Kolumne: Warum mich deine Musik einen Scheiß interessiert (und alle anderen auch)

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Warum mich deine Musik einen Scheiß interessiert

Der Start unserer Kolumne mit harten Tönen: Warum mich deine Musik einen Scheiß interessiert (und alle anderen auch). Lies jetzt die Kolumne von unserem Chefredakteur Carlos San Segundo.

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Aber ich liebe doch Musik?

Natürlich. Wir Musiker lieben die Musik und das leidenschaftlich, einige sogar obsessiv. Zumindest lieben wir unsere eigene Musik und die unserer musikalischen Idole. Aber lieben wir auch die Musik der anderen Musiker? Nun, das ist Stoff für einen anderen Artikel.

Wer sich auf Instagram umschaut, wird sehr viele selbst designierte Musikfans und -kritiker finden. In den Tags á la #musicismylife, #musiclover oder #musiciseverything finden sich abertausende Beiträge von eben solchen, die Musik als ihre große Leidenschaft verstanden wissen wollen. Und sie glauben selbst daran.

Das Publikum liegt niemals falsch

Doch in Wirklichkeit lieben sie nicht die Musik. Vielmehr lieben sie die Geschichte, das Image oder die Musiker hinter den Songs.

Leidet das Publikum am schlechten Geschmack?

Der US-amerikanische Filmproduzent Adolph Zukor schrieb es bereits in seiner Autobiografie: „Das Publikum liegt niemals falsch“. Und Curtis Jackson, besser bekannt als Hiphop-Star 50 Cent, fügt hinzu: „Wenn die Menschen nicht auf das reagieren, was Du machst, sagen sie dir damit Etwas ganz laut und deutlich. Du hörst nur nicht zu.“

Dabei ist es so einfach.

Das Publikum tendiert immer zu dem, was es mag. Und es ergibt einfach keinen Sinn, über den Geschmack der Allgemeinheit zu diskutieren. Menschen mögen eben das, was sie mögen. Und wenn es dir darum geht, dass deine Musik gehört wird – sich Menschen für deine Musik interessieren – dann musst Du einen Weg finden, die Allgemeinheit richtig anzusprechen.

20% aller Songs auf Spotify werden niemals gespielt

Es ist nichts falsch daran, nur einen kleinen Kreis erlesener Fans ansprechen zu wollen. Doch wer sich das als ehrliches Ziel setzt, muss nicht über den Geschmack der breiten Masse diskutieren, schimpfen oder die Schuld des ausbleibenden Erfolges dem Publikum zuschieben.

Gibt es zu viel Musik?

Ja. Das Angebot war schon immer riesig. Und seitdem sich Jeder mit wenigen Klicks ein virtuelles Musikstudio auf den Computer holen kann, ist es nicht besser geworden. Es gibt mehr Musik als je in einem ganzen Leben gehört, geschweige denn verarbeitet werden könnte.

Laut eigenen Angaben werden etwa 20% aller Songs auf Spotify niemals gespielt. Nie.

Das macht etwa 6 Millionen ungespielte Lieder – alleine bei diesem Anbieter. Und jeden Tag kommen tausende neue Songs hinzu, viele davon besser als deine oder meine.

Jede Generation braucht neue Musik

Doch ist das tatsächlich der Grund, warum sich niemand für deine Musik interessiert? Haben sich schon immer die besten Songs, die besten Musiker durchgesetzt?

Gute Songs werden die Menschen immer bewegen. Und jede neue Generation sehnt sich nach neuen Künstlern, innovativen Bands und nach neuen Songs. Teenager brauchen neue Musik, um sich von den Eltern und anderen Gruppen absetzen zu können. Musik wird zum Teil der eigenen Identität einer jeden Generation – und das geht nicht mit der Musik einer vorangegangenen.

Mit einer so großen Auswahl auf Abruf brauchst Du einen Weg, um das Interesse der Fans zu wecken. Um ihre Aufmerksamkeit auf dich und deine Musik zu ziehen.

Eine gute Geschichte ist wichtiger als Musik

Wann hast Du das letzte Mal deine Nicht-Musiker-Freunde über Songstruktur, Melodieführung, seltene Aufnahmetechniken oder innovative Synkopierung sprechen hören? Vermutlich noch nie, denn das sind nur die Dinge, die uns Musiker interessieren. Der normale Fan interessiert sich nicht für deine Musik.

Menschen mögen anderen Menschen. Und Menschen lieben gute Geschichten. Fans folgen Bands nicht wegen ihrer Musik. Sie werden zu Fans, weil sie über die Hintergrundgeschichte einer Band eine Verbindung zu dieser aufbauen.

Warum bist Du Fan deiner Idole? Neben der guten Musik kennst Du vielleicht deren Werdegang, der dich inspiriert. Vielleicht gefällt dir, wie sich die Band als Rockstar gibt oder wie sie sich für eine gute Sache einsetzt.

Geschichten werden weitererzählt

Als es keine Schrift und Bücher gab, dienten Geschichten am Lagerfeuer dazu, die Menschen weiterzubilden und zu erziehen. Und so verwundert es kaum, wenn wir unseren Freunden auch heute noch gerne gute Geschichten über unsere Lieblingsband erzählen.

So ist es viel wahrscheinlicher, dass jemand deine Musik mit seinen Freunden teilt, wenn es zu diesem Song noch eine interessante Geschichte zu erzählen gibt. Radiosender benötigen ein kurzes Intro und eine spannende Erklärung, warum gerade deine Band aus der Masse heraussticht. Blogger und Journalisten brauchen eine Story, über die sie schreiben können.

Warum also sollte mich deine Musik interessieren? Was ist deine Story?

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Lesermeinungen (22)

zu 'Kolumne: Warum mich deine Musik einen Scheiß interessiert (und alle anderen auch)'

  • Philip Mzee   05. Feb 2017   10:23 UhrAntworten

    leider kann man "das Publikum" nicht (mehr) als ein Publikum im homogenen Sinne verstehen. Daher ist die These, dass der Erfolg einer Band auch entsprechend auf gute Musik zurückzuführen ist, mehr als veraltet. Für die meisten Menschen ist Musik lediglich ein dudeliger Alltags-Erheller, der nebenbei im Autoradio läuft oder den man gratis streamt oder für ein paar Cents im Apple Music Shop haben kann. Die meisten konsumieren einfach das, was sie vorgesetzt bekommen, den guten alten Einheitsbrei. Glücklicherweise gibt es neben der Popularmusik, zu der sowohl Adele, Lady Gaga, aber auch der 50 Cent gehört, diverse andere Musik-Genres, die einen breiteren Umgang mit der Musik ermöglichen. Popularmusik wird hingegen platziert und Massenphänomene werden gezielt von Plattenfirmen durch Image und Marketing etc. erzeugt.

    • Marcel Fünkner   05. Feb 2017   11:07 UhrAntworten

      Das trifft wahrscheinlich wirklich einen Großteil, allerdings gibt es immer noch genug Menschen die eben nicht diesen einheitsscheiss hören bzw. eben guter von schnellproduzierter Musik unterscheiden.

    • Axel Christel   05. Feb 2017   11:45 UhrAntworten

      Dem letzten Teil kann ich mich nur anschließen. Die Musikvorlieben des Durchschnittshörers werden bestimmt durchs Airplay. Dieses wird wiederum von den Labels erkauft. Q.e.d. Soviel zum Autor und seinem Verständnis davon, welche Musik die Massen erreicht.

    • Tobias Witzel   05. Feb 2017   11:57 UhrAntworten

      Amen!

  • Chris P. Bacon   05. Feb 2017   10:50 UhrAntworten

    Ja. Recht hatter. Die Leute interessieren sich n scheiss für ganix. Allein schon das Überangebot macht fast unmöglich. Wenn du dann nicht mal Charisma hast was den Leuten zusagt, wird das nix. Deswegen ranken sich sage und schreibe 300 ppl. In meiner Artist Page 😃😃😃

  • Thom Wettstein   05. Feb 2017   11:05 UhrAntworten

    Harte Worte, aber die Realität ist gnadenlos. Leider hast du recht.

  • Alexander Seidel   05. Feb 2017   11:27 UhrAntworten

    300 ist doch noch top. Bei mir sind es 199 mit stetig abnehmender Tendenz - soviel zu "Interesse" der Leute. Ist mir aber Wurst, da Erfolg zum Glück nicht davon abhängt ;-).

  • Simon Sohn des Alfred   05. Feb 2017   11:30 UhrAntworten

    Provokanter Titel, Informationsgehalt gleich null... Und ich Fall mal wieder drauf rein...

    • Carlos San Segundo   05. Feb 2017   13:25 UhrAntworten

      Schade, wenn Du so wenig daraus hast ziehen können. Gibt mehr als genug wertvolle Infos drin...

    • Simon Sohn des Alfred   05. Feb 2017   14:38 UhrAntworten

      Sind zwar alles Dinge die man sich auch selbst recht locker zusammenreimen kann, aber was mich eigentlich stört ist diese billige Masche mit dem knallharten Titel (kennt man von YouTube) um Publikum anzulocken, während der Inhalt die vorgegaukelte Brisanz nicht mal ansatzweise einlösen kann. Ist wie mit dem vielzitierten Loudness War. Funktioniert erstmal um sich von der Masse der Mitbewerber abzuheben, hat aber mit wahrer Qualität nichts am Hut. Hach, ich liebe es wenn man den Witz erklären muss...

  • Mario Walter   05. Feb 2017   11:45 UhrAntworten

    Das was über Radio und TV praktiziert wird, kommt der klassischen Konditionierung nach Pawlow sehr nahe!! Da geht es kein Stück mehr um die moralische Aufgabe von Musik! Da geht es darum Einschaltquoten zu erzeugen, die über Werbung sehr viel Geld einbringen! Aber nicht um den Grundgedanken der Musik! Mainstream- Kommerz!! Anfüttern, abhängig machen und abzocken ist die Deviese!

  • Norbert   05. Feb 2017   11:52 UhrAntworten

    Also ich fand die Gedanken von Carlos absolut klug und ich habe sie gern gelesen. Sie lenken die eigenen Gedanken auf das Wesentliche. Und das sind weder neue Plugins noch ein besonderer Sound des Verzerrers. Wesentlich sind textliche oder musikalische Botschaften, die gute Gefühle auslösen, oder die zumindest berühren. Und diese Musik kann man nur machen, wenn man nicht vordergründig nach Erfolg sucht.
    Leider ist es so, dass die Radiosender (fast) allesamt nur auf quotenreichen Mainstream stehen, sodass wir auch kaum etwas anderes dort hören können...
    Wer seinen eigenen Weg findet - unabhängig von der Zahl der Zuhörer - der kann zumindest Zufriedenheit finden...

  • Thomas Nihil   05. Feb 2017   12:19 UhrAntworten

    auf den punkt gebracht. mehr davon.

  • Carlos San Segundo   05. Feb 2017   13:26 UhrAntworten

    Matthias Das sollten wir uns hinter die Ohren schreiben für unser Album dieses Jahr! :)

  • Thomas Nimmesgern   05. Feb 2017   15:00 UhrAntworten

    So richtig kann ich mich mit dem Artikel nicht anfreunden.
    Ich sehe drei Schwachstellen im Artikel:
    - die Überschrift ist reinster Clickbat und wirkt auf mich geradezu hochnäsig;
    - im Atikel stehen Aussagen, die meiner Meinung nach einander widersprechen;
    - die Einleitung ist im Vergleich zur Kernaussage zu lang.

    Selbstredend ist das meine rein persönliche Einschätzung. Um das zu verdeutlichen, will ich das mal ausführlicher beschreiben:

    -- Die Überschrift ist Clickbait. Das heißt, dass Ihr die Leser nicht für voll nehmt - so wirkt das zumindest: Ihr (und jede andere Clickbait-Überschrift) reduziert die potenziellen Leser auf Reiz-Reaktionsmaschinen, die -wie eine programmierte Maschine- auf einen Reiz -wie eine solche Clickbait-Überschrift- anspringen. Das führt dazu, dass die Überschrift weniger über den Inhalt aussagt, als sie eigentlich könnte; sie ist im Vergleich zur Kernaussage des Artikels sogar nichtssagend. Im Endeffekt können solche übertriebenen, aufmerksamkeitsheischenden Überschriften dazu führen, dass sich Leser abwenden(!), weil sie Clickbait nicht mehr unterstützen möchten.
    Solche Clickbait-Überschriften (ohne eigentlichen Aussagewert) sind gerade beim delamar-Publikum fehl am Platz, finde ich: Die delamar-Zielgruppe besteht vermutlich aus Musikern und Musikinteressierten, die von vornherein Interesse und Ahnung haben - marktschreierische Überschriften sind da nicht nötig, sondern Überschriften, die den Informationswert deutlicher herausstellen (gerade weil die delamar-Zielgruppe deutlich informierter als der übliche Muskhörer ist).
    Die Hauptaussage der Überschrift ist streng genommen Unfug: Wie kann der Autor, der noch nie meine Musik gehört oder überhaupt wahrgenommen hat, sagen, dass er sich "einen Scheiß" dafür interessiert? Selbstverständlich ist die Überschrift NICHT auf der persönlichen Ebene gemeint, das verstehe ich natürlich - aber dann ist eine persönliche Ansprache an den Leser eigentlich falsch.
    Fäkalsprache hilft auch nicht unbedingt, das Vertrauen in den Artikel zu stärken.

    --Der Artikel widerspricht sich. Einerseits heißt es: ,,Doch in Wirklichkeit lieben [die Hörer] nicht die Musik. Vielmehr lieben sie die Geschichte, das Image oder die Musiker hinter den Songs" - andererseits steht aber auch im Text: ,,Gute Songs werden die Menschen immer bewegen".
    Das passt nicht so richtig zusammen, finde ich. Einerseits wird betont, dass es eben nicht um die Lieder an sich geht, sondern um das Drumherum (Image der Interpreten, Geschichte des Liedes, gesellschaftliche Umstände usw.); da ist sicherlich viel Wahres dran. Andererseits wird betont, dass gute Lieder immer ankommen; das klingt so, als wären diese gerade erwähnten Begleitumstände doch nicht wichtig.

    -- Die Kernaussage des Artikels ist sehr kurz, was den laaangen Rest des Artikels als Staffage wirken lässt. Die Kernaussage lautet (nach meinem Verständnis): ,,Radiosender benötigen ein kurzes Intro und eine spannende Erklärung, warum gerade deine Band aus der Masse heraussticht. Blogger und Journalisten brauchen eine Story, über die sie schreiben können."
    Der Rest des Artikels führt darauf hin. Diese Hinführung finde ich im Vergleich zur Kernaussage zu lang, vielleicht sogar weitschweifig.
    Aus der Kernaussage hätet man auch eine clickbait-freie Überschrift machen können, sowas wie: ,,Dein Song braucht eine gute Story!" - wäre vielleicht angenehmer (und ehrlicher) gewesen.
    Die Kernaussage fiden ich sogar interessant. Sie geht halt nur im langen Drumherum-Text etwas unter.

  • Alan   05. Feb 2017   15:26 UhrAntworten

    Die Möglichkeiten für den Bezug von Entertainment so wie die Palette unzähliger Formen der Unterhaltung, sind heute überwältigend vielfältiger als zu Zeiten von Annodazumal, als Radio, Plattenspieler und TV-Gerät in heimischen Wohnzimmern konkurrenzlos zu Entertainment-Alternativen war.

    Demzufolge hatte damals Musik und Musiker als Stars und Ikonen einen ebenso unangefochten hohen Stellenwert und nacheiferndes Identifikationswesen für die Jugend, wie es z.B. Messi und CR7 für die Kids von heute sind.

    Heute ist die Musik mehr oder minder nur noch ein Zweig eines am Baum hängenden Ast, da die Kids sich durch Youtube&Co vieler und gänzlich anderer Unterhaltungszweigen und Interessensgebieten wie z.B. Let`s plays, diverse Blogs, Tutorials etc. bedienen und widmen können.
    Kurz, in der heutigen Jugend hat die Musik als dermaleinst bedeutendster Mittelpunkt des Entertainments an Stellenwert stark verloren !

    Musik ist ein berieselndes Spartenprodukt geworden und dahingehend sich weit weniger Menschen (Kids) mit der tieferen Materie von Musik und heldenhafte Musiker und Geschichten beschäftigen.
    Die massenhaften Mädels, die sich früher noch Poster ihrer Traumtypen ihrer Boyband usw. an die Wand geheftet haben oder vlt. hinterher tingelndes Groupie zu sein, hängen da heute Poster von Kardashian`s&Co auf, mit dem Bestreben selbst ein It-Girl zu sein.

    Das Desinteresse liegt meiner Meinung nach nicht an ein Überangebot von Musik oder zuviel schlechte Musik und Einheitsbrei im Radio (natürlich gibt es von alledem zuviel), sondern einfach daran, das die Kids von heute ganz andere Möglichkeiten haben, anders wahrgenommen zu werden und sich anders wahrgenommen zu fühlen und selbst viele viele Möglichkeiten haben, sich selbstdarstellerisch (global!) zu präsentieren und daher nicht zwangsweise Musiker und Idole anschmachtend hinterherlaufen zu müssen.
    Man schmachtet zwar nacheifernd durchaus noch Idole an, halt nur ganz andere und die Selbstvermarktung des eigenen Ich`s auch weit mehr im Vordergrund steht (so wie das vermeintlich schnelle Geld lockt) und auch leichter zu konstruieren ist, als einfach nur Fan zu sein.
    Die Prioritäten in Teenagerjahren haben sich so gesehen nicht zwangsweise verändert (Berühmt und reich sein), nur die Möglichkeiten der eigenen Wahrnehmung und Repräsentation dieser, haben sich komplett verlagert.

  • Stephan Weidt   06. Feb 2017   10:18 UhrAntworten

    Ich hab mich gefragt, ob das stimmt, was Carlos behauptet. Und ich habe Argumente dafür und dagegen gefunden. Vielleicht nicht Argumente, eher Beispiele.

    Als Jugendlicher habe ich die Beatles geliebt. Und habe mich mit ihnen identifiziert. Viel über sie gelesen, Haltungen imitiert, mich mit ihren Charakterzügen auseinandergesetzt und mit den Texten ihrer Lieder. Ich fand - und finde - aber natürlich auch ihre Musik großartig. "Here comes the sun" ist ein Stück, das man lieben kann, ohne zu wissen, dass George Harrison es geschrieben hat. Muss man die Geschichte(n) der Beatles kennen, um "Let it be" gut zu finden?

    Noch fremder wird mir Carlos These, wenn ich mir meine Liebe zu Fusion anschaue. Ich liebe diesen Musikstil, obwohl ich nichts über die Geschichte eines Mike Stern, Frank Gambale oder Alan Holdsworth weiß. Gut, ein Image verbindet die drei (und einige andere): auf ihrem Gebiet - in diesem Fall eine jazz-rockig gespielte Gitarre - extrem kompetent zu sein. Aber das muss ich nicht irgendwo nachlesen, das ist mir klar, wenn ich diese Leute spielen höre. Ich liebe den Klang, die Harmonien, die Rhythmen.

    Und wenn ich jetzt mal auf junge Leute schaue: Lieben die "Haus am See", weil sie Peter Fox als Typen mögen, seine Geschichte kennen oder sich mit ihm identifizieren? Ich jedenfalls finde das Lied witzig und weiß über Peter Fox nicht das Geringste. Das Ding hat einfach einen charmanten, witzigen Text. Punkt.

    Trotz alldem liegt Carlos, finde ich, nicht ganz falsch. Es stimmt, dass die Leute Geschichten lieben, es gibt Sensationslust, aber auch die Bereitschaft zur Einfühlung oder eben zur Identifikation. Was wäre Nirvana ohne das Charisma und die Tragik eines Kurt Cobain? Immer noch starke Musik, keine Frage, aber diesen eigenartigen Kultcharakter hat die Band natürlich auch erlangt durch die Mythen und Geschichten, die sich um sie ranken - und das herzzerreißend selbstzerstörerische Auftreten ihres Frontman und sein schlimmes Ende.

  • Michael   06. Feb 2017   19:59 UhrAntworten

    "Doch in Wirklichkeit lieben sie nicht die Musik. Vielmehr lieben sie die Geschichte, das Image oder die Musiker hinter den Songs.... "

    "Menschen mögen anderen Menschen. Und Menschen lieben gute Geschichten. Fans folgen Bands nicht wegen ihrer Musik. Sie werden zu Fans, weil sie über die Hintergrundgeschichte einer Band eine Verbindung zu dieser aufbauen...."

    Hmmm...ob man das alles so stehen lassen kann, was der gute Carlos da so schreibt? Und vor allen Dingen grob verallgemeinert?

    Ich kann mich noch an Zeiten zurückerinnern (ja, ist lange her, sehr lange), da fand im ö.r.-Fernsehen so etwas wie Popmusik überhaupt nicht statt. Und die Rundfunkanstalten fingen erst an, als "Spartenprogramme" sich damit zu befassen. Das war in den goldenen 70zigern. Ich habe damals fast ausschließlich AFN im Radio gehört (amerikanischer Truppensender). Dort liefen den ganzen Tag über tolle Musik und ich habe dort von Bands gehört, die erst Jahre später in Deutschland bekannt wurden, und das zunächst auch nur bei Insidern (Eagles, Doobie Brothers, Lynyrd Skynyrd, Allman Brothers usw. usw.). Informationen über die Hintergründe dieser Bands oder Stories? Fehlanzeige. Woher auch. Mich haben deshalb ausschließlich die Songs gefesselt und nur diese. Alleine an die Platten der entsprechenden Gruppen zu kommen war schon abenteuerlich, wenn man nicht gerade in einer Großstadt wohnte. Und ehrlich gesagt suche ich bis heute meine Musik nach dem gleichen Muster aus. Das Radio läuft....ein Song bleibt irgendwie im Innern haften und gefällt....Interpreten raussuchen und ggf. eine CD kaufen oder Downloaden. Bei "kleineren" Künstlern auf gerne mal von der entsprechenden website ordern und damit direkt unterstützen.

    Also, Musik aufgrund von Geschichte, Flair, Duft der großen weiten Welt oder sonst was lieben und konsumieren? Zumindest für mich vollkommener Quatsch. Und ich bin sicher nicht der einzige, der so denkt. Und was nach Carlos These bei einigen Popkonsumenten vielleicht ja noch zutreffen mag, im Klassik/Jazzbereich tendiert das gegen Null. Wer interessiert sich für die Musik von Mozart oder Parker nur aufgrund deren Lebensgeschichte?

    Und natürlich interessiert sich auch andere für Deine Musik. Sie muss halt nur handwerklich gut gemacht und präsentiert werden. Und nicht am "Endverbraucher" vorbei. Und da hapert es doch meist gewaltig. Trotz Homestudio im Keller und dem Leitfaden "A million seller hit in two hours". Das kann ein ganz, ganz langer und harter Weg sein. Aber wenn diesen andere nicht gegangen wäre, würden wir heute alle ausschließlich gregorianische Chöre hören. Oder trommeln.

    Also, mein lieber Carlos, so sehr ich Dich schätze, ich kann Dir für Deinen Artikel inhaltlich gerade noch so eine knappe 4- geben, sorry. Das hast Du aber mit Deinen früheren vielen tollen Podcasts mehr als wettgemacht ......;-)

  • ORI$ON TIDE   12. Feb 2017   11:49 UhrAntworten

    Ich sag's mal anders herum: Wenn "dem Publikum" meine Musik nicht gefällt, interessiert mich das einen Scheiß!
    Da ich nicht von der Musik lebe/leben muss, kann ich genau das machen, was ich will. Wenn das dann ein paar Menschen genau so gut gefällt wie mir, umso besser. Wenn nicht - egal! Mir gibt das Komponieren, Musizieren, Singen, Mischen etc. so viel Freude, Aufregung, aber auch Ruhe und Entspannung... das alleine ist es schon wert, Musik zu machen :-)
    Was die Masse angeht: Die Masse ist grundsätzlich DUMM! Egal, in welchem Bereich. Ob Musikgeschmack, Politik, Sozialkompetenz. Wichtig sind immer nur einige wenige, herausragende Persönlichkeiten, die mit viel Glück ein paar Prozent der "Dummmasse" erreichen und evtl. sogar "bekehren" können.
    Leider folgt die Dummmasse aber lieber "populistischen" Tönen - wiederum genau so im musikalischen Sinn, wie etwa im politischen.
    Also gib dich keiner Illusion hin. Hauptsache, deine Musik macht dir Spaß! Mit etwas Glück triffst du damit ja auch einen breiteren Geschmack - falls das überhaupt dein Ziel ist.

  • Michael   12. Feb 2017   22:16 UhrAntworten

    Ich denke, wenn man interessehalber einen kleinen Teil der sogenannten "Masse" sehen will , kann man ganz einfach von oben herab aus dem Fenster schauen...oder, wenn man viel Mut und Verstand hat wahlweise auch mal in das Ding, welches normalerweise im eigenen Badezimmer an der Wand hängt ;-)

  • Lufok   06. Mrz 2017   23:56 UhrAntworten

    Sicher gibt es zu viel Musik, aber die Behauptung, dass Musik nur wegen der Geschichte und der Ausstrahlung der Musiker erfolgreich ist, halte ich für übertrieben. Ich höre Musik aller möglichen Stile. Wenn mir die Musik gefällt, interessiere ich mich evtl. auch für die Leute, die sie machen, nicht umgekehrt.
    Der Satz "Gute Songs werden die Menschen immer bewegen." stimmt schon eher, auch wenn sich die Frage stellt, was für wen ein guter Song ist (und der Widerspruch zu der ersten These ist ja schon angemerkt worden). Ich denke, die meisten Leute werden sich mit einem Künstler erst befassen, wenn ihnen ein Lied gefällt. Ich habe immer mal interessante Artikel über Musiker gelesen, deren Musik ich nicht kannte. Als ich die Musik dann gehört habe, war ich meistens enttäuscht. Außerdem glaube ich, dass die von Menschen, der sich gegen jede Vernunft dafür entscheidet, ernsthaft Musik zu machen, immer auf eine Weise interessant ist.
    Ich höre auch viel Musik, die auch meine Eltern hören, weil sie mir gefällt. Das Abheben von der älteren Generation ist mir da eigentlich egal.

  • Wellenstrom   18. Mrz 2017   23:50 UhrAntworten

    Jo, interessant....

    "Warum also sollte mich deine Musik interessieren? Was ist deine Story?"

    Gute Frage.... und schwierig zu beantworten. Eigentlich ist es mir egal, ob jemand die Songs hören will.... es muss halt raus....für mich ist es 'ne Art Befriedigung eines kreativen Drangs. Songs und Tracks rauszuhauen. Dieser gesamte Prozess dient mir dazu, ein inneres Gleichgewicht zu finden, dass in den Phasen zwischen zwei Songs oftmals flöten gegangen ist.
    Ist auch so'n bissken wie Sex. Es ist ein berauschendes Gefühl in diesem (kreativen) Flow zu sein. Dabei gehen Zeit und Raum quasi verloren. Schwierig zu beschreiben dieser Zustand zwischen "Schwerelosigkeit" und "Trance".
    Natürlich ist es toll, wenn es der Eine oder Andere hört, hören will, aber letztendlich ist es für mich nur Nebensache, ob und wie viele Leute ich damit erreiche.
    Spannender ist es, wie der Song und der Mix entstehen... vom auslösenden Moment bis zum Feinschliff.... vielleicht 'ne Außenseiterposition.... denke, für die Meisten ist die Außenwirkung und ein gewisser Grad der Selbstdarstellung da wichtiger... ist ja auch legitim.
    Aber die o.g. Frage, die durchaus sinnhaft ist, hat sich mir so nie gestellt.

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