Workflow beim Audio Mastering

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Audio Mastering Workshop - Workflow-Modelle

Audio Mastering Workshop - Workflow-Modelle

Audio Mastering Workflow – Fünf Modelle

Mit leichten Variationen kristallisieren sich vier unterschiedliche Hauptarbeitsweisen, bzw. Workflow-Modelle heraus, die u.a. auch von der gewählten Mastering-Workstation abhängen. Mit anderen Worten: Nicht jede DAW unterstützt auch jede Arbeitsweise. Dieser Artikel bietet Ihnen einerseits aus Kundensicht ein besseres Verständnis der jeweiligen Arbeitsweise des Masteringstudios Ihrer Wahl und andererseits aus Mastering-Engineer-Sicht eine Entscheidungsbasis, um Ihr persönliches Setup zu gestalten oder zu optimieren und die richtige DAW-Wahl zu treffen.

Audio Mastering Workshop - Workflow

In einer Gegenüberstellungstabelle werden die Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Herangehensweisen verglichen. Bevor wir ans Eingemachte gehen, möchte ich eine kleine Anekdote aus dem belgischen Galaxy Studio erzählen. Seit meine Kollegin Darcy Proper und Ronald Prent das Galaxy verlassen haben, um in das frisch renovierte Wisseloord-Studio zu wechseln, wird das Mastering-Studio neuerdings von wechselnden Star-Mastering-Engineeren aus aller Welt frequentiert. Ich unterhielt mich mit Robin Reumers, dem ehemaligen Assistenten von Bob Katz und heutigen technischen Manager des Galaxy über die unterschiedlichen Arbeitsweisen der Gast-Engineere. Auch zu erwähnen ist, dass das Galaxy Mastering-Studio mit Sicherheit eines der komplexesten und flexibelsten Studios der Welt ist. Die Regie ist u.a. mit vier unterschiedlichen DAWs ausgestattet, verfügt über vier unabhängige Clocks samt Clock-Distributions-Patchfeld, erstklassiges Outboard, eine reichliche Auswahl an High-End-Plugins und so weiter.

Friedemann Tischmeyer im Galaxy Studio

Friedemann Tischmeyer im Galaxy Studio

Warum erzähle ich das? Man sollte meinen, dass jeder x-beliebige Engineer der Welt hier hereinspazieren könnte, um sofort die Ärmel hochzukrempeln um loszumastern, so wie es mit jeder guten Mixing-Regie der Fall ist. Weit gefehlt. Im Gespräch mit Robin stellte sich heraus, dass ich nicht der einzige Mastering Engineer bin, dessen Bedürfnisbefriedigung knapp zwei Tage Konfigurationsarbeit erforderten. Trotz der großen Flexibilität des Galaxy-Studios unterscheiden sich die Arbeitsweisen aller gastierenden Mastering-Ingenieure so sehr, dass erhebliche Umkonfigurationen und Umbauten erforderlich sind, um dem jeweiligen Engineer einen vertrauten Arbeitsplatz zu bieten. So sehr sind Engineer-Persönlichkeit und Arbeitsumfeld synergetisch miteinander verwoben, dass die Engineer-Persönlichkeit heute viel mehr Bedeutung hat, als reine Technik.

Dieses Ereignis habe ich zum Anlass genommen, das Thema »Workflow-Modelle« einmal systematisch aufzuarbeiten. Dies erfolgt erstmalig in diesem Artikel und noch ausführlicher bei der Mastering Academy Ausbildung in Köln und im Galaxy Studio in Belgien. Los geht´s.

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Audio Mastering Workshop - Workflow-Modelle - Gegenüberstellung

Auf den nächsten Seiten finden Sie detailliertere Beschreibungen und Hintergründe der fünf Workflow-Modelle. Klicken Sie auf die ↓ Seitenzahlen, um zum nächsten Abschnitt zu gelangen.

Workflow Modell A

Das Workflow-Modell A ist auch bekannt als »Mastering In The Box«. Dieses Modell erfordert wenig Erklärung, da der digital angelieferte Mix die digitale Ebene nie mehr verlässt (außer natürlich zum Abhören). Alleine bei dieser recht simplen Herangehensweise gibt es bereits zahlreiche Variationsmöglichkeiten, die weit über die reine Auswahl an Plugins hinausgeht. Die Wahl der DAW bestimmt einerseits die Möglichkeiten und andererseits kann der Engineer im Rahmen der von der DAW vorgegebenen Möglichkeiten die Arbeitsweise variieren. Wer meine DVD-Serie »Audio Mastering« kennt oder die Kolumne über Audio Mastering mit PC-Workstations auf delamar mitverfolgt hat, kennt meine präferierte Arbeitsweise:

Audio Mastering Workshop - Workflow-Modell A

Zuerst mache ich eine Kopie (Backup) der Original-Mixfiles, sodass ich später immer wieder darauf zurückgreifen kann. Dann hole ich alle Songs aus dem als »Bearbeitung Runde 1« bezeichneten Ordner in die Audiomontage von WaveLab. In anderen Programmen wird die Audiomontage gerne EDL (Edit Decision List) genannt. Die eigentliche Bearbeitung nehme ich jedoch im Wave-Fenster vor und arbeite mit der Funktion »In der Datei Ersetzen«. Dies hat zahlreiche Vorteile, wie beispielsweise die Bearbeitung von Teilbereichen eines Titels. Jede Bearbeitung eines Songs im Wave-Fenster spiegelt sich in der Montage wider, sodass ich die unterschiedlichen Titel miteinander gut auf Lautheits- und Klangkonsistenz abgleichen kann.

Sobald ich die Bearbeitung der Wave-Datei speichere, ist die Bearbeitung destruktiv, also nicht rückgängig zu machen. Die »Destruktivität« kompensiere ich, indem ich alle Schritte dokumentiere, bzw. mir von jedem Song die Plugin-Preset-Kombinationen des Master-Bereichs abspeichere. Kommt es dazu, dass ich mit einer einzelnen Bearbeitung unzufrieden bin, kann ich mir von dem unveränderten Original (Backup) eine erneute Kopie machen, um eine weitere Version zu mastern.

Ein klarer Nachteil im Vergleich zu den Workflow-Modellen C und D ist, dass der Zugriff auf das unbearbeitete Original etwas umständlich ist, sobald ich mich wirklich für eine Bearbeitung entschieden habe und diese (destruktiv) gespeichert habe. Wer also immer eine Zugriffsmöglichkeit auf das unbearbeitete Original haben möchte, kann dies mit einem Workaround in WaveLab erreichen: Öffne in der Audio-Montage zwei Stereo-Spuren und lege das Original auf die stummgeschaltete Spur 1. So können Sie über den Solo-Schalter der Spur 1 zu jedem Zeitpunkt einen Vergleich zwischen Original und Bearbeitung (Spur 2) vornehmen. Wenn Sie mit der Montage fertig sind, können Sie die Spur 1 einfach löschen und die Montage unter einem anderen Namen abspeichern, sodass nur die Inhalte übrig bleiben, die auch dem endgültigen Master entsprechen.

Generelle Vorteile dieses Workflow-Modells A liegen in der guten Reproduzierbarkeit, schnellen Rechenzeiten, wenig Dokumentationsaufwand, wenig Investitionsbedarf, geringen Wartungskosten, etc. In Zeiten superlauter Master halte ich dieses Modell A für ein sehr gut geeignetes Modell, da analoges Outboard zumeist besser funktioniert, wenn das Master noch »atmet«. Analoge Schaltungen sind nicht dafür prädestiniert, unnatürlich rasche Transientenfolgen zu verarbeiten und bringen ihren Reiz erst richtig bei dynamischer Musik zur Geltung. Hben Sie viel dynamische Musik zu mastern oder sind Sie selbst ein Fan von geschmackvoll dosiert komprimierter Musik, wird Sie das Modell B interessieren.

Abschließend zu Modell A ist noch zu sagen, dass der Mastering Engineer bei allen Workflow-Modellen eine Möglichkeit zu schaffen hat, einen lautheitskompensierten A/B-Vergleich zwischen Original und Master-Bearbeitung machen zu können. Nur, wenn die Bearbeitung bei exakt der gleichen Lautheit mit dem Original verglichen wird, lässt sich die tatsächliche Qualität der Bearbeitung verifizieren. WaveLab verfügt ab Version 7 endlich über eine einigermaßen intuitiv eingebaute automatische Lautheitskompensation im Masterbereich. Alternativ lässt sich der Ausgangspegel des finalen Brickwall-Limiters manuell so weit reduzieren, dass der Pegel der Bearbeitung dem leiseren Originalpegel entspricht. Vor dem Rendering ist der Ausgangspegel jedoch bitte wieder auf den Zielwert (beispielsweise -0,3 dBFS) zu justieren. Die WaveLab-Architektur lässt lediglich die Auswahl eines einzigen Ausgangsbusses zu. Dies macht WaveLab für die Workflow-Modelle C & D unbrauchbar.

Workflow Modell B

Workflow-Modell B ist eine Erweiterung von Modell A. Idealerweise wird ein sehr hochwertiger DA/AD-Wandler verwendet, um ein oder mehrere externe analoge Geräte in den Signalpfad zu insertieren (einzufügen). Je nach Größenordnung des Gerätefuhrparks eignen sich unterschiedliche Verkabelungskonzepte.

Audio Mastering Workshop - Workflow-Modell B

 

Konzepte für die Einbindung analoger Hardware (gilt auch für Modelle C & D)

Bei kleinen Setups kann ein einzelnes Gerät oder eine Gerätekette fest mit dem Wandler verkabelt werden. Die nächst flexiblere Variante stellt eine analoge TT-Patchbay dar, mit der man die Auswahl und Reihenfolge der analogen Gerätekette bestimmen kann. Das Credo lautet, möglichst immer nur eine DA/AD-Wandlungen vorzunehmen. Es ist also ungeeignet, jedes analoge Gerät mit einem eigenen DA/AD-Wandler fest zu verkabeln, zumal WaveLab nur die Konfiguration eines einzigen externen Gerätes zulässt. Das ist zwar etwas schwach, man kann sich jedoch damit trösten, dass multiple Wandlungen sehr suboptimal wären. Wünscht man ebenfalls externes digitales Equipment zu insertieren, bleibt nur die Wahl einer hochwertigen Workstation wie beispielsweise Sadie, da dies mit WaveLab unmöglich ist (bei WaveLab kann man entweder analog oder digital, jedoch nicht beides einbinden, da nur ein Insertweg konfigurierbar ist).

Eine weitere Variante ist eine vom Rechner gesteuerte automatische Patchbay. Der Vorteil liegt in der Reproduzierbarkeit von Patch-Setups. Die Variante, für die ich mich persönlich entschieden habe, verpatcht das analoge Outboard via einer Patchbay fest mit einer Wandler-Batterie, sodass ich bei Bedarf auf der Patchbay abgreifen kann, um mehrere Geräte miteinander zu verketten. Dies hat den Vorteil, dass ich bei Mixing-Projekten analoge Geräte einfach als vordefiniertes Plugin insertieren kann und immer das gleiche Grundsetup anliegt. Im Mastering insertiere ich das Gerät der Wahl und patche manuell bei Bedarf zusätzliche Geräte hinzu, sodass ich nur einen Wandlungsprozess habe.

Eine für das Mastering spezialisierte letzte Möglichkeit ist die Verpatchung über eine spezielle Mastering-Kreuzschiene. Hier gibt es beispielsweise aus dem Hause Manley das Mastering Backbone oder die MMC von SPL, mit der sich per Schalter analoge Geräte hinzu- und wegschalten lassen sowie in gewissem Umfang die Reihenfolge ändern lässt. Das ist sehr praktisch und dann eine gute Wahl, wenn man sich hundertprozentig auf Mastering spezialisiert und die analogen Geräte nicht gleichzeitig für die Veredelung von Mixingprojekten einsetzen möchte (für die man ja jeweils separate Wandler-Einbindung braucht). Bei Modell B wird die Lautheitskompensation für den A/B-Vergleich wie in A innerhalb der DAW vorgenommen. In der Praxis kommt immer eine Mischung aus internen Plugins und externem Analogequipment zum Einsatz, wobei interne Plugins häufig nach der analogen Signalbearbeitung eingesetzt werden.

Workflow Modell C

Modell C und D sind eigentlich die Klassiker unter den Herangehensweisen beim Mastering. Klarer Vorteil dieser Arbeitsweise ist die ständige Verfügbarkeit des unbearbeiteten Originals auf Spur 1. Um mit Modell C und D arbeiten zu können, muss die Mastering-DAW dazu in der Lage sein, einzelne Spuren auf unterschiedliche physische Ausgänge (mit identischen Wandlern) zu routen. Das trifft beispielsweise nicht auf WaveLab zu. Erfüllt Ihre Workstation diese Voraussetzung, so arrangieren Sie auf Spur 1 das Quellmaterial, um es auf den DAW1-Ausgang, der an der Abhörkreuzschiene anliegt, auszuspielen. Wählen Sie auf Ihrem Monitor-Controller also »DAW1«, hören Sie immer das unbearbeitete Original. Das Signal wird an geeigneter Stelle abgegriffen und in die analoge Signalkette gespeist. Dabei können alle in Modell B beschrieben Verkabelungsvarianten eingesetzt werden. Die analoge Strecke wird wieder digitalisiert und liegt am Eingang von Spur 2 an. Der Ausgang von Spur 2 liegt am Monitor Controller als »DAW2« an und kann entweder hier lautheitskompensiert werden, um bei gleichem Pegel mit »DAW1« vergleichbar zu sein oder wird am Ende der DAW-internen Signalkette auf Spur 2 z.B. mittels Ausgangspegels des Limiters kompensiert.

Audio Mastering Workshop - Workflow-Modell C

Bei Modell C kommen interne Plugins immer erst nach der externen Signalkette zum Einsatz, wobei es sicherlich Engineere gibt, die bereits Plugins in Spur 1 insertieren (also vor die externe Kette). Das erschwert jedoch das Vergleichshören zwischen Original und Master, weil man auf »DAW1« ja bereits die Plugins hört, die auf Spur 1 insertiert sind. Daher rate ich hiervon ab. Im Vergleich zu Modell B finde ich Modell C durch die ständige Verfügbarkeit des Originalmixes vorteilhafter, vor allem, wenn regelmäßig mit externer Hardware gearbeitet wird. Arbeiten Sie jedoch hauptsächlich mit internen Plugins, so ist das Modell A vorteilhafter.

Workflow Modell D

Modell D ist eine Erweiterung von Modell C, die vor allem dann sinnvoll ist, wenn Sie Mischungen direkt auf Tape angeliefert bekommen. Das ist heute nur noch in recht erlauchten Kreisen üblich, hat jedoch absolut seine Berechtigung und seinen Reiz, vor allem, wenn analog gemischt wird. Der Purist wird darauf verzichten, das Tape-Signal direkt wieder zu digitalisieren, um sich die Spulerei zu ersparen. Die Spulzeiten sind der Tribut, um ohne zusätzliche Wandlung eine analoge Gerätekette zu durchlaufen, um dann erst wieder digitalisiert auf Spur 2 der DAW anzuliegen. Die Nachteile dieser Arbeitsweise liegen im Einmessungsaufwand, Reproduzierbarkeitstoleranzen, Bandmaterialkosten, Bandmaschinenpflege, Spulzeiten etc. Der Vorteil liegt in einer angenehmen und warmen Bandsättigung mit der klassischen Frequenzumgewichtung zugunsten fetter Bässe.

Audio Mastering Workshop - Workflow-Modell D

 

Workflow Modell E

Dieses Workflow-Modell wird immer in einer Kombination mit Modell A, B, C oder D eingesetzt und ist zumeist aus der Verlegenheit entstanden, dass die Mehrspur-DAW bekannt und vertraut ist. Diese Arbeitsweise hat zwei Top-Vorteile: Die DAW verfügt über dynamische Automatisation, was bei Weitem nicht auf alle Mastering-DAWs zutrifft. Dies erspart gelegentlich erforderliche Einzelpart-Masterings. Ein weiterer Vorteil liegt in der Routing-Möglichkeit, mit der man sich eine individuelle M/S-Matrix bauen kann, wenn einem die Möglichkeiten mit herkömmlichen M/S-Tools nicht ausreichen. Insgesamt ist diese Herangehensweise etwas umständlicher und arbeitsaufwändiger. Ebenfalls verfügen viele Mehrspur-DAWs nicht über typische Mastering-Tools aus dem Bereich der Restauration sowie geeignete Messtechnik.

 

Fazit

Ich hoffe, Ihnen einen grundlegenden Einblick in die zahlreichen Variationsmöglichkeiten zu geben, wie Sie sinnvoll einen Arbeitsablauf in einem Masteringstudio konzeptionieren können. Bei der Ausbildung der Mastering Academy werden wir tiefer auf die Vor- und Nachteile sowie Variationsmodelle eingehen. Mehr hierzu auf www.Mastering-Academy.de

 

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Lesermeinungen (1)

zu 'Workflow beim Audio Mastering'

  • feelKlang / Steffen Brucker   02. Jun 2012   14:20 UhrAntworten

    Der Workflow und der Raum/Studio ist in der Tat eines der wichtigsten Bestandteile um gute Ergebnisse abliefern zu können.

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