieben basslastigen Mixe zu vermeiden, sollte man seine Songs auch auf anderen Abhören (z.B. Auto, Küchenradio, Stereoanlage) gegenchecken und immer wieder mit kommerziellen Referenz-CDs vergleichen.

 

2. Lautstärke und Sound der Drums

In einer Band ist das Schlagzeug das am schwierigsten aufzunehmende Instrument. Jedes einzelne Element der Aufnahmekette kann das Ergebnis enorm beeinflussen: der Raum, die einzelnen Drums, die verwendeten Mikrofone (und selbstverständlich auch die Performance des Drummers). Professionelle Toningeneure probieren oft tage- oder wochenlang an allen Elementen der Aufnahmekette herum, um sicher zu gehen, dass das Schlagzeug optimal aufgenommen wird und keine einzelne Drum die anderen im Mix überschattet oder gar verschwindet. Die Verwendung von bis zu 10 Mikrofonen bei der Aufnahme von Schlagzeug ist keine Seltenheit – und da kann natürlich nicht jedes Homerecording-Studio mithalten.

Aber selbst wenn man nicht mit den ganz Großen mithalten kann, sollte man zumindest auf eine gute Balance der Einzelsounds bei der Aufnahme bzw. bei der Abmischung achten. Wer Probleme mit den Lautstärken der einzelnen Drumelemente hat, kann sich mit einem einfachen Trick behelfen: Zunächst sucht man sich eine moderne Produktion aus, die tonal dem Song ähnlich ist, den man gerade abmischt und spielt diese ab. Man verringert die Lautstärke des Playbacks stetig und je leiser dieses wird, desto mehr Elemente verschwinden ins nicht mehr Hörbare. Bei moderner Musik sind die letzten noch hörbaren Elemente meist die Kick-Drum, die Snare-Drum und das Lead-Vocal. Nun kann man versuchen diese Balance in seinen eigenen Mixen zu reproduzieren.

3. Sich gegenseitig maskierende Instrumente

Dieses Problem hat genau so viel mit Arrangement wie mit Produktion zu tun. Teile einer Musik-Produktion oder bestimmte Instrumente können an Abgrenzung zu anderen verlieren, wenn sie nicht einen eigenen Platz im Arrangement zugewiesen bekommen. Dieses Phänomen ist ganz typisch für Amateur-Produktionen, weil viele von uns noch während der Aufnahmen an den Songs schreiben und neue Parts hinzufügen anstatt im Vorfeld der Aufnahmen das Arrangement zu strukturieren und an die Bedürfnisse des Songs anzupassen.

An diesem Vorgehen ist eigentlich nichts auszusetzen, aber es unterscheidet die Amateure von den Pros, denn diese haben ihre Arrangements ausgeklügelt bevor sie auch nur einen Fuss in ein Studio setzen.

Wenn man also feststellt, dass sich die einzelnen Spuren oder Instrumente im Mix nicht richtig voneinander absetzen können, dann ist es an der Zeit, sich Gedanken um das Arrangement zu machen und Raum zum atmen zu schaffen.

Weitere Informationen zum Thema Maskierung findet ihr im Übrigen in diesen zwei Artikeln:
Fünf Wege die Maskierung von Instrumenten im Mix zu verhindern
Fünf Wege Maskierung im Mix zu verhindern (MP3-Hörbeispiele)

 

4. Ungleichmässige Vocals

Der grösste Unterschied zwischen professionellen Superstar-Singern und uns Wannabes ist nicht das Einhalten von Tonhöhe, Tone oder Vibrato. Wenn man mal genau hinhört, dann wird man feststellen, dass einige der best-verkaufenden Künstlern sogar recht schlechte Sänger sind…

Was sie wirklich von den Amateur-Sängern unterscheidet ist die Fähigkeit dynamisch zu singen. Ein grossartiger Sänger weiss wie er die Lautstärke seiner Stimme kontrollieren kann und was noch viel wichtiger ist, er weiss wann er die Lautstärke ändern muss. Dies hat genau so viel mit Können mit dem Instrument Stimme wie auch mit Können vor dem Mikrofon zu tun.

Amateur-Sänger kann man schonmal dabei erwischen 10cm vom Mikrofon entfernt zu flüstern oder mit dem Mikrofon im Mund zu schreien. Das führt zu ungleichmässigen Aufnahmen der Stimme, die wiederum “Amateur” sagen.

Das korrekte Aufnehmen von Vocals ist aber eigentlich gar nicht schwer. Das Wichtigste und am meisten Ignorierte ist das Üben! Bevor die erste Aufnahme gemacht wird, muss der Sänger jedes Wort und jeden Wechsel im Song kennen und wissen, wann er wie zu singen hat. Am besten sollte man auch die Stellen zum Atmen mit dem Sänger durchgehen.

 

5. Übertriebener Halleffekt

Hall ist ein Effekt, der am besten nur sehr spärlich eingesetzt wird – gleich ob es darum geht mehr Tiefe oder Räumlichkeit zu erzielen. Anfänger und Amateure arbeiten hier oft nach der Methode “etwas ist gut, mehr ist besser”. In aktuellen, modernen Musik-Produktionen wird Hall aber nur sehr sehr spärlich eingesetzt (es sei denn es geht darum den Effekt absichtlich prominent zu gestalten). Meistens ist der Hall fast unhörbar und verleiht der Stimme etwas mehr Textur.

Eine einfache Regel für das Nutzen von Hall ist den Effekt so lange lauter zu machen bis er gerademal hörbar wird, um ihn anschliessend um eine Kleinigkeit zurückzudrehen. Man muss dem Drang die Stimme in tiefe Chamber- oder Room-Effektpresets zu situieren standhalten.

 

Soviel für heute zum Thema 10 verräterische Anzeichen einer Amateur-Produktion. Den zweiten und letzten Teil mit den restlichen fünf Tipps gibt es morgen an dieser Stelle.

Lesermeinungen (13)

zu '10 verräterische Anzeichen einer Amateur-Produktion (Teil 1)'

  • Diluvian
    02. Jan 2008 | 22:19 Uhr Antworten

    Da ist zwar schon einiges dran, aber bei Nr.3 haste ein bisschen dich vergriffen, denn Musik ist eine Art Kunst und das hat nichtmal ein Profi schon im vorhinaus geplant. Einiges passiert aus freiem Gedankenfluss und Fantasy.

    Der Pro schafft es eben dann, die sounds so abzumischen dass es auch gut klingt. Die Umsetzung wird wohl einfach nur gekonnter sein, nicht unbedingt die Idee und dessen “Vorplanung”.

    Gruß

  • carlos (delamar)
    02. Jan 2008 | 22:46 Uhr Antworten

    Die Ausnahme bestätigt die Regel. Aber achte mal bei den professionellen Produktionen mal auf die Instrumentalisierung und das Arrangement. Die sind meistens sehr pfiffig und ausgefeilt.

    Und natürlich nutzen viele auch gerne ein Layering der Sounds, aber im Endeffekt geht es hierbei darum, einen Sound breiter zu machen.

    Oder ein anderes Beispiel: Ein Duett wird gerne in zwei verschiedenen stimmlichen Lagen gesungen…

  • Ken Park
    11. Jan 2008 | 07:12 Uhr Antworten

    Hallo,

    ich will ja wirklich nicht frech sein, aber wenigstens einen Link hätte man vermerken können.
    mfg
    Ken

  • Michael
    17. Jan 2008 | 08:50 Uhr Antworten

    Ein hauptsächliches Problem sehe ich in der UnArt, einen bestehenden Song nicht in seinen einzelnen Bestandteilen hören zu können. Wenn man sich auf einzelne Instrumente konzentrieren kann, um deren Verlauf zu hören, merkt man sehr schnell, wie und wo sie mit welchen Effekten im Mix eingebunden sind. Well…die Einen können es, die Anderen nicht, das lässt sich nicht von heute auf morgen erzwingen.

    Eine Sache zu den Drums: Ihr glaubt gar nicht, wieviele “Top”-Produktionen NICHT mit echtem Schlagzeug eingespielt sind! Amateuren würde ich grundsätzlich raten, davon die Finger zu lassen, denn das ist wirklich sehr aufwendig und mit viel Equipment verbunden. Sehr viel einfacher und wirklich gut klingend sind Sampler – Sounds. Aber: Die sollten ( gute Qualität vorausgesetzt ) sehr sorgfältig und möglichst auch von einem Schlagzeuger programmiert ( oder zumindest kontrolliert ) werden, sonst klingts leicht steril nach einem Drumcomputer…
    So long aus Bonn
    migebo

  • carlos (delamar)
    17. Jan 2008 | 11:20 Uhr Antworten

    Ebenfalls empfehlenswert sind Programme, die eine Menge natürlicher Drums mit verschiedenen Fills und Breaks mitbringen.

  • Peter
    23. Jun 2008 | 12:21 Uhr Antworten

    Sehr gut geschriebener Artikel, wie die meisten hier finde ich.

  • Christian
    25. Jan 2009 | 20:43 Uhr Antworten

    “Bevor die erste Aufnahme gemacht wird, muss der Sänger jedes Wort und jeden Wechsel im Song kennen und wissen, wann er wie zu singen hat. Am besten sollte man auch die Stellen zum Atmen mit dem Sänger durchgehen”.

    Ist Grundsätzlich mit Sicherheit richtig, aber man sollte auch die “Kreativität des Augenblicks” nicht vergessen.

    Es ist in meinen Produktionen schon einige male vorgekommen, das wärend der Aufnahme, der Künstler das so lange geübte, gar nicht gesungen hat. Warum auch immer. Aber trozfdem klang das dann durch Zufall viel besser.
    Deshalb meine Erfahrung, nicht zu versteifen auf altbewärtes. Wer weiß, vielleicht fält einem direkt bei der Aufnahme das eine Nötchen ein, welches gefehlt hat.

    Ansonsten super Artikel, wie auch die ganze HP.

  • kevin halm
    24. Jan 2010 | 13:41 Uhr Antworten

    naja logischerweise lässt bestimmt jeder part viel flowvariation zu… und grade wenn du mit deinem sänger noch übst, und vielleicht ne halbe stunde den part gehört hast, is es ein natürliches phänomen eine andere art der betohnung etc. plötzlich besser zu finden, fiel mir desöfteren auf…
    aber ich finde das arrangement muss auf jeden fall im vorfeld stehn^^

  • Andy S.
    12. Feb 2010 | 10:25 Uhr Antworten

    Wenn die Muskier nicht vorbereitet sind, kostet das nur Zeit im Studio!!

  • Alex
    06. Feb 2011 | 00:39 Uhr Antworten

    Finde es garnicht schlimm, kommt natürlich auf die Musik an die man macht. In manchen Genres ist es sogar von Vorteil wenn es nach Lofi klingt. High End Producions brauche ich nicht unbedingt. Wenn der Song gut ist, ist es egal ob Lofi oder nicht.

  • volker vorndamme
    05. Jan 2012 | 11:49 Uhr Antworten

    Ein schöner Artikel, der viel wahres enthält. Allerdings steht zum Glück nicht (mehr) jede Band auf hochglanz Produktionen, in denen alles “richtig” gemacht wurde. Außerdem finde ich die Einteilung in Amateur und Profi, richtig und falsch problematisch.
    Es gibt für jedes Produkt einen Abnehmer. (Und wenn es nur die 10 engsten Freunde der Band sind, die ihre ersten Aufnahmen abfeiern) Besser wäre also eine Kategorisierung auf Seiten der Hörer vorzunehmen, anstatt einen Nachwuchs-Mixer durch unnötige Kategorisierungen zu entmutigen.
    Dasselbe gilt auch für Demos und “echte” Produktion. Was ist ein Demo und was eine “richtige” Produktion? Wenn sie möglichst teuer war? Oder in einem “echten” Studio aufgenommen wurde?
    Eine Musik-Zeitung die keine Unterscheidung zwischen Demo und “Profi-Produktion” vornimmt ist z.B. das OX Fanzine. Weiter so!!

  • DrNI
    08. Jan 2014 | 00:40 Uhr Antworten

    Zu Punk 1: Genau hier kann ein Kopfhörer helfen – nämlich der allseits beliebte Beyerdynamic DT770 Pro, der eine deutliche und sehr klare Bass-Wiedergabe hinbekommt.

    Doch Vorsicht: Wer auf Kopfhörern mischt, gibt gerne zu viel Hall dazu, und das klingt auch bei gutem Hall nicht schön. Außerdem werden die Mixe meist zu mittig, da der Kopfhörer einer 180°-Lautsprecher-Anordnung entspricht.

    Somit sollte man den genannten Kopfhörer vor allem dafür verwenden, einen Mix unabhängig vom Raum untenrum zu kontrollieren. Die wenigsten Homerecording-Studios haben eine gute Akustik – und gerade unten rum schwimmt und dröhnt es gerne.

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