Audio Mastering am Computer: Die optimale Dynamik eines Masters

Audio Mastering am Computer: Der Drahtseilakt zur optimalen Dynamik eines Masters

Oder: „Der Lautheitswettbewerb und das Gravitationsfeld zwischen Vernunft, Kommerz, Geschmack und Unwissenheit“.

Unverändert leidet die gesamte Branche an einem fehlenden Standard für die Lautheit von Audio-Veröffentlichungen. Was die Filmindustrie vor 40 Jahren erfolgreich eingeführt hat ist der uneinigen Audiobranche trotz zusammenbrechender Absatzzahlen bis heute nicht gelungen. An Stelle eines vernünftigen Standards haben die Major-Plattenfirmen – in der Hoffnung auf schnellen Absatz – den Lautheitswettbewerb so weit vorangetrieben, dass heute beste Produktionsmethoden den historisch schlechtesten Endergebnissen gegenüberstehen.

In diesem Kontext werden gewissenhafte Mastering-Ingenieure täglich in die Verlegenheit gebracht, vom Kunden lautere Master abgefordert zu bekommen, als eigentlich tontechnisch und klangästhetisch vertretbar. Tatsächlich werden regelmäßig bereits so laute Mischungen an Mastering-Studios geliefert, dass sie besser mit Expansion und Transient Modulation wieder dynamischer gemastert werden sollten. Die vermeintliche Attraktivität lauter Master ist so groß, weil auf den ersten Blick lauteres Material im direkten A/B-Vergleich zu leiserem Material scheinbar immer besser klingt. Dies liegt unter anderem an psychoakustischen Gesetzmäßigkeiten. Die Hoffnung mit lauteren Mastern mehr Aufmerksamkeit und Attraktivität in einem schrumpfenden Markt zu erzeugen, hat zu einer Entwicklung geführt, die schon vor vielen Jahren ihren Zenit zu Ungunsten zumeist geschmacklos überkomprimierter Master überschritten hat.

Hört man unterschiedlich dicht gemastertes Material bei gleicher Abhörlautstärke an, so kann das leisere, dynamischere Material häufig ganz erheblich besser klingen. Laute Master entpuppen sich dann als drucklos und schlaff, weil die Transienten fehlen. Entscheidend hierbei ist jedoch nicht der Vergleich kurzer Ausschnitte sondern der Vergleich längerer Passagen, da die Klang-Verschlechterung mit steigender Lautheit (Dichte) nicht nur auf rein auraler Ebene sondern auch auf einer Empfindungsebene stattfindet. Im Club neigen laute Master zu Verzerrungen, die bei hohem Schalldruck sehr unangenehm wirken, während das leisere Master – etwas lauter abgespielt – einen klaren und druckvollen Sound transportiert.

Der gewissenhafte Mastering-Ingenieur bewegt sich also immer im sensiblen Gravitationsfeld zwischen den Kundenwünschen und Qualitätsbewusstsein, weil sein eventuell besseres (und etwas leiseres) Master unter oberflächlicher Betrachtung schlechter aussieht und der Kunde natürlich immer König ist. Diesem vermeintlich kommerziellen Wunsch nach lauten Mastern muss mit guten Argumenten und Klangbeispielen begegnet werden, da der Kundenwunsch nach Lautheit einzig auf Unwissenheit beruht.

Zur Bewertung des dynamischen Verdichtungsgrades greifen wir in diesem Artikel auf das Dynamic Range Messverfahren zu. Dieses Verfahren stellt den mikrodynamischen Verdichtungsgrad der lauten Passagen eines Titels in einem ganzzahligen System von DR4 bis DR14 dar, wobei niedrige Werte geringe Dynamik und hohe Werte hohe Dynamik repräsentieren (weitere Informationen hierzu auf der Webseite von DynamicRange bzw. in unserem Podcast zum Thema Mastering & Lautheit).

Tipps für die Argumentation für mehr Dynamik in Musik beim Mastering:

Hier einige Argumente, mit denen Sie im Kundendialog für mehr Dynamik werben:

  1. Leisere (dynamischere) Master sind durch die natürlichen Transienten bei gleichem Schalldruck (SPL) druckvoller als überkomprimierte Master. Lassen Sie Ihre Kunden nur lautheitsangepasste A/B-Vergleiche machen.
  2. Laute Master klingen im Radio wesentlich schlechter als dynamische Master. Ein DR12 Master wird druckvoller und klarer klingen als das gleiche Master in einer lauten DR6 Version, da die Sendekompressoren das Material automatisch anpassen. Während das lautere Master durch das Processing noch weiter verzerrt und entstellt wird, bleibt das DR12 Master verhältnismäßig unangetastet und klingt daher sauberer und druckvoller.
  3. Laute Master klingen in Download-Shops zumeist schlechter als dynamische Master, da diese Shopsysteme zunehmend mit Loudness-Normalisierung arbeiten, damit die Vorhörbeispiele gleich laut sind.
  4. Lautere Master rufen beim Hörer Stress hervor! In Studien wurde nachgewiesen, dass es schwerer ist, sich beim Hören von Musik mit geringer Dynamik zu konzentrieren (im Vergleich zu dynamischer Musik bei gleichem Schalldruck). Auf unbewusster Ebene kompensiert der Hörer das entweder, indem er leiser dreht bzw. abschaltet oder lauter dreht, um den fehlenden Druck (durch fehlende Transienten) zu kompensieren.
  5. Zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass sich laute Master nicht oder gar negativ auf die Verkaufszahlen auswirken. Da lautere Master sich nicht besser verkaufen, können wir die Dynamik auch erhalten bzw. steigern und dadurch qualitativ hochwertigere Produkte liefern.
  6. Die in 4. genannte Kompensation durch lauteres Hören ist neben der für das menschliche Gehör unnatürlichen Dichte einer der hauptverantwortlichen Faktoren für die stark steigenden Hörschäden in der iPod-Generation. Laute Master erzeugen Hörschäden und die Pro-Audio-Leute der Branche sind dafür verantwortlich. Die Folgen sind so drastisch, das Prognosen deutscher Krankenkassen bis 2045 50% Schwerhörigkeit in der deutschen Bevölkerung vorausberechnen. An dieser Entwicklung ist alleine die Unwissenheit und verzweifelte Gier der Major-Plattenfirmen verantwortlich.

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Ein weiteres Argument schreit nach verbindlichen Richtlinien für die Lautheit von Audio-Tonträgern: Haben Sie einmal eine CD in einen DVD-Multiplayer gelegt, nachdem Sie einen Film gesehen haben? Dann werden Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach die Ohren geschmerzt haben, weil die CD bis zu 4 x so laut wiedergegeben wird.

Der Tatsache, dass im Home-Entertainment die Medien Ton und Bild zu einer multimedialen Zentraleinheit zusammenwachsen, über die alle Medien konsumiert werden, kann nur Rechnung getragen werden, indem sich die Musikindustrie auf Standards einigt, respektive die Plattenfirmen den Masteringstudios einen Standard vorschreiben. Die Pleasurize Music Foundation hat einen konkreten Vorschlag für einen Lautheitsstandard gemacht, der sich zunehmender Beliebtheit und Unterstützung erfreut.

Friedemann Tischmeyer

Vom Autor dieses Artikels sind die Bestseller „Audio-Mastering mit PC-Workstations“ und „Internal Mixing“ sowie die gleichnamigen Tutorial-DVD-Serien erschienen.
Infos: www.proworkshops.de

Lesermeinungen (4)

zu 'Audio Mastering am Computer: Die optimale Dynamik eines Masters'

  • dj Putin
    18. Nov 2010 | 16:12 Uhr Antworten

    geiler artikel, ohne frage!
    aber wie erkläre ich einem konsumenten, wieso lauter nicht gleich besser ist?
    ich mein es gibt genug leute, die dann noch dagegen sprechen, wenn man ihnen mit technischen fachbegriffen erklärt. deshalb würd ich mich äusserst freuen, wenn man, verzeiht, einem affen genau diese thematik beibringen will.

    mit besten grüßen

    putin

  • Peter C.
    30. Dez 2013 | 18:54 Uhr Antworten

    Ich wünschte, dieser Artikel würde als “Gebote” bei vielen Musikschaffenden und auch der Industrie an der Wand hängen, bevor überhaupt irgendetwas über den Äther gejagt wird.
    Enormer Qualitätsverlust- ja eigentlich viel eher Genussverlust- zu Gunsten der Lautheit ist ein Kernproblem.

  • Lars
    21. Apr 2014 | 08:43 Uhr Antworten

    Super Artikel! Wir haben das gleiche Problem intern in unserer Band. Ich mische gern
    Dynamisch, um auch mal unterschiedliche Snare Anschläge zu hören.. Wenn unsere
    Jungs dann im Auto sitzen und ihre Tot komprimierten Referenzen hören kommt
    Jedesmal der Satz: wieso ist unser Mix so leise? Dann muss man wieder alles
    erklären warum das so ist und auch gewollt… Es ist wirklich Schade, dass eigentlich der Trend
    Zum Lo-Fi geht! Mittlerweile hört doch jeder nur mp3, welche überproduziert sind.
    Ein Vergleich mit musikalischen Produktionen auf guten Anlagen fehlt den meisten.
    Das schlimmste, manche systeme komprimieren im Nachgang noch einmal.
    Was soll das? Auf die Vernunft :-)

  • Marcel
    23. Aug 2014 | 23:40 Uhr Antworten

    Ich hatte heute mal das Vergnügen beim NDR ein paar Stücke (leider mp3) zu vergleichen, über eine sehr gute Abhöre.
    Gerade hier ist mir aufgefallen wie schnell ich regelrecht genervt war von den durchschnittlich viel zu lauten Mischungen.
    Ich habe natürlich auch verschiedene Genre verglichen.

    Ehrlich es macht einfach viel mehr Spaß Musik zu hören die halt nicht einfach platt klingt.
    Ich hoffe und glaube aber auch das der Trend nach und nach zu dynamischeren mastering gehen wird.
    Ich habe dies auch schon bei Interpreten beobachten können die ich gerne höre.
    Also ein hoch auf die Dynamik.

    Aber noch ein kurz dazu:
    Sagt der Gitarrist zum Drummer “Spiel mal dynamischer”
    Sagt der Drummer “ich kann nicht lauter”

    In diesem Sinne

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