Kolumne: Ohne Bezahlung, ohne mich

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Auftritte ohne Bezahlung - Manchmal notwendig oder Abzocke der Veranstalter?

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Erste Schritte

Es ist der dritte Auftritt meiner noch recht frisch gegründeten Hardcoreband. Einige Wochen zuvor habe ich den Veranstalter einer Show in Frankfurt angeschrieben, um uns als Support einer großen Ami-Band vorzuschlagen. Nach vielen Wochen Wartezeit kam dann recht kurzfristig vor der Veranstaltung ein knappes »Geht klar. Gage können wir keine zahlen.« Wir spielen also für Getränke und die Erfahrung.

Scheiß auf die Gage, die Hauptband des Abends höre ich seit ich 14 bin. Sie zählt sogar zu einem der Hauptgründe, warum wir unser eigenes Bandprojekt überhaupt erst starteten. Also: zusagen, wird bestimmt eine unvergessliche Erfahrung.

Während Catering Backstage gebracht wurde, saßen wir auf unseren Amps

Wurde es auch, denn wie wir dort behandelt wurden, wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Kein Backstage-Bereich (nicht mal für Equipment und Instrumente), keine Gage, keine Verpflegung, keine Plätze für die Gästeliste. Während das Catering ins Backstage gekarrt wurde, saßen wir neben der Bühne auf unseren eigenen Amps.

Für eine recht neue Band, die versucht, einen Fuß in die Tür zu kriegen, sind solche Auftritte unerlässlich. Aber erlaubt das dem Veranstalter diesen Umstand auszunutzen? Junge Musiker wollen spielen, wollen auf die Bühne, wollen sich beweisen. Aber um jeden Preis? Nur für ein paar Bier und »die Erfahrung«?

Ohne Bezahlung – ohne mich

Es geht mir hier keinesfalls darum, mich oder meine Band bereichern zu wollen. Hier geht es mir um eine faire Bezahlung, die gewährleistet, dass man nicht aus eigener Tasche dafür bezahlt, »spielen zu dürfen«.

Als Musiker und Bandmitglied kommen Unsummen an Kosten auf einen zu. Man bezahlt sein Instrument, sein Equipment, den Verschleiß und gegebenenfalls Studioaufenthalt. Natürlich sind all das Kosten, die man für das eigene Hobby ausgibt. Schön wäre es allerdings, wenn der eigene Aufwand, die vielen Übungsstunden und das eigens investierte Geld und Herzblut gewürdigt würden. Wer Musik macht, um damit reich zu werden, wäre sowieso sehr blauäugig. Also haben die meisten Musiker schon recht wenig Erwartung an die Marge, die sich aus dem eigenen Musizieren ergibt.

Mir als Hobbymusiker erscheint es allerdings fair, wenn man zumindest bei Verschleiß, Sprit und Spesen auf Null herauskommen würde. Wer für lau spielt, zahlt oft drauf. Und das je nach Entfernung zwischen Bühne und heimischem Proberaum mal mehr, mal weniger.

Nach nach den ersten zwei oder drei Gigs ist für die meisten die Phase abgeschlossen, in der man mit Handkuss die ach so nette Geste des Veranstalters wahrnehmen muss, überhaupt eine Bühne geboten zu kriegen.

Doordeal – Kompromiss oder Abzocke?

Wer sich alleine auf einen Doordeal verlassen muss, sieht sich oft in der Bringpflicht, was die Zuschauerzahl angeht. Doordeal heißt hier: alles was an der Tür (sprich: am Einlass) eingenommen wird, wird unter den Bands aufgeteilt. Hat der Veranstalter das Konzert schlecht beworben oder liegt es einfach ungünstig (eine weitere Veranstaltung dieser Art am selben Tag, Wochentag etc.), kann auch keine der Bands ausreichend die Werbetrommel rühren um das auszugleichen.

Ein fairer Kompromiss für kleine Veranstaltungen: Das Spritgeld ist fest. Was an der Tür eingenommen wird, ist Bonus.

Danke, auf diese Erfahrung kann ich verzichten.

»Ihr könnt hier für die Erfahrung spielen« – im besten Falle für die Erfahrung, dass man mächtig drauflegt, wenn man Sprit, Saiten und unzählige Fahrten zu Proben und Vorbereitungen auf die eigene Kappe nimmt.

Soli-Veranstaltungen

Ende vorletzten Jahres dann ein Schock für die damalige Band: Ein guter Freund und Veranstalter aus Hamburg hat seinen Kampf gegen den Krebs verloren. Um den Hinterbliebenen finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen und um diesem Freund ein letztes Denkmal zu setzen, wird eine Show in seiner Heimatstadt organisiert.

Also fahren wir zu fünft plus Equipment im kleinen Golf des Schlagzeugers nach Hamburg. Sprit wird aufgeteilt, eine Solishow zu spielen, versteht sich in diesem Zusammenhang von selbst. Es gibt Momente, in denen andere Dinge in den Vordergrund rücken. An diesem Abend sprach keiner über Geld.

Geben & Nehmen

Gerade in der Hardcorepunk-Szene ist es nun so, dass viele Veranstalter aus denselben Gründen handeln wie die Bands selbst: Sie möchten eine Alternative zum Mainstream bieten, wollen ihre Musik, ihre Veranstaltungen und alles nach ihren Vorstellungen gestalten. Kurz: Auch sie sind leidenschaftlich dabei, Musik und Konzerte voranzubringen und ihren Teil dazu beizutragen, eine gemeinsame Subkultur zu schaffen.

Es versteht sich von selbst, dass gerade in unbekannteren Kreisen nicht viel Geld in die Hand genommen werden kann, wenn es darum geht, etwas auf die Beine zu stellen. Die Bands können es sich selten leisten, in ein teures Studio zu gehen. Die Veranstalter sind mit Miete und gegebenenfalls PA-Kosten oft schon unter Zugzwang, viele Leute zur Veranstaltung zu ziehen, um überhaupt bei Null rauszukommen.

Bleiben beide Seiten fair, kann man aufeinander zugehen.

Wenn es ein gegenseitiges Verständnis dafür gibt, was der jeweils andere für Kosten zu tragen hat und welchen Aufwand er betreibt, um einen solchen Abend auf die Beine zu stellen, dann müsste die Kommunikation zwischen Musiker und Veranstalter reibungslos funktionieren.

Bleiben beide Seiten fair, kann man aufeinander zugehen. Oft gab es Abende, an denen wir mit der Band etwas runtergingen, was unsere Gage anging. Dafür haben wir aber ein zweites und drittes Mal spielen können.

Schlusswort

Ich spiele seit gut einem Jahr nicht mehr in der erwähnten Band, habe seit einiger Zeit ein neues Projekt. Meine neue Band bestand schon einige Jahre vor meinem Einstieg und hier gibt es klare Regeln, was Gigs angeht. Wir haben eine feste Gage und diese Gage brauchen wir. Wir leisten uns den Luxus mit zwei Autos aus zwei verschiedenen Ecken Deutschlands anzureisen. Je nach Veranstaltung kommen wir gerne auf die Veranstalter zu, Sprit muss aber drin sein.

Der zu Anfang beschriebene Abend liegt einige Jahre zurück. Heute denke ich: Wer sich verarschen lässt, ist teilweise selbst dran schuld. Ein zweites Mal wird uns das nicht passieren.

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Lesermeinungen (10)

zu 'Kolumne: Ohne Bezahlung, ohne mich'

  • Mo   30. Apr 2017   13:25 UhrAntworten

    Eine recht einseitige Betrachtungsweise aus der Sicht der Bands - durchaus verständlich, aber einseitig. Der Markt arbeitet nach dem Prinzip von Angebot (Bands) und Nachfrage (Locations). Da es wesentlich mehr Bands als Locations gibt, drückt das den Preis - denn irgendwer wird es immer für weniger Geld machen.

    Oder in anderen Worten: Wenn deine Band gut ist, sich ihren Namen erspielt/verdient hat, wird sie auch immer gut bezahlt werden. ;)

  • Pete   01. Mai 2017   02:58 UhrAntworten

    Veranstalter: Suche Band, die am Wochenende auftreten möchte. Wenn es gut läuft, können wir das auch gerne öfter machen. Gage können wir zwar keine zahlen, aber ihr könnt euch einen guten Namen bei uns machen.

    Band: Suche Caterer, der uns am Wochenende beliefern möchte. Wenn das Essen gut schmeckt, können wir das auch gerne öfter machen. Bezahlen können wir zwar leider nicht, aber ihr habt die Chance euch einen guten Namen bei uns zu machen.

  • wuidling   01. Mai 2017   10:26 UhrAntworten

    Schliesse mich dem Vorredner an. So einfach ist das ganze aus Sicht der kleineren Veranstalter nicht. PA, Licht Mixer, GEMA und von den Personalkosten will ich gar nicht reden. Für eine Band die das dritte Mal auftritt Geld würde ich auch nichts bezahlen. Bewirtung ist meiner Meinung eine Selbstverständlichkeit. Weiterhin trägt der Veranstalter auch noch das komplette finanzielle Risiko. Das Risiko der Band liegt bei 0,00 die können wenns ganz dumm läuft auch noch einen Scheiß Gig abliefern.

  • Wolfgang   01. Mai 2017   11:04 UhrAntworten

    Wer sich billig verkauft, ist moralisch wie musikalisch nicht wohl nicht viel wert. Man nimmt anderen Bands, die zu Recht, eine faire Gage verlangen (!) die Engagements weg und kann auf anderen Wegen wohl auch keine Aufmerksamkeit beim Publikum oder beim Veranstalter erzielen.

  • Patrick   01. Mai 2017   15:16 UhrAntworten

    Geld ist ein Energietauschmittel bei dem jeder selbst entscheiden kann wieviel er geben und nehmen möchte. Ich stimme dem Autor voll zu und das gilt nicht nur für Bands sondern alle Bereiche des Lebens.
    Als Maßstab kann man sehr gut das eigenen Gefühl benutzen, wenn sich etwas schlecht anfühlt, dann fühlt sich der Energieausgleich nicht richtig an.

    Aus karmischer Sicht könnte man sogar sagen, dass der Verantstalter der Band noch etwas schuldet ...

  • Olli   02. Mai 2017   14:50 UhrAntworten

    das Thema ist in der Tat schwierig. Ich kann die Sicht des Autors gut nachvollziehen.
    Aber wie auch schon geschrieben: Es ist ein Markt und er regelt sich über Angebot und Nachfrage. War selbst knapp 16 Jahre im Death Metal Underground unterwegs, teilweise internationale Touren dabei. Das man für "Erfahrung" spielt gehörte anfangs dazu, um reinzukommen.
    Es geht aber noch schlimmer. Das "Pay for Play" hat mMn abstruse Züge angenommen. Es kann vielleicht noch in Ordnung sein, wenn man als national underground act durch Zahlung eines Beitrages die Chance bekommt international eine Tour zu fahren. Aber ein paar hundert Euro für einen Supportslot zu zahlen muss nicht sein.
    Am Ende muss die Band das selbst entscheiden, wenn es Hammergigs sind, so wie der Autor beschrieb, wo man als Band einfach dabei muss, weil es sich für die Vita eben gut macht, dann ist es doch ok. Irgendwann muss aber das Selbstbewusstsein vorhanden sein, korrekte Gagen zu verlangen.

  • mokka   04. Mai 2017   10:37 UhrAntworten

    "Lehrjahre sind keine Herrenjahre !"
    Diese alte Weisheit gilt insbesondere für (noch) namenlose Acts auf den Weg zum Ru(h)m.

  • Achim von Oberstaufen   04. Mai 2017   22:56 UhrAntworten

    Eine Band spielt auch gegen die Zeit, wenn sie sich gegründet hat. Ein halbes Jahr lang sind die Leute bereit zu üben, komponieren, neue Songs einzuspielen. Wenn aber nach einem halben Jahr kein Erfolg in Sicht ist, beginnt sich die Band auch wieder aufzulösen. Dann werden plötzlich Soloprojekte wieder wichtiger.
    Die Politiker könnten uns Musiker unterstützen, wollen sie aber nicht. Ich denke an die 800 Mio Euro, die für die Elbphilharmonie ausgegeben wurde. Eine Million davon für die lokale Musikszene hätte schon sehr geholfen.

  • Nataniel   05. Mai 2017   18:18 UhrAntworten

    Dieses Gejammere mag ich nicht mehr hören. Dann lasst es eben bleiben! Es zwingt einen ja niemand dazu, ohne Gage zu spielen. Meine Familie macht schon seit Generationen Musik und da hat noch nie jemand weder Gage verlangt, noch Gage bekommen. Wir spielen in einem Handharmonikaverein, singen in diversen Chören, und sind in Karnevalsvereinen aktiv. Ich gebe ehrenamtlich Musikunterricht in Melodika und Akkordeon. Heute sehe ich einige von den Kinderchen, denen ich im Alter von 3-4 Jahren musikalische Früherziehung gegeben habe, wie sie Wettbewerbe gewinnen. Das erste hat es geschafft, in einer Masterclass einer international renomierten Musikhochschule aufgenommen zu werden. Das macht mich sehr stolz. Aber warum sollte ich dafür Geld nehmen, wenn ich es gerne mache? Wenn ich es nicht gerne tun würde, dann würde ich es einfach bleiben lassen. Und wenn ich es so ungern tue, dass man mich nur durch eine Geldzahlung dazu bringen könnte, dann lasse ich es auch lieber bleiben.

    Es gibt eine zweite Sache, die ich sehr gerne tue, die ist andere Menschen anzuleiten, Dinge anzuleiern und zu organisieren, auch das Nachhalten, bis etwas klappt macht mir Spaß, daneben habe ich eine Ausbildung und Berufserfahrung als Ingenieur. Dafür werde ich sehr gut bezahlt.

    Du musst Dir zwei Sachen im Leben suchen, die Du so gerne tust, dass Du sie zur Perfektion treiben willst. Eine Sache, die Du gerne tust, und eine zweite Sache, die Du auch sehr gerne tust, die aber am Markt gut bezahlt wird.

    Offensichtlich ist niemand bereit, Euch für einen Auftritt zu bezahlen. Dafür seid ihr selbst verantwortlich. Entweder tut ihr etwas, für das niemand bereit ist Geld zu zahlen. Oder ihr tut es so schlecht, dass es niemanden etwas wert ist.

    Und Musik ist eben so ein Thema, das niemanden einen Mehrwert bringt. Entsteht dadurch ein technischer Fortschritt, indem ihr zwei oder drei Stunden irgendwo steht und Musik macht? Wird dadurch etwas hergestellt, dass einem anderen nachhaltig einen Nutzen bringt? Nein! Musik machen ist noch weniger Wert als ein Haarschnitt. Von einem Haarschnitt habe ich wenigstens ein paar Wochen lang etwas. Aber wenn ich heute auf ein Konzert gehe, dann habe ich bereits in dem Moment, in dem ich nach Hause gehe nichts mehr davon.

    Der einzige Vorteil den Musizieren bringt, ist die eigene Erfahrung, die Schulung der Kreativität, Konzentrationsfähigkeit, Frustrationstoleranz, die Kontakte und Freundschaften und die persönliche Weiterentwicklung. Meine ersten Erfahrungen im Projektmanagement habe ich im Harmonikaverein gemacht. Ebenso habe ich bereits als Jugendlicher durch das Leiten einer Kindergruppe erste Führungserfahrung gesammelt. Durch die Auftritte habe ich die Scheu vor dem öffentlichen Sprechen abgelegt. Ich war es schon von Kind an gewöhnt, vor einer großen Menge aufzutreten, auch Solo. Das war mir später im Beruf sehr nützlich. Aber die Musik selbst, ausser wenn sie wirklich richtig aussergewöhnlich gut gespielt ist, dass sie sich stark von der Masse abhebt, hat an und für sich für den Konsumenten recht wenig bis keinen Wert.

  • Patrick   09. Mai 2017   11:23 UhrAntworten

    Musik hat keinen Mehrwert? Echt jetzt?
    Musik ist die höchste Schwingung im Universum. Musik kann inspirieren, motivieren ja sogar therapieren und heilen.
    Da lass ich mir lieber die Haar bis zum ... wachsen als auf Musik zu verzichten.

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