Kolumne: Like dich doch selbst! Wenn es sonst keiner tut…

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Kolumne: Like dich doch selbst! Wenn es sonst keiner tut...

Die Pflege der Social Media Kanäle kann ganz schön an die Substanz gehen... Vor allem, wenn sich nichts bewegt.

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Es fing ganz harmlos an…

Da gibt es eine Plattform, auf der Du kostenlos deine Musik promoten kannst, haben sie gesagt. Eine eigene Website brauchst Du nicht. Heutzutage läuft alles über Myspace. Jeder ist da. Wow, hab ich gedacht.

Mit ein paar Klicks habe ich mein Profil erstellt und meine Lieder hochgeladen. Es war einfach zu verlockend. Plötzlich war ich mittendrin, ich konnte nichts mehr dagegen tun…

Und jetzt? Myspace ist tot.

Es lebe der Pluralismus!

Ich fühle mich zerrissen. Meine Musik ist auf Soundcloud, die Videos sind auf YouTube, Bilder auf Instagram und Nachrichten auf Twitter…

Vernetze dich mit anderen Musikern und Veranstaltern auf Backstage Pro, haben sie gesagt. Wie, Du bist noch nicht auf Bandcamp? Da verpasst Du aber was.

Ach ja, und einen Platz auf Spotify, iTunes, Amazon Music, Google Play, Shazam und wie sie alle heißen, brauchst Du natürlich auch.

Allmächtiges Facebook

Wieso viel Geld bezahlen, wenn Du kostenlos eine Musiker-Seite einrichten kannst? Warum woanders hingehen, wenn die Leute, die Du erreichen willst, bereits dort sind? Haben sie gesagt.

Um Facebook kommst Du als Musiker kaum herum. Vereint es doch alle anderen Accounts an einem Platz, in einem Profil: Texte, Bilder, Videos, Musik, Veranstaltungen, Infos, Biografie… Wenn es einen digitalen Ort gibt, an dem Du wirklich viele Menschen auf einen Schlag erreichen kannst, dann dort.

Oder etwa nicht?

Anfixen & abzocken

Facebook lockt mit einer kostenlosen Seite für Musiker und 1,86 Milliarden monatlichen Nutzern (Stand: Ende 2016). Da sind feuchte Träume vom viralen Erfolg vorprogrammiert. Bei so vielen Leuten muss es doch ein paar hunderttausend geben, die das gut finden, was ich mache. Hab ich mir gedacht.

Anders als bei YouTube kann ich mir hingegen von Likes auf Facebook kein Brot kaufen. Im Gegenteil: Will ich, dass ein Post alle meine Follower erreicht, muss ich meinen „Beitrag bewerben“.

Selbst Leute, die bereits „Gefällt mir“ auf meiner Seite geklickt haben, bekommen nicht alle meine Beiträge angezeigt, bevor ich nicht Mark Zuckerberg ein paar Euro in den Schlund geschoben habe.

Anfixen und Abzocken. Eine erfolgreiche Strategie, nicht nur unter Drogen-Dealern…

Keiner hat etwas geahnt

Einladungen meine Seite mit „Gefällt mir“ zu markieren, regelmäßige Posts, Veranstaltungen und persönliche Nachrichten…

Meinem digitalen Umfeld ist zunächst nichts aufgefallen. So ist das doch immer. Aber dann wurde es immer schlimmer, bis es schließlich allen klar war: Ich bin ein aufstrebender Musiker.

Ein erhebendes Gefühl, als mir die ersten Fans jenseits von Verwandten oder Freunden ihre Likes schenkten. Ich war berauscht. Ich wollte mehr. Aber dann ging es nicht weiter. Die Zahlen stagnierten.

Ist meine Musik einfach kacke?

Das wäre zumindest die naheliegende Erklärung. Damit könnte ich sogar leben. Gegen diese Theorie spricht allerdings, dass ich regelmäßig Auftritte und positives Feedback von mir fremden Menschen bekomme. Sogar das ein oder andere wohlwollende Presse-Review jenseits des lokalen Stadtblatts ist am Start.

Ganz so schlecht kann meine Musik dann anscheinend nicht sein. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Es muss andere Gründe geben, warum sich auf Facebook, YouTube & Co. wenig bewegt. Die Übersättigung des Marktes ist mit Sicherheit ein Grund – aber auch eine faule Ausrede, um den Fehler nicht bei sich selbst suchen zu müssen.

Zusammen sind wir stärker?

Ich weiß, dass ich mit meinem Problem nicht alleine bin. Also wollte ich mir Hilfe holen. Auf Facebook gibt es zahlreiche passende Selbsthilfegruppen, in denen Singer-Songwriter & Gitarristen ihre Werke mit der Community teilen.

Zusammen sind wir stärker, habe ich gedacht. Wir helfen uns gegenseitig. Gemeinsam schaffen wir das, was wir alleine nicht können! Bis mir irgendwann klar wurde, dass am Ende doch jeder nur sein eigenes Süppchen kocht. Ich eingeschlossen.

„Bitte like mich, like mich, like mich!“ Like dich doch selbst!

Hilfe sollte man von anderen Musikern nicht erwarten. Und wer sollte es ihnen verübeln? Ich habe selbst genug damit zu tun, gerade so im Social Media-Jungle zu überleben.

Mein größter Fan…

…bin ich – ich like und teile meine eigenen Beiträge mit meinem privaten Profil. Anders komme ich einfach nicht auf meinen Reichweite-Pegel.

Früher war es mal ein Post am Wochenende. Vielleicht auch zwei. Das war lustig und hat niemandem geschadet. Jetzt fange ich meist schon morgens damit an…

Klicks & Likes – Indikatoren deines Marktwerts?

Tatsächlich nehmen manche Booker keine Künstler ins Programm, deren „Gefällt mir“-Angaben unter einer bestimmten Zahl liegen. Unter 500 Likes ist es schwierig als Musiker ernstgenommen zu werden.

Ich kann den Gedanken dahinter verstehen. Veranstalter haben hohe Kosten: Miete, Personal, Getränke, Werbung etc. Warum sollten sie also jemanden spielen lassen, bei dem höchstens Eltern und drei Freunde den ganzen Abend an einer einzigen Flasche Mineralwasser nuckeln?

Es ist ein Teufelskreis: Durch mehr Likes, wirst Du für größere Locations attraktiver. Aber um mehr Likes zu bekommen, musst Du da spielen, wo viele Leute sind.

Ein verlockendes Angebot

Als unbekannter Musiker kann das sehr frustrierend sein. Ich habe sogar schon darüber nachgedacht, mir Likes zu kaufen. So weit bin ich schon. Für nicht mal 20 Euro bekäme ich 1.000 internationale Fans auf meiner Seite. Für knapp 35 Euro sogar 2.000. Endlich berühmt?

Aber was bringen mir bitte 2.282 Fans, wenn am Ende wieder nur dieselben drei Hansel (und mein größter Fan) meine Beiträge liken?

Endlich frei?

Seit einem Jahr habe ich nun eine eigene Website. Und es fühlt sich gut an. Endlich bin ich unabhängig. Ich habe ein Zentrum – eine digitale Heimat, in der ich endlich sein kann, wer ich wirklich bin. Ein Ort, den ich ganz nach meinen eigenen Wünschen gestalten kann.

Dennoch kann ich nicht auf meine Social Media-Kanäle verzichten. Zu tief drin, um jetzt aufzuhören… Und so werde ich weiter meine sozialen Netze auswerfen und dankbar sein für jeden auch noch so kleinen Fang, der mir den Tag versüßt.

Der Weisheit letzter Schluss

Einfach nur einen Account bei Facebook, YouTube oder ähnlichen Seiten zu haben, wird deinen Bekanntheitsgrad nicht automatisch erhöhen. Regelmäßiges Posten, Beiträge in Themen-Gruppen und die digitale Vernetzung mit anderen Musikern, können natürlich helfen, dich mit deiner Musik weiterzubringen. Aber die Pflege deiner sozialen Netzwerke kostet Zeit und Kraft. Sie ist vor allem eins: Arbeit.

Was wirklich hilft, ist Likes & Shares nicht allzu ernst zu nehmen. Am Ball bleiben, weitermachen. Inhalte optimieren. Auch wenn es frustrierend sein kann. Wenn die Qualität deiner Musik einigermaßen stimmt, bekommst Du auch Auftritte ohne 5.000 Follower auf deinem Facebook-Konto. Schenke der Welt außerhalb der sozialen Netzwerke mehr Aufmerksamkeit.

Willst Du darüber reden?

Jetzt ist es an der Zeit den Redeball weiterzugeben. Wir geht es dir mit Facebook & Co.? Welche Erfahrungen, welchen Frust hast Du als Musiker mit den sozialen Netzwerken? Es tut gut, einfach mal darüber zu reden… glaub mir: Du bist nicht allein.

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Lesermeinungen (4)

zu 'Kolumne: Like dich doch selbst! Wenn es sonst keiner tut…'

  • Alan   20. Mrz 2017   13:11 UhrAntworten

    Hallo Jens,
    ich hatte leidlich recht ähnlich Erfahrungen in den Anfängen der sozialen Netzwerke und Karriereportale durchgemacht und wurde mit der Zeit mehr und mehr zum fast schon süchtigen Networkjunkie.
    Die Erforschung neuer Welten und Möglichkeiten wurden jedoch mehr und mehr zeitintensiver und das Knüpfen und die Pflege von Kontakten exponentiell aufwendiger.
    Mit der Zeit ersah ich jedoch recht schnell, das ich meinen eigentlichen Fokus, nämlich noch Musik zu machen, mehr und mehr durch das Chillen in Netzwerken verlor.
    Ebenso schnell ergab sich damals auch die Erkenntnis (eine Youtube-Monetarisierung so wie gekaufte Views&Likes gab es noch gar nicht), das man mit Klickraten ohnehin nicht an einer Supermarktkasse bezahlen kann (die wollen doch immer noch Geld sehen *grins*) und irgendwie jeder ohnehin nur sein eigenes Ding durchboxen möchte.
    Wem möchte man das aber auch verübeln ?
    Aus den gleichen Gründen war ich schließlich ja auch aktiv !

    Der Delamar Artikel "Warum mich deine Musik einen Scheiß interessiert" erklärt das existentielle Wesen dieser Netzwerke (und weswegen sie tatsächlich, zumindest für mich, kaum etwas habhaftes bringen).
    Sicher, Youtube kann heute für jemand ein Sprungbrett werden- aber da sein Ding zu machen ist nicht weniger beschwerlich, als Draußen durch Klinken putzen geschlossene Türen einrennen zu wollen.

    Ich habe gut (aber schlussendlich weniger gerne) 3 Jahre meines Lebens regelrecht verschwendet um zur Erkenntnis zu gelangen, das alle diese ganzen Portale mir nichts bringen.
    Viel Geschwafel, viel Gehabe, viel Hype, große Klappe- nichts dahinter, war das soziale Netzwerk Fazit, wenn man Dinge doch konkreter angehen wollte.

    Als Facebook auftauchte, habe ich das bis heute sehr erfolgreich ignorieren und komplett umgehen können.
    Dieses und solche Netzwerke brauche ich heute gar nicht um meine Musik an den Mann zu bringen und sogar davon leben zu können.

    Nachdem ich von Karrierenetzwerken & Co die Schnute nämlich gestrichen voll hatte, verlagerte sich mein Fokus wieder gänzlich auf die Musik und meiner musikalischen Entwicklung.
    Anstelle meine Musik wiederum auf Portale zu stellen und mich mit irgendwelchen User in wenig habhaften und belanglosen Diskussionen auseinanderzusetzen (warum bist du denn an jener Stelle ins "F" gegangen wo ich doch ein "E" genommen hätte ? / warum trinkst du O-Saft wenn es doch auch Apfelsaft gibt ?), habe ich mich mit meiner Musik und Repertoire ganz einfach Online bei einem Verlag beworben und die bezahlen mich nun schon seit Jahren nicht mit Likes, DH,DR oder Views, sondern mit Moneten, Auftragsanfragen so wie Gewinnbeteiligung und die Verkäuferin an der Supermarktkasse ist darüber auch ganz froh, gehöre ich doch heute zu den besten Kunden im Markt.

    • Jens Bender (delamar)   21. Mrz 2017   10:07 UhrAntworten

      Hallo Alan,

      vielen Dank für dein Kommentar! Deine Erfahrungen untermauern, dass es auch ohne Social Media geht.

      Womit ich jetzt aber auch nicht sagen will, dass man komplett darauf verzichten muss. Da sollte jeder eben seinen eigenen Weg finden und abwägen, ob die Präsenz in den sozialen Netzwerken für einen sinnvoll ist.

      Mein Beitrag ist natürlich ein bisschen mit einem zwinkernden Auge zu lesen, aber die Suchtgefahr ist durchaus real. Oder eben die Gefahr, die Du beschrieben hast, dass man vor lauter Social Media Marketing das Wesentliche aus den Augen verliert: die Musik.

      Dabei gibt es viele Leute, die - aus welchen Gründen auch immer - Facebook & Co. boykottieren. Will heißen: Da ist auch ein Markt, den man nicht vernachlässigen sollte. Um in Kontakt zu bleiben, gibt es auch andere Möglichkeiten als Facebook (z.B. einen Newsletter).

      Beste Grüße,
      Jens

      • Alan   21. Mrz 2017   12:57 Uhr

        Hallo Jens,
        danke für das Feedback.

        Ich wollte in meinem Kommentar die Nützlichkeit und Breite optionaler Vermarktungsmöglichkeiten durch Facebook&Co ebenfalls nicht abstreiten.
        Ich sehe solche Netzwerke unter folgenden zwei Aspekten:
        - A). als Vermarktungsnetzwerk.
        - oder B). nur als Messenger-Netzwerk.

        A.) Für jemanden der Online richtig planend durchstarten möchte, viel Arbeit und Konzeption in Vermarktungsstrategien investieren möchte (und muss), für den sind Netzwerke ein probates Mittel und Werkzeug zur medialen Expansion.
        Ich betone hier bewusst "ein" (Zahl 1)...probates Mittel und Werkzeug.
        Facebook, als meist frequentiertes Netzwerk , ist "ein" erforderlicher Kanal zwecks Resonanz, aber es braucht doch etwas mehr als nur einen Kanal und deswegen insgesamt eine Aufstellung in der Breite, wenn man unter wirtschaftlichen Aspekten Online plant, wie z.B. auch die eigene Website und Frequenz auf anderen wichtigen und auch weniger wichtigen Portalen. Der Aufwand dessen ist allerdings nicht zu unterschätzen, denn abgesehen davon noch Musik machen zu können, sind irgendwie ja auch noch Rechnungen wie Miete, Strom usw. zu zahlen.

        2). Für jemanden, dem das alles zu viel an Arbeit und Aufwand ist, für den werden meiner Meinung nach ausnahmslos alle Portale, sei es Facebook, Youtube, SoundCloud und wie sie alle heißen, nichts anderes sein als ein reines Messenger-System.
        "Schaut her, ich habe etwas gemacht, wie findet ihr das, gebt mir bitte Likes" (siehe Artikelthematik) und darauf warten und hoffen, das sie plötzlich entdeckt werden und zu Ruhm und Reichtum gelangen.
        Das passiert so bekanntlich eher selten.
        Da kann man sich auch eine Zeitung unter den Arm klemmen und bei Gewitter auf den Topf gehen, um einmal eine bekannte Wahrscheinlichkeitsrechnung zu bemühen.

        Egal welchen Weg man aber nun einschlägt, ob Online oder Offline Klinken putzen geht:
        "Nur wenn man nichts tut, tut sich nichts !"
        Bei aller Aktivität und Unternehmung die man anstrengt sollte man allerdings auch immer ein Produkt haben, das man vorweisen kann.
        Ich kenne das leider nur noch zu gut aus Xing-Zeiten, wo viel geträumt und viel geredet/geschwafelt wurde, aber kaum etwas wirklich konstruktives dabei entstanden ist.
        Ich habe für mich die Erkenntnis aus meinen verschwendeten Onlineaktivitäten ziehen können, das es für wirklich handfestes immer Macher braucht- keine Redner !

        Sonnige Grüße,
        Alan

  • Milli Milhouse   24. Mrz 2017   22:42 UhrAntworten

    als ich den artikel gerade von anfang bis ende gelesen habe musste ich erst schmunzeln, dann sogar lachen - über mich selbst in erster linie, denn genau so wie es im artikel steht isses tatsächlich, ich hab mich ertappt. - passend zu diesem artikel wäre doch mal eine ergänzung ganz interessant, wie das denn so vor 20 jahren herum war, ganz ohne social media, ganz ohne net-labels. was konnte/musste man da als "home"-producer alles unternehmen, damit die eigenen werke verkauft werden können? man musste vermutlich erst viel geld investieren (cd produktion, werbung) um starten zu können?!

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