FAQ: Nahbesprechungseffekt

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FAQ: Nahbesprechungseffekt

Was ist der Nahbesprechungseffekt? Höre ihn dir gleich hier an und lies alles darüber, wie Du ihn gezielt einsetzen oder vermeiden kannst.

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Wie klingt der Nahbesprechungseffekt?

Der Nahbesprechungseffekt ist ein akustisches Phänomen beim Einsatz von Richtmikrofonen (siehe unten). Ab einer gewissen Nähe der Schallquelle werden die tieffrequenten Anteile dominanter. Die Pegelanhebung im Bassbereich kann je nach Mikrofon bis zu 18 Dezibel betragen.

In der Praxis beginnt der Effekt meist bei etwa 60 cm zu wirken und tritt spätestens bei 20 bis 10 cm sehr deutlich zutage.

Andere Begriffe für Nahbesprechungseffekt

  • proximity effect (engl.)
  • Naheffekt
  • Nahheitseffekt

Im nachfolgenden Klangbeispiel hörst Du den Nahbesprechungseffekt bei einem Großmembran-Kondensatormikrofon mit der Richtcharakteristik Niere. Dabei haben wir die Lautstärke der einzelnen Segmente nachträglich aneinander angeglichen, um den Effekt besser zum Vorschein zu bringen:

Bei welchen Mikrofonen tritt dieser Effekt auf?

Der Nahbesprechungseffekt entsteht bauartbedingt bei Mikrofonen mit Richtwirkung, sogenannten Druckgradientenempfängern. Das gilt für Kondensatoren, Bändchen oder dynamische Modelle. Diese Richtmikrofone haben eine der folgende Richtcharakteristika:

  • Niere
  • Keule/Superniere
  • Hyperniere
  • Acht

Wenn das Mikro keine Richtwirkung aufweist, tritt kein Nahbesprechungseffekt auf. Das gilt für alle Modelle mit Kugelcharakteristik.

Tipp: Je stärker die Richtwirkung, desto stärker der Nahbesprechungseffekt. Insbesondere Mikrofone mit einer Achtercharakteristik weisen einen starken Proximity-Effekt auf.

FAQ: Nahbesprechungseffekt

Nahbesprechungseffekt beim dynamischen Mikrofon Shure Beta 58A (Superniere)

Ist das gut oder schlecht?

Ob der Nahbesprechungseffekt positiv oder negativ zu bewerten ist, kommt auf deinen persönlichen Geschmack und die klanglichen/musikalischen Vorstellungen für das jeweilige Projekt an. Wer auf der Suche nach einer angenehm tieftongesättigten »Radiostimme« ist, wird hier fündig.

Grundsätzlich gilt, dass der Effekt ein probates Mittel für einen »wärmeren« Sound darstellt – Instrumente und Stimmen klingen voller, satter, »luxuriöser«.

Combo-Gitarrenamps bzw. Gitarrenboxen erscheinen mit relativ nah davorstehenden Mikrofonen fülliger. Aus männlichen Stimmen kann noch eine Menge herausgeholt werden, auch wenn sie von Natur nicht zum Kaliber eines James Earl Jones oder Barry White zählen.

Zuviel ist zuviel

Man kann es aber auch leicht übertreiben. Durch zu viel Bass kann die Sprachverständlichkeit leiden. Zudem wird der gesamte Mix dadurch womöglich undifferenziert und schwammig, da diese Frequenzen eher dem E-Bass und der Bass Drum vorbehalten bleiben sollten.

Dementsprechend empfiehlt sich der bewusste Einsatz des Nahbesprechungseffekts eher bei diesen Instrumenten und beim Kontrabass sowie dünnen Stimmen.

Richtig problematisch wird das Ganze, wenn ein ganzer Mix mit close Miking und damit einem entsprechenden Nahbesprechungseffekt aufgenommen wurde. Bei der Vielzahl der Spuren summiert sich der Effekt und ist nachträglich kaum noch herauszubekommen.

Ferner kann der starke Pegelanstieg des Signals im Zuge des Nahbesprechungseffekts zu unnötigen Übersteuerungen (Clipping) führen.

Video über den Nahbesprechungseffekt (englisch)

Wie kann ich den Nahbesprechungseffekt abschwächen?

1. Entfernung zum Mikrofon vergrößern

Die Distanz zwischen Schallquelle und Mikro zu vergrößern, ist sofort, ohne zusätzliche Hilfsmittel und mit jedem Mikrofon möglich.

Beachte jedoch, dass dadurch der Raumklang (Hall) in der Aufnahme präsenter wird, vor allem bei schlecht optimierter Raumakustik und entsprechend stärkeren Reflexionen von Wänden, Decke, Boden und Gegenständen. Außerdem verringert sich der Pegel und möglicherweise musst Du die Vorverstärkung weiter aufdrehen, was im Extremfall zu spürbar mehr Rauschen führt.

2. Low-Cut-Filter aktivieren

Mit einem Low-Cut-Filter (Hochpassfilter) kannst Du den Nahbesprechungseffekt abschwächen oder komplett eliminieren, ohne dass es zu sonstigen Klangänderungen kommt.

Hier gibt es Unterschiede in der Praxistauglichkeit von Mikrofon zu Mikrofon oder Vorverstärker zu Vorverstärker – manche filtern etwas zu viel, andere etwas zu wenig Bass heraus. Weiterhin hängt die Tauglichkeit eines bestimmten Filters stark von der jeweiligen Stimme bzw. dem Instrument ab.

Einen Freifahrtschein für den Einsatz eines Hochpassfilters zur Abschwächung des Nahbesprechungseffekts können wir also nicht geben, doch als Option solltest Du ihn definitiv im Auge behalten. Mikrofone mit variabel einstellbarem Filter (z.B. das AKG C414 XLS) sind naturgemäß im Vorteil.

3. Richtcharakteristik wechseln

Wie bereits erwähnt, wird der Nahbesprechungseffekt bei einer stärkeren Richtwirkung intensiver. Da nun viele Mikrofone die Möglichkeit bieten, mehrere Richtcharakteristika einzustellen, kannst Du den Nahheitseffekt peu à peu reduzieren, indem Du dich in dieser Reihenfolge vortastest: Acht -> Hyperniere -> Keule bzw. Superniere -> Niere -> Kugel.

Aber Vorsicht, durch die geänderte Empfindlichkeit für Klänge aus bestimmten Winkeln werden eventuell auch Geräusche (stärker) aufgeschnappt, die unerwünscht sind – einfaches Beispiel: die Niere blendet „hinten“ fast alle Geräusche aus, die Kugel jedoch nicht.

Wie kann ich den Nahbesprechungseffekt verstärken?

Nun, indem Du genau das Gegenteil von dem tust, was im vorigen Abschnitt geschildert wurde. ;) Also: Noch näher an das Mikrofon gehen, den Low-Cut-Filter deaktiviert lassen (bzw. auf eine niedrigere Grenzfrequenz/Absenkung einstellen) oder eine stärkere Richtwirkung wählen, im Extremfall die Achtercharakteristik.

Wo nichts ist, kann nichts verstärkt werden

Ein Hinweis aus unseren Equalizer Tutorials, der auch hier gilt: Wenn ein Instrument im Bassbereich (so gut wie) nicht präsent ist, wirkt sich der Nahbesprechungseffekt entsprechend schwach oder gar nicht aus. Extrembeispiel: eine Triangel. Bei Stimmen ist jedoch fast allen Menschen ein gewisses Tieftonpotential eigen, bei Männern natürlich mehr als bei Frauen.

Fazit zum Nahbesprechungseffekt

Der Nahheitseffekt kann hochwillkommen sein, um Stimmen und Instrumenten mehr Kraft, Wärme und Fülle zu verleihen. Andererseits ist dieses Phänomen von Richtmikrofonen mit Vorsicht zu genießen, denn bei übertriebenem Einsatz geht die Sprachverständlichkeit baden oder der gesamte Mix wird zu breiig.

Die geschilderten Methoden zur Abschwächung oder Verstärkung des Nahbesprechungseffekts lassen sich natürlich kombinieren. Dabei gilt wie immer: Nimm dir Zeit und experimentiere. Bald machst Du deine ganz eigenen Erfahrungen, um alles aus deinem Mikrofon herauszuholen.

Viel Spaß!

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