R128 – Die leise Revolution der Pegelmessung

EBU R128

Im Rahmen des kürzlich auf delamar erschienenen Artikels über True Peak Level habe ich bereits angedeutet, dass das Thema Metering aktuell noch wesentlich ergiebiger ist und sich fern von den Ohren der Tonschaffenden, die nur gelegentlich für das Fernsehen arbeiten, eine kleine Revolution abspielt. Jahrzehntelang gelehrte und praktizierte Standards, wie beispielsweise das Pegeln auf -9 dBFS (QPPM) für den Broadcastbereich verlieren ihre Gültigkeit und werden durch neue Standards ersetzt.

R128Die Revolution hat den Codenamen »R128«, wobei das R nicht für Revolution, sondern für Recommendation steht. Es handelt sich dabei um eine Empfehlung der European Broadcast Union (EBU), die den aus Hörersicht lästigen Pegelsprüngen innerhalb und zwischen Programmen, vor allem bei Werbung und Trailern, endlich ein Ende bereiten soll, indem ein Paradigmenwechsel beim Pegeln von der Peak- zur Lautheitsnormalisierung etabliert wird.

Aus der Sicht des Hörers kann es diesem schon recht absurd vorkommen, dass die Welt der Tonmeisterei mit all ihren Experten ein so banales Problem wie das Pegeln von Programminhalten bisweilen so sagenhaft unzufriedenstellend bewältigt hat. Dies hat schließlich zu massiven Beschwerdewellen bei Sendern geführt, die sich auch bis zum EU-Kommissariat für Verbraucherschutz herumgesprochen haben.

In Konsequenz hat dies die EBU dazu veranlasst, die in der Verbandsgeschichte bislang größte Expertengruppe namens PLOUD mit circa 250 Mitgliedern zu gründen, um dieses Problem endlich aus der Welt zu schaffen. Allerdings hat sich dabei gezeigt, dass die Lösung vermeintlich simpler Probleme durchaus komplexe Ausmaße annehmen kann und jeder, der sich schon einmal mit Metering beschäftigt hat, ahnt, dass Lautheitsmessung bei weitem kein triviales Thema ist.

 

Stichtag 01.01.2012

Die Tatsache, dass innerhalb der EBU vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender Europas organisiert sind, führte dazu, dass vor allem die darin organisierten Fernsehanstalten an einer raschen Umsetzung der Richtlinien 128 interessiert waren. Daher haben zuerst die ARD-Anstalten sowie das ORF zum 01.01.2012 auf lautheitsnormalisierte Pegelung umgestellt. Das Schweizer Fernsehen schloss sich erst Ende Februar an, die RTL-Gruppe folgte Anfang Mai. Die übrigen, vorwiegend in München ansässigen deutschsprachigen Privatsender wissen zurzeit jedoch noch nicht so genau, was sie von R128 halten sollen. Verbindliche Aussagen dazu sind von ihnen bisher ausgeblieben. Soweit so gut.

Meine R128-Workshops pflege ich stets mit den Worten »Willkommen im Abenteuerland R128« zu eröffnen. Denn eines ist wahr: Wer schon einmal Audio an einen Fernsehsender geliefert hat, sei es für eine Werbung oder eine TV-Serienmischung, ahnt, welches Potenzial an Sprengstoff in einem derartigen Umstellungsprozess vorhanden ist. Daran schließen sich eine Vielzahl ungemein wichtiger Fragen an, als da beispielsweise wären:

  • Sind alte Werbespots mit R128 kompatibel und wie wirken sie im Block?
  • Sind neue R128-Werbespots mit alten Spots kompatibel, wenn sie auf Sendern gespielt werden, die noch nicht umgestellt haben?
  • Wie komme ich durch die Abnahme in der Qualitätssicherung eines Fernsehsenders, wenn im Sender genauso wenig Erfahrung über den neuen Sendestandard vorhanden ist, wie auf der Produktionsseite?
  • Müssen zwei Mischungen gemacht werden, solange unklar ist, ob ein TV-Beitrag auf Lautheits- oder Peak-Normalisierung gesendet wird?

Meine pragmatische Herangehensweise ist diese: Das Fehlerpotenzial, hervorgerufen durch den Mangel an Erfahrung und auch Kenntnissen, lässt sich ganz einfach durch das Aneignen von Wissen kompensieren. Zum jetzigen Zeitpunkt kann sich dieses Wissen logischerweise hauptsächlich auf das tiefgreifende technische Verständnis des neuen Standards konzentrieren, da es bisher wenig praktische Erfahrung gibt. Deshalb gilt es zunächst, sich mit den eigentlichen Eckparametern des neuen Standards vertraut zu machen, die ich im Nachfolgenden näher erläutern möchte.

Lesermeinungen (7)

zu 'R128 – Die leise Revolution der Pegelmessung'

  • Lukas Laufenberg
    20. Mai 2012 | 13:24 Uhr Antworten

    Uhh, neues von Friedemann!!! Geht ab!

  • Maurice Kalinowski
    20. Mai 2012 | 13:46 Uhr Antworten

    Seine Artikel sind echt ganz große Kunst. Richtig dickes Lob.

    • Thomas “thommytulpe” Nimmesgern
      21. Mai 2012 | 01:37 Uhr Antworten

      Hallo!

      Ebenso ein Lob von mir – Friedemann hat sioch da echt Mühe gegeben, dieses Thema aus dem Abenteuerland nicht allzu abenteuerlich darzustellen. Danke!

  • Nils Schneider
    20. Mai 2012 | 21:26 Uhr Antworten

    So krankhaft kompliziert wird es also wenn arme Verbraucher wie ich gerne die Werbung in der selben Lautstärke haben wollen wie den Spielfilm. Herzlichen Glückwunsch zu dieser “Errungenschaft”

    • feelKlang / Steffen Brucker
      30. Mai 2012 | 15:01 Uhr Antworten

      So krankhaft kompliziert muss es wohl sein, sonst findet wieder ein TV Sender eine Lücke und macht die Spots lauter als alle anderen ;-)

  • Rainer “XRAY” Simon
    04. Dez 2012 | 16:31 Uhr Antworten

    Es ist geradezu grotesk, dass man sich als Produzent von Musikprogrammen, Filmbeiträgen und Werbejingles mit derart unausgereiften EBU-Maßnahmen und Vorschriften auseinandersetzen muss.

    Sollte es nicht Aufgabe der Sendeanstalten (die Betonung liegt hier auf Anstalt!) sein, mit technischem Equipment die Lautheit aller angelieferten Daten automatisch angeglichen dem Verbraucher bereitzustellen. Als man seinerzeit die Sendekompressoren einführte war das Ziel die Bandbreite zu reduzieren … leider hat man mit der Zeit daraus den “SOUND” der Sender verändert. Besonders die private Radiostationen nutzten sowohl Kompressoren als auch Equalizer um “weiter vorne” zu sein. Damit hat man sich nun selbst ins Knie geschossen … jetzt muss jeder Produzent überlegen für wen, er was, produziert, mastert und abgibt. Wenn ich heute ein Promo-Video nach R-128 auf YouTube uploade … hört es keiner – weil zu leise. Ich muss also 3-4 Versionen Mastern, was wiederum ein Kunde nicht versteht. Die ganzen Hobbyheimer, die mit ihren Smartphones und Videokameras mit Uploadfunktion ihre Beiträge hochballern … werden also das Rennen gewinnen und schlechter TON (Hauptsache laut!) hat doch wieder gewonnen … nee nee nee … das wird nix!

    • Frank Göttler
      11. Apr 2013 | 00:16 Uhr Antworten

      Was soll denn an der EBU R128 unausgereift sein? Es ist eine lange überfällige Regel, um den “Loudness War”, der in Form der Werbung auch auf das Fernsehen übergegriffen hat, wirkungsvoll zu beenden.

      Natürlich kann man seine Werbung auch weiterhin nur einmal mastern, sprich zu Tode komprimieren, man muß nur danach die Lautheit nach R128 anpassen, damit sie von den Sendern akzeptiert wird. Es hört sich nur eben bescheiden an, weil der Ton dann leise ist und ohne Dynamik. Die Wucht, die komprimierter Ton normalerweise hat, wenn normal ausgepegelt wird ist dann weg.

      Die Hobbyheimer machen heutzutage besseren Sound, weil höchsten von der Kamera aus eine AGC drüberläuft, ansonsten aber nichts am Ton geändert wird. Optimods können die sich nicht leisten ;-)

      Ich bin es satt, daß ich in der Unterhaltungsmusik seit 20 Jahren nur noch den totkomprimierten Gleichstrom hören muß. Mit R128 kann man sich nicht mehr über die “Lautheit” von den anderen absetzen, man muß wieder Dynamik einsetzen. Ich hoffe ja, daß es auch im Hörfunk eingeführt wird, hier treibt ja Optimod das größte Unwesen. Da kriegen die Sender schon die kaputten Stücke vom Label und verunstalten das Signal dann noch mehr!

      Ich für meinen Teil bin froh, daß ich bei Werbepausen nicht mehr panisch nach der Fernbedienung suchen muß, weil mir sonst das Trommelfell reißt.

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