Markus »Onkel« Lingner (Ohrbooten, Alligatoah uvm.) – Akkordarbeiter

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Der Onkel für Alligatoah in Stuttgart | Foto: ConWeimar Film & Fotografie www.ConWeimar.de [Ausschnitt]

Markus »Onkel« Lingner in seinem Element bei einem Alligatoah-Konzert in Stuttgart ... und hier bei uns auf delamar im Interview für dich - viel Vergnügen! | Foto: ConWeimar Film & Fotografie [Ausschnitt]

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Das ist Onkel

Es gibt kaum ein Genre, das der Schlagzeuger Markus »Onkel« Lingner nicht draufhätte. Bei den Ohrbooten spielt er einen Mix aus Reggea-, Ragga-, Hip-Hop-, Alternative-, Gypsy- und Balkan-Rhythmen. Auf der »Akkordarbeit-Tour« von Alligatoah war Onkel die One-Man-Band an Mallets, Percussion, Looper und Background-Vocals.

Seit 2014 ist er auch als Live-Drummer für den Deutsch-Popstar Tim Bendzko unterwegs.

Mit Tschaika 21/16 kehrt er zurück zu seinen musikalischen Wurzeln, die im Rock und Metal liegen. Neben Onkel an den Drums haut Tim Mentzel von »Rotor« in die tiefergestimmten Gitarrensaiten. Das erste Album »Tante Crystal Uff Crack Am Reck« des Ost-Berliner Stoner-Mathe-Instrumental-Metal-Duos wurde im November 2016 bei dem Label Noisolution veröffentlicht. Ohne Bassist, ganz nach dem Motto ihrer vorangegangenen EP »Jeht ooch ohne«, dafür aber ab und zu mit Trompete.

Video: Tschaika 21/16 – Tante Crystal Uff Crack Am Reck
Onkel und Tim bei der Arbeit

So richtig frei hat Onkel eigentlich nie, da sorgt er schon selbst für. Neben seinen Trommel-Jobs und den Touren produziert der Multiinstrumentalist nämlich noch eigene und fremde Musik in seinem f.o.+ZEN Studio in Berlin. Für eine Auszeit von der Musik müssen die Fahrten auf dem Motorrad zwischen den Gigs reichen. Dennoch wirkt Onkel alles andere als gestresst.

Wir haben mit dem sympathischen Organisationstalent darüber gesprochen, wie er seine zahlreichen Projekte unter einen Hut bekommt, wo seiner Meinung nach die größten Herausforderungen im heutigen Musik-Business liegen, und warum man unbedingt immer brav »Danke« sagen sollte.

 

Interview mit dem Onkel

Ihr habt bei Tschaika 21/16 eine Vorliebe für krumme Taktarten, schließlich spielt die Zahl im Bandnamen auf einen 21/16-Takt an. Ergibt sich das einfach so aus dem Spielen heraus, oder sitzt ihr mit dem Taschenrechner am Schreibtisch?

Tim kommt in der Regel mit Riffs an, bei denen er ohnehin nicht viel nachdenkt. Er spielt sie einfach. Ich geh mit und manchmal ruf ich heimlich meinen Mathenachhilfelehrer an. Wenn der mir dann erklärt hat, was Tim da macht, fange ich an mit dem Rhythmus des Riffs zu experimentieren. So bin ich bei der nächsten Session genauso beweglich wie in einem 4/4-Popsong und dann geht’s ab in den musikalischen Nichtschwimmerbereich mit uns beiden.

Wie kann man sich den Songwriting-Prozess bei euch vorstellen?

Wir treffen uns zum gemeinsamen Ballern, schneiden alles mit und selektieren beim Kippe-rauchen unsere Favoriten. Tim hat einen sehr eigenen Stil beim Riffing und ich darf machen, was ich will. Eigentlich ist das Ziel jedes Songs die Vollauslastung unserer beiden Instrumente, des musikalischen Könnens und – aus Sicherheitsgründen – des Gehirns. Es muss uns gefallen. Keinem Sonst.

Wann wisst ihr, wenn ein Song fertig ist?

Dann, wenn wir nicht mehr weiterwissen (lacht).

Onkel für Tschaika 21/16 | Foto: www.20ZollMedia.com

Onkel für Tschaika 21/16 | Foto: 20ZollMedia

Du spielst ja in vielen verschiedenen Bands. Wie funktioniert das mit dem Proben?

Wenn’s darum geht eine Tour vorzubereiten werden meist zwei bis drei Tage geprobt.
Für’s Songwriting oder eine anstehende Studioproduktion werden’s halt auch mal ein paar Tage mehr bei mir im Studio um das Material zusammen auszuchecken. Ich halte eine gute Vorbereitung für absolut wichtig. Mein Ziel ist es, so gut in eine Situation reinzukommen, dass man theoretisch direkt auf der Bühne die Show spielen kann und nicht erst alles im Proberaum ewig mit der Band erarbeiten muss. Das sorgt auch für gute Laune. Im Proberaum, auf und hinter der Bühne.

Wie entscheidest Du was Priorität hat, wenn zwei Termine gleichzeitig sind?

Es ist von großer Wichtigkeit von vornherein mit allen Beteiligten zu klären, wie man mit solchen Situationen umgeht. Ich hab mir grundsätzlich zur Regel gemacht, den Gig, der als erster in meinem Kalender steht, zu spielen. Wenn sich dennoch zwei Termine kreuzen, übernimmt auch mal eine Vertretung. In meinem Freundeskreis sind sehr gute Trommler und feine Leute noch dazu, deswegen gibt es ein Netzwerk von großartigen Subs. Die Leute wissen, dass ich keine Idioten oder unfähige Aushilfen schicke, um mir meinen eigenen Hocker zu sichern. Außerdem wird meist mit langem Vorlauf geplant, das hilft beim Koordinieren. Ich treffe die Entscheidung auch nicht ausschließlich nach finanziellen Gesichtspunkten. Wenn mein Herz für die Musik einer Band schlägt, hau ich auch schon mal eine Tour in den Wind, auf der ich mit Sicherheit besser verdient hätte. Das ist vielleicht aus kaufmännischer Sicht bescheuert, aber ich habe nun mal nicht aus finanziellen Gründen angefangen Musik zu machen, sondern aus Bock.

Ein Tipp für unsere Leser: Wie wird man Profimusiker?

Was wohl auf der Hand liegen dürfte ist die Tatsache, sein eigenes Instrument zu beherrschen. Neugierig sein ist wichtig, ebenso die Bereitschaft immer dazuzulernen. Der Zweite genauso wichtige Skill ist, ein Gefühl für soziale Situationen zu besitzen oder zu entwickeln. Große Egos sind einfach verdammt anstrengend. Wenn man auf engstem Raum mit vielen Menschen über einen längeren Zeitraum unterwegs ist, braucht man keinen, der ständig mit seiner Extrawurst nervt. Danke sagen ist wichtig. Den Veranstaltern, Backlinern, Mischern, Lichttechnikern, usw. Kurzgesagt, die Fähigkeit sich als Teamplayer zu verstehen ist die zweite große Qualität. Leute werden dich viel eher in eine Produktion empfehlen, wenn sie mit dir Spaß hatten, als wenn Du genervt hast.

Was sind deiner Meinung nach heutzutage die größten Herausforderungen in der Musikbranche?

Facebook und YouTube kosten nix, sind für jeden frei verfügbar und müssen unbedingt gepflegt werden, lange bevor man sich über einen Plattenvertrag als Band Gedanken machen sollte. Natürlich kommen ständig neue Sachen dazu, alte brechen weg, alles ist in Bewegung. Das kann sehr viel Arbeit bedeuten, macht aber unter Umständen auch frei von den klassischen Promo-Tools wie Radio, Fernsehen und Print. Nur gute Musik machen reicht schon lange nicht mehr aus. Da muss schon viel Glück dabei sein, wenn das ein Selbstläufer wird.

Hat dich deine Familie in deinem Wunsch Profimusiker zu werden unterstützt? Oder haben sie eher gesagt »Lass das mal lieber und lern was Ordentliches, mein Junge«?

Meine Mutter und mein Patenonkel haben mich zu tausend Prozent unterstützt. Dafür bin ich bis heute dankbar und weiß, dass das nicht immer bei anderen auch der Fall ist. Irgendwie hat meine Mum auch immer daran geglaubt, dass ich das geschissen bekomme. Sie hat die anderen Leute einfach ignoriert, die manchmal mit’m Kopf darüber geschüttelt haben, dass der Junge nix außer Musikmachen im Kopf hat.

Mit welchem Equipment arbeitest Du im Studio? Warum gerade dieses Equipment?

Mein liebstes Drum-Set ist das Yamaha Hybrid Maple. Das Ding kann alles. Von Oldschool bis auf’s Maul ist alles möglich. Höchstens mal ein anderes Remo-Fell drauf, um den Sound deutlich in eine andere Richtung zu variieren. Dazu Becken und Percussion von Meinl, die eine unglaublich große Bandbreite an Sounds anbieten. Brauch ich auch tatsächlich bei all dem verschiedenen Zeug was ich stilistisch mache. Ein Bigband-Ride wie in der jüngsten Produktion ist halt ein anderes als das, was bei Tschaika 21/16 gebraucht wird.

Onkel live für Tschaika 21/16 | Foto: www.20ZollMedia.com

Onkel live für Tschaika 21/16 | Foto: 20ZollMedia

Bei Mallets hab ich mich auf die Instrumente von Thomann eingeschossen. Da ich nicht jeden Monat eine Filmmusik mit diesen Instrumenten einspiele, brauch ich kein 20.000 € -Schiff. Zum Produzieren benutze ich Cubase. Ich hab viel ausprobiert. Logic, Ableton usw., aber Cubase ermöglicht mir meinen persönlich besten Workflow und ist verdammt mächtig. Mikrofone sind größtenteils von Audix, da steh ich drauf. Interfaces von Focusrite. Draufhauen erledige ich mit Stöcken und Besen von Rohema. Das waren meine allerersten Sticks und die liegen immer noch sau gut in der Hand.

Wie organisierst Du dich und deine Projekte?

Ich habe angefangen mit mir selbst Zeiträume zu verabreden, sonst hat man niemals Feierabend oder frei. Für die verschiedenen Projekte setze ich mir persönliche Deadlines. Bei Alligatoah wusste ich beispielsweise ein Jahr vorher Bescheid, dass es auf Tour geht, da habe ich dann die verschiedenen Stationen des Arrangierens, Übens, Live-Testens vor Freunden, inkl. etwas Pufferzeit durchgeplant. Das nimmt die Hektik und innere Anspannung raus. Da gab‘s auch Zeiten, in denen ich mich total verschätzt hab und dann Wochen unter Total-Stress stand. Das versuch ich jetzt durch ein bisschen mehr Überlegung im Vorfeld zu vermeiden. Sorgt auch dafür, dass ich mich mehr auf das konzentrieren kann, was ich grade mache, ohne ständig mit den Gedanken hin und her zu springen. Chaos ist trotzdem noch mehr als genug, das ergibt sich nun mal in dem Job von ganz allein…

Hast Du schon mal einen Termin verschwitzt, am falschen Treffpunkt gewartet, das Drum-Setup für die falsche Band eingepackt?

Ich hab mal einen Tag zu früh auf den Nightliner gewartet. Und auf einer der letzteren Touren die Hihat-Becken vergessen. Das bekloppteste war mal auf einem Flughafen in Marokko zu stehen und festzustellen, dass ich den Rückflug um ein Jahr verspätet gebucht hatte. Dann halt noch ’ne Woche Urlaub dranhängen bis der umgebuchte Rückflug funktionierte… Das ist aber auch schon lange her. Ich versuch mir da keinen Spielraum für Fehler zu geben. Listen, für welche Band ich was brauche helfen da.

Du spielst Schlagzeug, Percussion, Mallets, Gitarre, Bass, Klavier/Keyboard, singst, produzierst und mischst deine und fremde Projekte, gibst Schlagzeugunterricht… haben wir was vergessen?

Jepp, ich bin auch Gastdozent an der staatlichen Filmuniversität Babelsberg für Drum-Recording. Und gebe Weiterbildungen für Musiklehrer, um ihren Unterricht hier und da ein wenig interessanter zu gestalten. Aber dann reicht’s auch.

Wie bist Du auf die Idee für »Rent-A-Onkel« gekommen?

Vor etlichen Jahren fing ich an mich mit dem Thema Recording auseinanderzusetzen.
Ich bin immer tiefer in die Misch- und Produktionsecke abgerutscht (lacht). Man braucht, um Schlagzeug gut aufzunehmen viele verschiedene, mitunter teure Dinge. Ich hatte eben in all das viel Zeit und Geld investiert, jede Menge Spaß dabei und dachte, dass es für andere Menschen auch cool ist das nicht alles selbst organisieren zu müssen, sondern aus einer Hand zu bekommen. Natürlich kann man viele Drums auch programmieren, aber ich glaube fest daran, dass es einen Unterschied macht, ob etwas live gespielt oder eben programmiert ist. Darüber hinaus fand ich die Idee spannend zu hören was es sonst noch alles für Musik gibt, die ich gar nicht kenne.

Für welche Projekte wirst Du beispielsweise gebucht?

Die Musik für das KIKAninchen war dabei, Rockmusik, Filmmusik für’s ZDF, Popsachen wie Chima z.B. hab ich ebenfalls aufgenommen. Das ein oder andere Demo oder für ein Geburtstagslied als Überraschungsgeschenk. Auch für ’ne Ami-Produktion waren Tracks dabei.

Was war die schrägste Anfrage, die Du in diesem Rahmen bekommen hast?

Es gab eine Zusammenarbeit nach Indien. Das war quasi ein Fusion-Album, aber mit ordentlich indischem Touch. Alles was dazugehört an Instrumentierung, krummen Taktarten und auch Bollywood-mäßigen Sounds. Wunschvorstellung vom Drum-Sound und Style wurde als ’ne Mischung aus Dave Weckl und Benny Greb vorgegeben. Bitte sehr! Und genau sowas macht mir so richtig Spaß. Je verrückter, desto geiler.

Gibt es eine Musikrichtung etc., die Du auf gar keinen Fall machen würdest? Egal wie gut die Bezahlung ist?

Schlechte Musik gibt’s nicht. Schlecht gemachte dagegen schon. Ich spiel nicht für die AfD oder irgendwas, das auch nur annähernd inhaltlich in diese Richtung geht. Höchstens dagegen.

Hast Du schon einmal ein Projekt abgelehnt?

Ja, hab ich. Es war die Anfrage für einen sehr bekannten Künstler. Dessen Musik hat mich aber einfach nicht begeistert. Luxusproblem würde ich mal sagen…

Welches deiner Konzerte ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Negativ-Gig: Eins meiner ersten gebuchten Konzerte als Trommler. Tiefster Winter, Spaßbad-Schwimmhalleneröffnung. Konzertdauer ca. 4 Stunden. Alle anderen Musiker ham gar keinen Bock und sind offensichtlich schon viel zu lang im Geschäft. Cover mit dem Besten von Damals und Vorgestern auch noch. Direkt am Ausgang der Riesenrutsche wo alle eine Arschbombe ins Becken versuchen. Oder Pommes fressen. Interesse am musikalischen Geschehen gleich Null. Ich hatte eine lange Lederhose an, weil mir keiner vorhergesagt hat, dass wir DRINNEN spielen. Zeitspanne Grünspanbildung auf den Becken: ca. 2 Minuten. Fazit: Naja, ich hab mir das als professioneller Musiker anders vorgestellt, aba dann isses halt wohl eher so. Oder auch: Kannste so weitermachen, aber dann isses halt scheiße. Positiv -Gig: Das Konzert der Akkordarbeit-Tour mit dem Herrn Gatoah in Berlin. Da war ich aufgeregt wie selten. Sehr viele, für mich wichtige Menschen waren anwesend und ein Konzert in dieser Besetzung mit solcher Instrumentierung spielt man wohl nicht so häufig im Leben. Eigentlich waren alle Konzerte dieser Tour genau deswegen sehr außergewöhnlich. Die Ohrbooten-Show in der Berliner Columbiahalle war auch der Wahnsinn. Ich wollte immer in diesem Laden spielen und es war ein toller Ritt.

Willst Du noch etwas loswerden?

Niemand braucht ein Gospelchops Drum-Fill bei einem Singer-Songwriter Liedchen. Und nur Üben reicht nicht, wenn man niemand zum Mitspielen hat. Also los, und Mitstreiter suchen. Ganz altes Ding. Und zu Guter Letzt: Fragen ist besser als warten, dass etwas von alleine passiert.

Einfach nur Onkel | Foto: www.20ZollMedia.com

Einfach nur Onkel | Foto: 20ZollMedia

Onkellinks

Seine Website: beiOnkel.de
Bandportrait beim NOISOLUTION: Tschaika 21/16

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