Gitarre abmischen: Dein Rezept für fetten Gitarrensound

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Gitarre abmischen: Dein Rezept für fetten Gitarrensound

Fetter Sound gefällig? Dann die Gitarre abmischen wie folgt ... | Bild: Herwig Ster [Ausschnitt, CC BY-NC-SA 2.0]

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Tipps für fetten Sound – Gitarre abmischen

Wie ich schon oft geschrieben habe, beginnt die Formung des Klangs lange vor dem Abmischen. Den Mixdown selbst kannst Du dir eher wie ein Reinigen und Polieren der bestehenden Aufnahme vorstellen. Ohne eine gute Aufnahme wirst Du nicht in der Lage sein, einen guten Gitarrensound zu formen.

» Mehr dazu im Artikel »Fix it in the Mix«

Double Tracking als Grundlage

Die Technik, die ich in diesem Artikel beschreibe, basiert auf dem sogenannten »Double Tracking«, dem Doppeln der Gitarrenspur. Hierzu wird derselbe Part auf der Gitarre zweimal oder öfter aufgenommen und die resultierenden Aufnahmen im Mix übereinander gelegt.

Je mehr Spuren Du verwendest, desto fetter das Ergebnis. Aber Vorsicht, denn Du kannst dir mit dieser Methode auch die »Definiertheit« der Aufnahme zerstören und der Sound wird mehr und mehr zu einem einzigen Brei.

Du kannst ein sehr gutes Beispiel dieser Double Tracking Methode im Song »Drain You« von Nirvana hören. Wie Butch Vig in einem Interview mal erklärte, besteht der Gitarrensound aus ganzen fünf (!) Aufnahmen und ist eine Mischung derselben.

Voraussetzungen für einen fetten Gitarrensound

Natürlich kann ich im Rahmen dieses Artikels nicht auf alle Feinheiten in Sachen Gitarre aufnehmen eingehen. Aber zumindest die wichtigsten Punkte sollen kurz genannt werden. Im letzten Absatz gehe ich auch nochmals gesondert darauf ein, warum die Gitarrenaufnahme an sich so wichtig ist.

Du brauchst …

  • eine gut klingende Gitarrre ohne Störgeräusche.
  • einen gut klingenden Gitarrenverstärker oder ein Gerät mit realistischer Amp-Simulation (Königsklasse: Kemper Profiling Amp oder Axe-FX II)

Du solltest …

  • erst aufnehmen, wenn der Gitarrensound so ist, wie Du ihn dir vorstellst – im Mix ist viel möglich, aber das Timbre der Aufnahme bleibt
  • die Gitarren peinlich genau stimmen und so tight wie möglich spielen

Wenn Du also deine Aufnahmen im Kasten hast, geht es ans Gitarre abmischen. Wir gehen Schritt für Schritt vor, also nur keine Berührungsängste!


Gitarre abmischen für fetten Sound

Gitarre abmischen: Dein Rezept für fetten Gitarrensound

Gitarre abmischen: Dein Rezept für fetten Gitarrensound – legen wir los …

1. Panning

Ein moderner Gitarrenklang klingt nicht nur sehr fett, sondern wird auch extrem breit im Mix angelegt. Es ist keine Seltenheit, einen Gitarrenpart ganz nach links und den anderen ganz nach rechts im Stereopanorama zu verteilen. Zum Beispiel so:

  • Gitarrenspur 1 kommt nach ganz links, Gitarrenspur 2 nach ganz rechts
  • Gitarrenspur 3 kommt nach 85% links, Gitarrenspur 4 nach 85% rechts

2. Verzögerung

Klingt das noch nicht fett genug? Gut, dann verzögere jeweils einen der rechten und einen der linken Tracks um wenige Millisekunden. Also: Verschiebe den jeweiligen Audioclip im Spuren-Arrangement leicht nach rechts.

3. Filter

  • Beschneide die Frequenzen oberhalb von 10 kHz mit einem High-Cut Filter. Vor allem, wenn Du die Verzerrung mit einem Plugin oder digitalen Effektgerät machst.
  • Mit einem Low-Cut Filter schaffst Du im unteren Frequenzspektrum Platz für den Bass und die Kick Drum. Fang bei 100 Hz an und arbeite dich langsam hoch, bis die Gitarren »dünn« klingen … und dann wieder herunter, bis es gut klingt.

4. Equalizer

  • Wenn die Gitarren zu »boxy« oder »klein« klingen, kannst Du mit einem Peak-Filter um die 400 Hz etwas absenken.
  • Einen etwas saubereren Gitarrenklang kannst Du oftmals erreichen, wenn Du eine kleine Absenkung bei etwa 800 Hz oder 1 kHz machst.
  • Wenn sich rechte und linke Gitarrenspur zu nahe im Klang sind, kannst Du mit einem Notch-Filter jeweils eine unterschiedliche Frequenz absenken.
  • Um dem Vocal genug Raum zur Entfaltung zu lassen, kannst Du die Gitarren bei etwa 3 kHz um einige dB bei einer Filtergüte (»Q«) 1 bis 1,5 absenken.
Gitarre abmischen: Dein Rezept für fetten Gitarrensound

_Ungefähr_ so könnte dein EQ dann aussehen …

5. Kompressor & Hall

Ein verzerrter Gitarrenklang hat bereits eine recht niedrige Dynamik und ist dadurch sehr druckvoll – hier brauchst Du in der Regel keinen Kompressor verwenden.

Hall auf der Gitarre ist in modernen Produktionen eher ungewöhnlich, meistens reicht der Raum aus der Aufnahme völlig aus.

Im Normalfall – für kräftigen, fetten Gitarrensound – willst Du die Gitarren aber sehr präsent haben wollen und der Hall rückt sie eher in den Hintergrund. Wenn Du mehr Tiefe für deine Gitarren benötigst, kannst Du mit kurzen Delays arbeiten. Diese sollten dann an eine andere Stelle im Stereopanorama gepannt werden als die Gitarre, von denen sie stammen. Auch hier gilt wieder: Weniger ist mehr.


Fazit zum Gitarre abmischen

Wichtiger als die obenstehenden Tipps zum Abmischen von Gitarren detailgenau zu beachten, ist das Nutzen der eigenen Ohren. Hinhören heißt beim Abmischen die Devise und wenn es gut klingt, dann ist es gut – auch wenn es irgendeine ungeschriebene Regel brechen sollte. Die hier beschriebenen Tricks sind eher als ein Anhaltspunkt zu verstehen.

80% des fetten Gitarrenklangs entstehen durch den Gitarristen, seine Gitarre, den genutzten Gitarrenverstärker und den Aufnahmeraum. Nur die restlichen 20% kommen von der Aufnahme mit dem richtigen Mikrofon und den richtigen Einstellungen beim Gitarre abmischen. Mit Double Tracking sollte es dir sehr schnell und sehr einfach möglich sein, den beliebten Wall-Of-Guitar-Sound moderner Produktionen hinzubekommen.

Solltest Du mal keine Möglichkeit haben, auf mehrere Performances der Gitarrenparts zurückzugreifen und trotzdem einen fetteren Gitarrenklang benötigen, dann kannst Du auch folgende Techniken probieren:

  • Parallele Kompression
  • Verwendung eines Maximizers oder eines Limiters auf den Gitarrenspuren (saugt aber die letzte Dynamik heraus)
  • Verwendung eines Kompressors
  • Duplikat einer Gitarrenspur mit 5 ms Verzögerung und -6 dB abspielen

Jetzt wünsche ich dir viel Spaß und Erfolg beim Ausprobieren der Tricks und bin gespannt auf dein Feedback!


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Lesermeinungen (14)

zu 'Gitarre abmischen: Dein Rezept für fetten Gitarrensound'

  • harryheck   12. Feb 2010   19:41 UhrAntworten

    wir saßen hier gerade ziemlich ratlos beim Gitarrenrecording bis dieser Artikel per email im Newsletter kam! ein dickes dankeschön!

  • PM   25. Feb 2010   01:26 UhrAntworten

    Ich habe eure Seite erst heute entdeckt und muss sagen: EINFACH NUR GEIL!
    Solche Tipps & Tricks hab ich schon lange gesucht und dass man dann auch noch alles übersichtlich auf dieser Page vorfindet ist wirklich perfekt!
    Also ein ganz großes Dankeschön!

  • much   04. Mrz 2010   07:53 UhrAntworten

    es gäbe da noch ne möglichkeit.. insbesonders für "gitarrenwände"
    reampen!

    Gitarre über dibox aufnehmen (ohne amp) danach über amps wiedergeben und aufnehmen ...

    Mein Tipp: echte Amps benutzen, die kommen besser nach "vorne" ich persönlich habe immer probleme mit diesem modeling kram.
    und ... weniger gain ist meistens mehr...

  • Tim   07. Mai 2010   13:27 UhrAntworten

    Man ihr seid spitze! Ich mache zur Zeit eine Ausbildung zum Musik/Sound Designer und da lernen wir auch das Mischen, aber leider bekommen wir das ganze nich so klasse erklärt wie hier. Habe die Tips eben mal angewendet, und zwar bei den Aufnahmen unseres Giaristens. Wir spielen Death Metal und da ist es sowieso nicht so einfach mit einem druckvollen Sound, aber die Tips haben sowas von geholfen, klingt richtig fett und professionell!

    Danke!

  • freddy   07. Aug 2011   22:11 UhrAntworten

    ja echt fettes ding danke

  • Lars   23. Sep 2011   21:21 UhrAntworten

    Ich hab mal gekesen, dass man 3 Spuren machen soll. Eine Links, Rechts, Center. Links Bässe und Höhen voll rein, Mitten raus. Rechts Mitten voll rein und Bässe und Höhen raus. Die Center Spur relativ gleixhverteilt mischen. Auf alle Spuren verschiedene Takes der Gitarre.

    Was haltet ihr davon? Ich find es bringt gute Ergebnisse. Ich experimentiere grade mal mit euren Tipps um zu sehen was grundsätzlich mehr Sinn macht. Das aufsplitten der Frequenzen im Stereoraum oder das beibehalten.

  • Flo   06. Apr 2013   13:39 UhrAntworten

    Geil, danke! Der Artikel bringt neue Ideen zum rumbasteln und ausprobieren und hoffentlich ein noch besseres Ergebnis! Danke!! :)

  • oboe   21. Jul 2016   18:47 UhrAntworten

    danke fürs "hochschieben": kam auf den Punkt, ich probiere gleich mal die EQ-Ausgangspunkte :-)

  • Buddha   22. Jul 2016   03:12 UhrAntworten

    Ich hasse ALLE diese Methode,dadurch geht gehen Charakter und Authentizität völlig verloren...NICHTS geht über EINMAL richtig geile Aufnahme...aber was wissen schon die Digitalisierte Musikern von heute...Fett ist geil....

    • JF   22. Jul 2016   15:06 UhrAntworten

      Ja, früher war alles besser, nicht wahr?

      • C-Dur P-O   22. Jul 2016   17:02 Uhr

        Früher war IMMER alles besser- auch die Zukunft !

      • oboe   22. Jul 2016   20:52 Uhr

        Fett ist geil. Und fett wirds durchs doppeln :-)

  • Tieftöner   22. Jul 2016   22:27 UhrAntworten

    Auf dem Bild: "so könnte die EQ Einstellung aussehen" ist der erwähnte Low cut berücksichtigt? Wohl nicht, oder?

    • Felix Baarß (delamar)   24. Jul 2016   16:03 UhrAntworten

      Hallo Tieftöner,

      der ist auf dem Bild in der Tat nicht berücksichtigt. Ich hatte es nur für Punkt 4 angefertigt und den wichtigen Low-Cut, der im Vorfeld zur Sprache kam, außer Acht gelassen. Zudem haben viele gute EQs (so auch der abgebildete TDR VOS SlickEQ GE) ohnehin einen separaten Low-Cut-Filter an Bord, um alles in einem Rutsch zu erledigen ... ich schaue mal, ob ich Zeit für eine Aktualisierung finde.

      Danke für den Hinweis und viele Grüße,
      Felix

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