Audiobearbeitung: Grundlagen zum Musik produzieren

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Die ersten Aufnahmen mit deinem Audio Interface sind geschafft, nun kann es an die eigentliche Audiobearbeitung oder das Musik zusammenschneiden gehen (das Musik produzieren, wenn Du so willst). Mit den hier erläuterten Schritten kannst Du mehr aus deinen Aufnahmen herausholen. Es geht darum, sie so zu veredeln, dass sie für sich oder das Abmischen und Polieren mit Effekten wie angegossen sitzen.

Ein Audio Editor bzw. ein Musik-Bearbeitungs-Programm solltest Du im besten Falle bereits installiert haben, Du kannst diesem Workshop aber auch ohne folgen und dich später darum kümmern.

Viele DAWs bringen die wichtigsten Funktionen für die Audiobearbeitung von Haus aus mit

Destruktive vs. Non-destruktive Audiobearbeitung

In der Musikproduktion wird zwischen destruktiver und non-destruktiver Audiobearbeitung unterschieden. Erstere bezeichnet die unwiderrufliche Veränderung einer Audiodatei, die Änderungen werden in der Datei selbst festgeschrieben und können später nicht mehr rückgängig gemacht werden. Bei der non-destruktiven Variante bleibt ein Hintertürchen offen: Sei es durch das Erstellen von Sicherungskopien vor der Bearbeitung oder dadurch, dass die gewünschten Änderung in Echtzeit berechnet werden.

Als gutes Beispiel dient dabei der Fade-In bzw. der Fade-Out (siehe Abbildung unten). Dabei kannst Du beim destruktiven Verfahren die Ein-/Ausblendung der Lautstärke am Anfang/Ende direkt in die Audiodatei schreiben, während bei der non-destruktiven Variante lediglich eine beim Abspielen dynamisch berechnete Hüllkurve über den Audioclip gelegt wird.

Audiobearbeitung Fade-In & Fade-Out

Audiobearbeitung Fade-In & Fade-Out

Non-destruktive Effekte haben den gewaltigen Vorteil, dass sie jederzeit in Echtzeit verändert werden können – also auch noch nachträglich. Du kannst immer wieder vom Ausgangspunkt starten und bei Bedarf auch einen völlig anderen Effekt verwenden. Keine Information geht verloren, der Urzustand bleibt unangetastet. Etwaige Fehler sind leicht zu einem späteren Zeitpunkt leicht auszumerzen.

Die non-destruktive Arbeitsweise belässt die Aufnahmen in ihrem Ursprungszustand

Destruktive Effekte haben zwar den Vorteil, dass Rechenleistung eingespart wird, weil sie in der Datei festgeschrieben werden. In jedem Falle empfiehlt es sich, eine Sicherungskopie von deinen Aufnahmen zu erstellen, bevor Du sie irreversibel modifizierst; unter Umständen bietet dir dein Audio Editor eine automatisierte Sicherung im Vorfeld der destruktiven Bearbeitung an.

Eine destruktiv veränderte Datei kann von allen Geräten und Programmen in exakt demselben Zustand abgespielt werden, wie sie geschrieben wurde, ohne dass dort die ursprünglich verwendete Audiosoftware zur Klangerzeugung und/oder Audiobearbeitung ausgeführt werden muss.

Bei den im Folgenden vorgestellten Verfahren lohnt es sich stets, nach nicht-destruktiven Varianten Ausschau zu halten und diese für die Bearbeitung deiner Aufnahmen in Betracht zu ziehen.

 

Audiobearbeitung: Normalisieren

Wie Du auch in unserem Workshop über deine erste Aufnahme erfahren kannst, ist es wichtig, den Lautstärkepegel bei der Aufnahme unter der 0-Dezibel-Grenze zu halten, damit das Signal nicht übersteuert.

Für eine spätere Weiterbearbeitung in anderen Programmen, vor allem aber auch beim finalen Export bietet es sich an, das Signal in seiner schon digitalisierten Form nachträglich lauter zu machen: Man sagt auch „das Audio normalisieren“.

Audiobearbeitung: Normalisieren

Audiobearbeitung: Normalisieren

In der Datei (oder dem markierten Bereich) wird zunächst die höchste Pegelspitze (»Peak«) gesucht und der Abstand bis zu den 0 dB ermittelt. Beim Audio normalisieren wird dann das aufgenommene Signal im Pegel so weit angehoben, dass die höchste Pegelspitze bei beispielsweise -0,3 dB landet. Diesen Grenzwert kannst Du in deinem Audio-Aufnahme-Programm meistens selbst festlegen. Bei dieser Audiobearbeitung bleibt das Verhältnis zwischen den leiseren und den lauteren Teilen des modifizierten Schallereignisses intakt – das bedeutet, dass durch die Anhebung der Lautstärke des Nutzsignals auch das Rauschen lauter wird.

Als Peak wird die höchste Pegelspitze, also der lauteste Punkt in einer Aufnahme, bezeichnet

Wenn Du mehrere Aufnahmen gleichzeitig normalisieren möchtest, dann solltest Du das Ergebnis unbedingt kontrollieren. Da die Aufnahmen unterschiedlich laute Peaks haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass nach diesem Arbeitsschritt drastische Lautstärkeunterschiede zwischen den einzelnen Parts zu hören sind. Das Intro könnte krachend laut ausfallen, während andere Parts etwas kleinlaut daherkommen.

Manche Audio-Schnittprogramme kommen deswegen mit einer hierfür ausgelegten Funktion (Meta Normalize), die alle Audiodateien um denselben Wert im Pegel anhebt und damit die Lautstärkenverhältnisse zwischen den einzelnen Aufnahmen beibehält. Für die Berechnung wird die höchste Pegelspitze aller Dateien hergenommen.

Audio schneiden

Beim Schneiden eines Audioclips (gleich ob MP3 oder WAV) ist es empfehlenswert, den Schnittpunkt an einem sogenannten Nulldurchgang anzusetzen. Als Nulldurchgang werden die Stellen in der Wellenform eines Audiosignals bezeichnet, an denen die Welle die Nulllinie kreuzt (vergleiche Bild), die Lautstärke des Signals also gleich Null ist. Um Nulldurchgänge zu entdecken, musst Du sehr weit hineinzoomen:

Musik zusammenschneiden in der Audiobearbeitung

Musik zusammenschneiden in der Audiobearbeitung

Schneidest Du an einer anderen Stelle der Welle, so können Knackser in der Wiedergabe entstehen, wenn die Lautstärke von einem Sample auf das nächste ein Lautstärkeunterschied passiert. Achtest Du beim Audio schneiden auf die Nulldurchgänge, so können alle Audioclips problemlos aneinandergereiht oder geloopt (in einer Schleife abspielen) werden.

Wer ohne Knackser schneiden möchte, sollte immer Nulldurchgänge zum Schneiden verwenden

Relevante Suchbegriffe für das PDF-Handbuch, die Online-Dokumentation oder das Register in der gedruckten Bedienungsanleitung deiner Software wären hier etwa »zero crossing points« oder »Nulldurchgänge«. In vielen Musik-Bearbeitungs-Programmen findet sich in den Einstellungen die Funktion „Durch Nulldurchgänge schneiden“, die den Workflow beim Bearbeiten vieler Audiodateien erheblich beschleunigt.

 

Fade In & Fade Out

Bei vielen Aufnahmen liegt die Welle ganz zu Beginn und ganz am Ende des Audioclips nicht auf dem Nullpunkt. Das führt zu einem leisen Knackser an den beiden Übergängen vom Audioclip zu Stille bzw. zu anderen Clips, wie oben im Kapitel zum Schneiden an Nulldurchgängen beschrieben. Um das zu vermeiden, kannst Du eine Einblendung (»Fade In«) und eine Ausblendung (»Fade Out«) der Lautstärke erstellen.

Am einfachsten ist es, eine Hüllkurve über den Audioclip zu legen, die den Lautstärkeverlauf markiert. Das sieht dann zum Beispiel so aus:

Audiobearbeitung: Fade-In

Fade-In – Einblenden der Musik

Das Audiosignal wird nun von nicht hörbar auf die originale Lautstärke eingeblendet, der Effekt wird in Echtzeit berechnet.

Wenn Du eine Aufnahme für deinen Sampler oder eine Groove Box vorbereiten möchtest, empfiehlt sich das Entfernen der Knackser in destruktiver Arbeitsweise. In diesem Fall markierst Du zunächst den Bereich, über den sich die Ein- bzw. Ausblendung erstrecken soll. Achte darauf, dass der Bereich, den Du für die Einblendung wählst, wirklich nur eine sehr kurze Zeitspanne umfasst. Dafür kannst so weit hineinzoomen, bis Du die einzelnen Sample-Punkte auf der Wellenlinie siehst.

Audiobearbeitung: Fade-In destruktiv

Fade-In destruktiv berechnen

In den meisten Musikprogrammen gibt es eine Funktion, dank der der Audioclip einer Aufnahme automatisch mit einer eigenen, non-destruktiv wirkenden Hüllkurve belegt wird. Standardmäßig werden dabei sehr schnelle Ein- und Ausblendzeiten eingestellt, so dass einerseits Knackser wirksam unterdrückt werden und andererseits praktisch keine sonstige klangliche Veränderung zu beklagen ist. Die Handbücher weisen dieses Feature als »automatic fade«, »Auto-Fade«, »automatische Ein-/Ausblendung« oder dergleichen aus.

 

DC Offset entfernen

Wenn die Achse der Wellenform nicht auf der Nullachse liegt, sondern nach oben oder unten versetzt ist, sprechen wir von einem DC Offset (Gleichspannungsabweichung). Unter Umständen musst Du die Funktion zum vertikalen Hineinzoomen in die Wellenform nutzen, um diese Verschiebung zu entdecken. Zur Verdeutlichung siehst Du hier ein Beispiel:

DC Offset in einer Aufnahme

DC Offset in einer Aufnahme

Eine Aufnahme mit DC Offset hat weniger Headroom, sprich: es stehen weniger Reserven zur (verzerrungsfreien) Erhöhung der Lautstärke zur Verfügung – zum Beispiel für nachgelagerte Effekte.

DC-Versatz kommt bei analogen Aufnahmen häufiger vor als in der digitalen Domäne

In der Regel beeinflussen klangliche Effekte die Bereiche unterhalb und oberhalb der Nulllinie in gleichem Maße. Bei einem DC Offset wirken sich Effekte jedoch überproportional auf jeweils einer der beiden Seiten aus.

Zwar muss das nicht zwangsläufig in einer verminderten Klangqualität resultieren, doch zumindest kann ein Effekt dann nicht in vorhersehbarer, bei Audiosignalen ohne DC Offset reproduzierbarer Weise eingesetzt werden. Und drittens kann es zu eben jenen lästigen Knacksern kommen, die schon weiter oben beschrieben wurden.

DC Offset entfernen aus der Aufnahme

DC Offset entfernen aus der Aufnahme

Praktisch jede Audio-Software kommt mit einer eigenen Funktion, um den DC Offset entfernen zu können. In einigen Fällen ist diese Funktion als zuschaltbare Option bei der Normalisierung zu finden. In einigen Programmen wird der DC Offset einer Aufnahme sogar gleich automatisch entfernt.

Sollte dein Musikprogramm hier keine Lösung anbieten, kannst Du einen Hochpassfilter verwenden und alles unter 1 Hz wegfiltern. Wenn das nicht funktioniert, arbeite dich stufenweise bis 20 Hz hoch, spätestens dann sollte der DC Offset verschwunden sein. Bei solch tieffrequenten Werten gehen keine musikalisch wichtigen Anteile verloren. Im Gegenteil, generell profitiert der Mix davon, dass Signale im Bassfundament bereinigt werden.

Takes & Comping in der Audiobearbeitung

Im Kontext der Audiobearbeitung bezeichnet »Comping« ein Verfahren, bei dem aus mehreren Takes einer Aufnahme die besten Teile herausgepickt und zu einem Clip zusammengefasst werden. Dieser ist dann sozusagen der „perfekte Take“. In einigen kommerziellen Produktionen wurde das sogar auf die Spitze getrieben und bis auf die Silbenebene heruntergebrochen – im Extremfall das »Uh« von Take 13 an das »Yeah« von Take 7, gegebenenfalls noch mit Tonhöhenkorrekturen einzelner Schnipsel.

Takes & Comping in der Audiobearbeitung

Takes & Comping in der Audiobearbeitung

Solange das Comping handwerklich sauber gemacht ist, wird es nicht weiter auffallen und die Frage nach dem „Schummeln“ stellt sich nicht, denn sei versichert: Auch die feingeschliffenen Vocals in den Songs großer und talentierter Popstars sind nicht immer One-Takes.

Der große Vorteil von Comping ist, dass etliche Takes einfach im Modus Loop-Recording aufgezeichnet werden

Moderne Audio-Programme bieten für das Comping sehr komfortable Funktionen. So kann in einigen DAWs im Modus Loop-Recording für jeden neuen Durchgang automatisch eine eigene Spur kreiert werden. Ähnlich komfortabel ist die Funktion, bei der die einzelnen Takes übersichtlich untereinander aufgereiht werden (vergleiche Bild). Bei einigen Musik-Bearbeitungs-Programmen ist es mittlerweile sogar so, dass nicht mehr geschnitten und geklebt werden muss, sondern das Endprodukt des Compings allein aus den Markierungen der bevorzugten Stellen in den einzelnen Takes zusammengesetzt wird.

Schließlich bleibt noch ein ungeheurer Vorteil zu erwähnen: Du kannst etliche, am besten gleich mehrere Dutzend Takes in einem Rutsch aufnehmen und dich später jederzeit aus einem großen Fundus bedienen, ohne dass Du in die Verlegenheit kommst, das Equipment zum Recording erneut aufbauen zu müssen. Ganz zu schweigen davon, dass Du als Produzent beileibe nicht immer die Gelegenheit haben wirst, Vokalisten und Instrumentalisten für neue Aufnahmen antanzen zu lassen


Felix Baarß Von