FAQ: Akustisches Übersprechen bei der Mikrofonaufnahme

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FAQ: Akustisches Übersprechen bei der Mikrofonaufnahme

Akustisches Übersprechen – alles, was Du wissen musst | Bild: Travis Estell [Ausschnitt, CC BY-NC-SA 2.0]

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Was ist akustisches Übersprechen?

In diesem Artikel geht es um akustisches Übersprechen, das bei der Mikrofonierung (Mikrofonaufnahme) auftritt. Ein Mikrofon nimmt unerwünschter Weise nicht nur den Klang der eigentlichen Schallquelle auf, sondern zusätzlich den Schall einer weiter entfernten Klangquelle mit auf.

Typisches Beispiel beim Schlagzeug aufnehmen: Das Mikrofon an der Snare Drum nimmt zusätzlich auch Teile der Becken und/oder der Kick Drum mit auf.

Der Begriff taucht auch mit anderen Attributen bzw. in Abwandlungen (»Fernübersprechen«, »Fremdübersprechen« etc.) in der Elektrotechnik, Nachrichtentechnik, Telefonie & Co. auf. Dabei werden vom Prinzip her ähnliche Effekte beschrieben. In diesen Zusammenhängen kommt allerdings eher der Terminus »Nebensprechen« bzw. das englische »crosstalk« zum Einsatz.

Deutsch:

  • (Akustisches) Übersprechen

Englisch:

  • bleed, bleeding
  • leak, leaking, leakage
  • spill [Verb oder Substantiv], spillage

Wann kommt es zu Übersprechen?

Das akustische Übersprechen ist immer dann zu hören, wenn Musiker zeitgleich aufgenommen werden. Beispielsweise weil die Band den Song gemeinsam im Proberaum aufnimmt. Auch bei der Aufnahme von Schlagzeug tritt dieses Phänomen auf: die Mikrofone nehmen nicht nur den Schall der Trommel auf, zu der sie gestellt wurden – sie nehmen auch alle anderen Trommeln und Becken mit auf.

Audiobeispiel: Snare Drum

Ein weiteres typisches Beispiel: Bei einer Jazz-Session fängt das Pianomikrofon den je nach Raumakustik mehr oder minder verhallten, dumpfen Sound des Schlagzeugs mit ein. Das Pianomikrofon fungiert quasi als »Raummikrofon für die Drums«.

FAQ: Akustisches Übersprechen bei der Mikrofonaufnahme

Akustisches Übersprechen, hier bei der Aufnahme von Piano und Drums im selben Raum

Ein ebenso typisches Szenario: Das Vocal Recording, bei dem der Künstler einen (halb-)offenen oder generell einen unzureichend abdichtenden Kopfhörer nutzt. Aus diesem tritt dann das Playback/Monitoring-Signal aus – wenn das Mikrofon eine halbwegs hohe Empfindlichkeit aufweist, sind die entfleuchten Kopfhörerklänge in der Aufnahme deutlich zu hören, zumindest während leiserer Passagen oder Pausen.

Wie klingt Übersprechen? Welche Probleme kann es verursachen?

Durch akustisches Übersprechen sind die Instrumenten- bzw. Stimmensignale nicht sauber voneinander getrennt. Je nach Grad kann es beim Abmischen im Tonstudio bzw. teils auch für den Live-Sound problematisch werden.

Steht der Gitarrist in der Nähe der Drums, so wird beim Mixdown die Gitarre automatisch lauter, wenn das Schlagzeug lauter gezogen wird.

Außerdem unterscheidet sich der Klang erheblich im Vergleich zu einer Schallquelle, die direkt und aus geringer Entfernung mikrofoniert wird. Im Detail:

1. Generell unsaubere, nicht isolierte Spuren

Durch das Übersprechen gibt es im übertragenen Sinne ein gewisses »Hintergrundrauschen«. In der Praxis wird das Mixing schwierig, wenn auf einer Spur nicht ausschließlich ein bestimmtes musikalisches Element erklingt. Je besser eine isoliert eine Spur ist, desto einfacher gestaltet sich die Audiobearbeitung für den Mixdown.

2. Dumpfer und verhallter Klang

Das übersprochene Signal im Hintergrund ist nicht einfach nur eine leise Version des Signals, das bei einer Nahabnahme der entsprechenden Schallquelle entstehen würde. Im Detail:

Viele Mikrofone weisen richtungsabhängige Unterschiede in der Empfindlichkeit und im Frequenzgang auf. Wenn Du etwa ein Mikro mit Nierencharakteristik nutzt und die Quelle des Übersprechens »im Rücken« der empfohlenen Einsprechrichtung liegt, weicht die Klangfarbe stark vom neutraleren Ideal ab – vor allem Höhen und Bässe werden reduziert. Siehe auch:

» Richtcharakteristik: Mikrofon Knowhow (mit Video)

Oft noch deutlich dominanter ist der im Vergleich zum Direktschall gestiegene Hallanteil des übersprochenen Signals. Ein Effekt, der mit wachsender Entfernung zwischen Schallquelle und Mikrofon unweigerlich zunimmt und damit besonders beim Übersprechen zutage tritt.

3. »Dünner«, »hohler« Sound durch den Kammerfiltereffekt

Führen wir uns noch einmal das typische Szenario vor Augen: Ein Mikrofon A ist hauptverantwortlich für die Aufnahme eines Instruments, doch gleichzeitig wird dieses Instrument über ein weiter entferntes Mikrofon B mitaufgezeichnet. Durch die verschiedenen Distanzen zur Quelle ergeben sich sogenannte Laufzeitunterschiede – das übersprochene Signal kommt später bei Mikrofon B an als das Hauptsignal bei Mikrofon A.

» FAQ: Was ist der Kammfiltereffekt?

Wenn man nun in der DAW die Signale von Mikrofon A und Mikrofon B mischt, kann es zum sogenannten Kammfiltereffekt kommen. Der äußert sich meist in einem merkwürdig dünnen, kraftlosen Sound.

Übersprechen reduzieren oder komplett verhindern

Die folgenden Maßnahmen sind nach Bequemlichkeit sortiert – die einfachsten und günstigsten Methoden kommen zuerst. So kannst Du dich gegebenenfalls Schritt für Schritt nach unten durcharbeiten, wenn die ersten Punkte nicht zum Erfolg führen. Natürlich entpuppt sich eine Kombination aus mehreren Methoden oft als die beste Lösung.

Allgemeine Tipps & Tricks

1. Nimm jedes Instrument und jede Stimme einzeln auf

So wird das Übersprechen komplett verhindert. Allerdings leidet die musikalische Performance bei vielen Bands deutlich darunter, wenn jeder nacheinander seinen Part abspult.

Als Kompromiss bieten sich zwei Aufnahmesessions an – zuerst alle vergleichsweise lauten Schallquellen, dann alle leisen. Letztere brauchen nämlich mehr Vorverstärkung, wodurch das Übersprechen von lauten Quellen umso dramatischer ausfallen würde.

In der Praxis könnte diese Methode so aussehen: Erst die Rhythmussektion (Drums, Bass, E-Gitarre und Keyboards) aufnehmen und im Anschluss die Akustikgitarre, Soli, Vocals etc.

2. Verringere die Entfernung des Mikrofons zur erwünschten Schallquelle

Schlicht, sofort umsetzbar und manchmal schon ausreichend – der Direktschall wird relativ zum Übersprechen lauter, wodurch Letzteres später beim Mixen weniger problematisch wird.
Bedenke, dass es bei Mikrofonen mit Richtwirkung (siehe Methode 4 ↓) zum sogenannten Nahbesprechungseffekt kommt. Geringe Abstände zur Mikrofonkapsel (meist <20 cm) lassen den Sound womöglich unnatürlich basslastig werden. Andererseits kannst Du das zu deinem Vorteil nutzen – durch die ausgleichende Bassabschwächung per EQ (siehe Methode 8 ↓) kann das Übersprechen eventuell noch weiter abgeschwächt werden.

3. Vergrößere die Entfernung des Mikrofons zur Quelle des Übersprechens

Hier reduzierst Du das Übersprechen direkt. Eine Kombination mit Methode 2 ist zu empfehlen – im Idealfall bist Du schon mit diesen beiden Arbeitsschritten gut bedient. Ganz ohne materiellen, finanziellen und zeitlichen Mehraufwand.

FAQ: Was ist der Kammfiltereffekt?

Experimentiere auch mit der 3:1-Regel, wobei Mikrofon B mindestens dreimal so weit von der Schallquelle entfernt sein sollte wie Mikrofon A.

Dieses Abstandsverhältnis ist freilich nur als Orientierungshilfe zu verstehen – hör stets, ob dennoch der »dünn« und »hohl« klingende Kammfiltereffekt auftritt und verringere oder vergrößere den Abstand langsam, bis der Effekt verschwindet.

4. Nutze (mehr) Mikrofone mit Nieren-, Supernieren- oder Hypernierencharakteristik

Mikrofone dieser Art sind unempfindlich(er) für Schall, der von den Seiten oder hinten kommt. Wenn Du noch im Findungsprozess vor dem Kauf eines neuen Mikros bist: In fast allen Preisklassen gibt es Studio-Mikrofone, die über einen kleinen Schalter zum Wechsel zwischen mehreren Richtcharakteristika verfügen.

5. Nutze Akustikwände (»Gobos«) oder Plexiglas-Trennwände

Diese Utensilien dienen als akustische Barriere zwischen den verschiedenen Schallquellen im Aufnahmeraum. Je schwerer die Trennwand, desto tiefer die Frequenzen, die sie dämpfen kann.

FAQ: Akustisches Übersprechen bei der Mikrofonaufnahme

Eine provisorische Kabine aus drei mobilen Trennwänden (»Gobos«) | Bild: Jonfreeman1 [CC BY-SA 4.0]

Ein praktischer Kniff: Der geöffnete Deckel eines Flügels kann provisorisch als Gobo fungieren.

6. Reduziere die Schallreflexionen des Aufnahmeraums

Eine gute Raumakustik sorgt naturgemäß für weniger Übersprechen – es besteht schließlich zu einem großen Teil aus dem Nachhall des Aufnahmeraums, der durch eine Optimierung der Raumakustik erheblich gedämpft werden kann. Diese Maßnahme ist alles andere als trivial, was die Planung sowie den zeitlichen, finanziellen und logistischen Aufwand betrifft, doch gehört sie ohne jeden Zweifel in unsere Liste.

7. Nimm in getrennten Aufnahmeräumen auf

Sofern die Räumlichkeiten deines Homestudios es hergeben, sind getrennte Räume zur gleichzeitigen Aufnahme unterschiedlicher Instrumente/Stimmen eine perfekte Lösung. Stelle sicher, dass sich die Künstler gegenseitig per Kopfhörer im Ohr haben (per Kopfhörerverstärker mit mindestens zwei Ausgängen). Sonst könntest Du ja auch gleich auf Methode 1 ↑ zurückgreifen.

8. Beschneide »klangfremde« Frequenzen per EQ/Filter

Senke Frequenzbereiche ab, die im erwünschten Signal ohnehin nicht bzw. kaum vertreten sind. Beispielsweise kannst Du beim Signal eines Bass-Drum-Mikrofons die hohen und bei einer Piccoloflöte wiederum die tiefen Frequenzanteile abschwächen. So besteht die Chance, dass das Übersprechen zumindest teilweise unterdrückt wird.

Tipps für bestimmte Instrumente

9. Schlagzeug – Mikrofonposition und -richtung ändern + Minitrennfläche aus Pappe

Die Platzierung des Mikrofons unter dem Ride-Becken kann das Übersprechen verringern, das von den anderen Schlaginstrumenten kommt. Nebenbei wird dadurch auch der Blick auf das Schlagzeug freigelegt – auf Fotos und Videos sieht das einfach besser aus.

Besonders beim Hihat-Mikrofon lohnt sich eine Ausrichtung weg von der Snare Drum, damit deren Signal nicht so stark miteingefangen wird.

Wenn das Mikro, das durch das Loch im Fell deiner Kick-Drum gesteckte wurde, zum Schlägel hin ausgerichtet wird, zeigt es gegebenenfalls auch zur Snare Drum. Um nun weniger übersprechenden Schall von der Snare zu bekommen, drehst Du einfach die ganze Trommel bzw. das Fell um 180° um die eigene Achse … und damit das Loch auf die andere Seite. Knackpunkt: Durch die Neuausrichtung des Mikros zum Schlegel wendest Du es gleichzeitig von der Snare ab – Problem gelöst.

Unser letzter Trick in Sachen Drums mag krude erscheinen, aber er ist erstaunlich effektiv und flink bewerkstelligt: Um das Snare-Mikrofon vom potentiell übersprechenden Schall der Hihat abzuschirmen, nimmst Du einfach ein Stück Pappe (etwa so groß wie ein kleines Taschenbuch) und befestigst es mit Klebeband an der Oberseite des Snare-Mikros. Voilà: eine Minitrennwand.

10. Gitarre & Bass – Zeichne mit DI-Boxen bzw. über hochohmige Eingänge auf

Als Alternative Vertonung per Gitarrenbox + Mikrofonierung bietet sich die Direktaufnahme des elektrischen Signals von E-Gitarre oder E-Bass an. Das eliminiert naturgemäß jegliche Gefahr des akustischen Übersprechens und ist mittlerweile sehr praxistauglich – viele virtuelle Verstärker und Boxensimulationen sind klanglich voll auf der Höhe und mit manchen Audio Interfaces bzw. Plugins ist die Latenz so gering, dass Du diesen Sound beim Monitoring nutzen kannst. Ferner kannst Du das cleane Signal später zum Reamping benutzen.

Für diese Methode brauchst Du entweder eine DI-Box oder einen hochohmigen Eingang an deinem Audio Interface, Mischpult oder sonstigen Recording-Geräten deines Setups. Diese Klinkenbuchse ist oft mit »Hi-Z« gekennzeichnet oder wird in den Produktbeschreibungen schlicht »Instrumenteneingang« genannt.

11. Akustische Gitarren & Bässe – Nutze piezoelektrische Tonabnehmer

Bei Saiteninstrumenten, die keine Verstärkung brauchen – Akustikgitarre, Kontrabass & Co. – kannst Du einen piezoelektrischen Tonabnehmer in Betracht ziehen. Genau wie bei DI-Boxen für E-Gitarre/E-Bass sparst Du dir hier die Mikrofonierung und verhinderst das Übersprechen durch Schallquellen in der Umgebung vollständig.

12. Vocals – Verwende geschlossene Kopfhörer beim Recording

Wie oben angedeutet, sind geschlossen konstruierte Kopfhörer ein Muss beim Aufnehmen von Gesang, Rap, Sprache und sonstiger Stimmkunst. Mit solchen Modellen wird das Abhörsignal bzw. unterstützendes Playback nicht zu laut aus den Ohrmuscheln nach außen dringen und vom Mikrofon wiederaufgeschnappt wird.
Ansonsten bleibt dir immer noch, die Abhörlautstärke im Kopfhörer leiser zu stellen.

»Fit it in the mix« – eher eine Notlösung

Die bis hierhin geschilderten Methoden gelten für den Prozess des Recordings – es sind Arbeitsschritte, die vor der Aufnahme getätigt werden müssen und während dieser ihre Wirkung entfalten.

Doch Du kannst auch nachträglich Hand anlegen. Beispielsweise lässt sich per Audio-Editor oder DAW ein EQ wie in Methode 8 verwenden oder ein Gate nutzen, um die leisen Signalanteile des Übersprechens zu unterdrücken – dabei werden aber immer auch die leisen Anteile des erwünschten Signals (Abklingen und Nachhall) in Mitleidenschaft gezogen. Außerdem solltest Du bedenken, dass ein Kompressor, der auf dem Drum-Bus wirkt, das Übersprechen stärker zum Vorschein bringt.

Übersprechen für lebendigen Sound einsetzen

Bleeding stellt bis zu einem gewissen Grad kein Problem dar. Es kann sogar sehr wünschenswert sein. So sorgt das Übersprechen oft für einen sehr lebendigen, luftigen, authentischen Touch – der im nahmikrofonierten Klang kaum hörbare Raumhall eines Instruments oder einer Stimme wird durch das weiter entfernte Mikrofon aufgeschnappt und kommt beim Mix dieser beiden Signale zum Vorschein.

Das ist zum Beispiel ganz vortrefflich für die Abnahme von Schlagzeugen oder generell von Klassik-, Jazz- und Blues-Ensembles. Immer dann, wenn ein gewisses Live-Feeling sehr erwünscht ist.

In den Audiodateien, die im Zuge unseres Tutorials zur Schlagzeugaufnahme entstanden sind, hörst Du das Übersprechen von Trommeln und Becken sehr schön:

» Drum Recording Tutorial: Video Workshop Schlagzeug aufnehmen

Fazit zum Übersprechen

Wer das Bleeding eindämmt, erhält sauberere Aufnahmen, bei denen das jeweils erwünschte Instrument/Vocal im Vordergrund steht und sonst (fast) nichts zu hören ist. Derart isolierte Spuren erleichtern das zielgerichtete Abmischen ungemein – Du musst dich nicht mit Phasenauslöschungen herumschlagen, Effektgeräte/Plugins werden nicht durch Hintergrundgeräusche aus dem Konzept gebracht und Du kannst auf Notbehelfsmaßnahmen wie Noise-Gates verzichten. In diesem Artikel findest Du sämtliche Methoden zur Reduzierung oder Verhinderung des Übersprechens.

Andererseits kann dieser Effekt auch sehr willkommen sein, schließlich wird dabei der Raumklang einer Schallquelle eingefangen, der im direkt mikrofonierten Signal kaum zu hören ist. Der Mixdown klingt lebendiger und wirkt räumlicher, ein gewisses Live-Feeling stellt sich ein.

Welche Erfahrungen hast Du mit dem Übersprechen gemacht? Hast Du Ergänzungen oder Korrekturen für unsere Tipps zum Reduzieren des Bleedings parat? Wir freuen uns sehr über dein Feedback!

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