Sprich dich aus: Was ist dran am Vintage-Hype?

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Umfrage: Sprich dich aus

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Was ist dran am Vintage-Hype?

Als Musikjournalist ist man oft davon umgeben. Vintage hier, Vintage da, Vintage dort. Abgesehen von unserem Sennheiser MD 421 mit Tuchelstecker und unserem geliebten Neumann U 87 Ai (dürfte allerdings vom Baujahr her nicht Vintage sein) bin ich noch nicht in Kontakt mit derart altem Equipment gekommen. Für delamar teste ich eben nur neue Produkte und privat bin ich nicht bereit, die teils absurden Summen für einen analogen Synth oder sonstiges staubiges Gelöt von anno dazumal hinzublättern. Daher noch einmal die Frage an dich, lieber Leser: Hast Du Erfahrungen mit Vintage-Equipment? Siehst Du dich imstande, zu beurteilen, ob früher mehr Wert auf Verarbeitungsqualität und gediegenen Klang gelegt wurde?

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Also dann, liebe delamari, ölt die Tastatur, lasst die Fingerknochen knacken und ab die Post! Wir sind gespannt auf deine Sicht der Dinge und würden uns sehr freuen, wenn Du unsere Kommentarbox damit fütterst. Sie hat schon wieder mächtig Kohldampf! :)

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Lesermeinungen (8)

zu 'Sprich dich aus: Was ist dran am Vintage-Hype?'

  • Jay   29. Jan 2015   09:50 UhrAntworten

    Schon hundertmal diskutiert, aber immer aktuell. Gibt für mich drei Parameter, die eine Rolle spielen:

    1. Der Trend. Wenn du Vintage-Musik machen willst im Stil der 70er/80er, wirst du sicher mit Geräten, die den damaligen Sound erzeugten, bessser bedient sein als mit neuen Synths, die für z. B. aktuellen Kommerztrance geschaffen wurden (klanglich gesehen). Ein Waldorf Microwave kriegt nun mal Sounds hin, die ein Sylenth von Lennar aus meiner Sicht nicht so hinbekommt - und umgekehrt. Deswegen ist keiner "schlechter" als der andere.
    Klar, du kannst auch mit "modernen" Synths durch Schrauben Vintage-Klänge hinbekommen. Aber eben nicht so gut, wie ich finde, da doch viele Geräte einen speziellen, eigenen Charakter haben, der nur sehr schwer "nachzubauen" ist. Auch wenn es im digitalen Bereich Produkte gibt, die da schon weit vorne sind wie z. B. die MiniMoog-Emulationen von Gforce und U-he.

    2. Die Arbeitsweise. So ein Gerät vor sich zu haben und direkt und ohne Menü-Geklicke Klänge zu erzeugen, ist für viele nach wie vor eine geile Geschichte, auch für mich als Klaviermann und Keyboarder. Ich komm da schneller und viel intuitiver zum Ziel als wenn ich erstmal ein Menüstudium betreiben muss, bevor was rauskommt. Aber das ist eine Geschmacks- und Gewohnheitsfrage. Dass es ein Nachteil ist, wenn an einem Hardware-Synth älterer Bauart was defekt ist und dann die Ersatzteilfrage zum Problem werden kann, will ich nicht verschweigen. Aber es gibt ja eine Commu(siker)nity, wo man sich gern hilft:)

    3. Der Zeitdruck beim Produzieren. Wenn man sagen wir mal Minimaltracks macht, die schnell rauskommen sollen und es nur darum geht, die gereifte Idee umzusetzen, kann es natürlich von Vorteil sein, in die Samplekiste zu greifen und alles digital in Ableton und Co. zu machen. Das in nem Moog Voyager zu machen, kann sogar nachteilig sein. Das klingt auch keineswegs schlechter. Ist dann halt nicht Vintage;-)

  • Max   29. Jan 2015   10:25 UhrAntworten

    Für mich persönlich ist ein Großteil des Themas mit einer Sache erschlagen: wir wollen Seele in unserer Musik haben. Das was uns an einem Lied genau hinhören lässt. Das Gegenteil von Radiomusik im Wartezimmer. Und wir versuchen die Wege zu ergründen die die Seele nimmt auf dem Weg durch unser Ohr in unser Herz. Wir versuchen das intellektuell mit dem Kopf zu erfassen. Unser Gehirn sucht nach einem möglichst sicheren reproduzierbarem Weg, diese Seele unserer Musik bei zu mischen. Dabei versuchen wir wie so oft eine an sich lösbare Aufgabe mit dem falschen Organ anzugehen. Unsere Gehirne haben uns sicher sehr viel geholfen auf dem Weg zu immer hochauflösender am detailgetreueren Mikrofonen und Lautsprechern usw. Mehr Seele hat die Musik dadurch aber nicht bekommen.
    Auch wenn das vielleicht ein bisschen am Thema vorbeizuziehen scheint als ich es doch für bedeutsam. Am Ende entscheiden wir über guten Sound doch mit dem Bauchgefühl. Und der Bauch ist nicht dafür Gemacht, alters zu verstehen was ich viele Gehirne gemeinsam aus zu denken vermögen.
    Bei den teilweise extremen Auswüchsen dir unser Markt wachsen lässt finde ich es auch in der Musikbranche wichtig auf dem Teppich zu bleiben. Vieles ist mit Sicherheit Nice to have, aber ich halte es für den falschen Ort um danach zu suchen die man die Seele in die Musik bekommt

    • Wirgefuehl   29. Jan 2015   15:01 UhrAntworten

      Zu dem, was Du so geschrieben hast kann ich Dir das Buch "Das wohltemperierte Gehirn" wärmstens empfehlen. Darin geht es u.a. um das "Verständnis" von Musik, warum uns ein Track emotionale Höhenflüge beschert, ein anderer Lärm für uns ist und wie Kopf und Bauch dabei zusammen arbeiten...

      Und hör dir gern mal unsere Musik auf Soundcloud an - wir versuchen uns an elektronischer Musik mit Gefühl, wobei wir sowohl analog/vintage als auch out-of-the-box arbeiten, je nach Zeit und Laune.

      Wie Jay schon schrieb, Klang ist das Eine, die Haptik das Andere. An nem originalen Korg MS-20 zu schrauben und stecken ist schon gefühlvoller, als an so nem Plastik-Nachbau.
      Es ist auch eine Frage nach der Motivation des Produzierenden: Will man schnell den Track fertig bekommen - oder musiziert man aus Spaß an der Freude?

  • Jay   29. Jan 2015   12:13 UhrAntworten

    Das stimmt, klarer Fall. Ich denk mal, du willst damit sagen, dass oft weniger mehr ist. Ist auch so. Man kann auch Musik machen, indem man mit nem Löffel an die Laterne haut. Aber eben weil wir heute eine ungeheure Vielfalt sprich unterschiedliche Sounds und Nuancen in der Musikgeschichte haben, hat sich das Gehör auch an diese gewöhnt (insgesamt gesehen). Und das führt wieder dazu, auf unterschiedliche Klangerzeugern zu greifen. Das einen dabei nicht der Markt per se, sondern das "Musikgefühl" regieren soll - da hast du mehr als recht.

  • Carlos San Segundo (delamar)   29. Jan 2015   13:04 UhrAntworten

    Ich frage mich ja, wie lange es dauern wird, bis der Vintage-Hype wieder aufhört. Die Bequemlichkeit in-the-box zu arbeiten hat mich schon oft davon abgehalten, richtig coole Hardware in meinem Studio zu nutzen.

    Aber alte analoge Geräte haben durchaus ihren Reiz...

  • Jay   29. Jan 2015   14:00 UhrAntworten

    Gibt noch einen letzten Aspekt, den hab ich vorhin vergessen:
    Einer will nen fetten Track machen mit fetter Kick und fettem Bass. Er nimmt nun einen analogen "satt klingenden" Synth und kriegt Bass und Kick super hin. Mit dem Analyzer stellt er aber fest, dass für den "Rest" im Track kein Platz mehr ist und letztendlich das "Fette" nicht zum Rest passt. Nun muss er mit EQ und Co. die Kick und den Bass so nachbearbeiten bzw. die überschüssigen Frequenzen wieder rausnehmen, dass es zusammenpasst. Aus meiner Sicht ist es da besser, einen anderen Synth zu nehmen, der von vornherein weniger "fett" Kick und Bass raushaut. Damit kann man sich viel Arbeit am Ende ersparen. Umgekehrt kann man sich das "Andicken" eines Sounds viel leichter machen, wenn man das, was "dick" klingen soll, auch gleich von Geräten nimmt, die so klingen. Das setzt aber voraus, seine Synths sehr gut zu kennen und zweitens immer im Gesamtkonzept zu arbeiten. Ich z. B. versuche, nie nur spurbasiert zu denken, sondern eine ungefähre Vorstellung vom gesamten Track zu haben. Danach entscheide ich auch wenigstens grob, welche Synths ich einsetze und reduziere damit den Aufwand. Das ist nur ein Ansatz, andere gehen sicher anders ran. Aber so gesehen können analog und digital auf sinnvolle Weise nebenher eingesetzt werden. Imho kriegt man satte Grundsounds analog besser hin, PlugIns klingen dafür im Höhenbereich luftiger. Das ist natürlich nur ein Grobraster und keinesfalls letzte Wahrheit.

  • P.Chris   30. Jan 2015   11:50 UhrAntworten

    Vintage ist für mich vor allem eines:
    Einstöpseln, Einschalten, Loslegen !
    Keine PC-Installationen, nervige Registrierungsprozesse, Konfigurationen, Plug-In Zuweisung und Aktivierung etc.

    Belohnt wird man mit Authentizität !
    Es ist doch derlei Tage kein technisches Problem mehr, brillantesten Klang und höchste HiFi-Gipfel zu erstürmen, wenn man elektronische Musik macht.
    Umgekehrt ist es im digitalen Gefilde mit softer Ware sehr schwierig, bzw. sehr aufwändig, nötigen Schmutz, Ungereimtheiten,non-perfekten Sound usw. zu emulieren.

    Es gibt durchaus gute Soundlibraries und Plug-In`s mit denen sich gute Ergebnisse erzielen lassen, aber meist fehlen immer irgendwo die letzten 10 Prozent von denen man sagen kann:"Jawoll, das klingt absolut überzeugend und wirklich Vintage !"

    Glücklicherweise hat man in den letzten Jahren bei der Entwicklung diverser virtueller Instrumente und Effekte den Vintage Hype berücksichtigt und daraus geschlossen, das die Leute wieder vor allem eines wollen: Besonderen Klangcharakter !

    Es war doch lange Zeit egal, ob man sich jenes oder dieses Plug-In zulegte, denn sie klangen durch die Bank weg mehr oder weniger alle gleich. Sie klingen für sich alle zwar hoch professionell, aber man klingt halt auch so wie jeder andere Musikschaffende auch.

    Durch den Vintage Hype ist man in der Entwicklung mehr und mehr dazu übergegangen, virtuelles wieder mit eigenen Klangcharakter und Charme zu entwickeln und das kann ich nur begrüßen.
    Nichts klingt für mich grauenhafter wie der Einheitsbrei zwingend radiotauglicher Plastiksounds, insbesondere in der E-Musik.

    Ich muss manchmal so manchen Soundschrauber an seinem Synth oder Beatmaker an seiner Maschine belächeln, der drei Stunden lang an einer Welle oder Groove schraubt und dann meint, er hat den ultimativen "Peep" oder fettesten Beat gefunden, weil er es dennoch nicht fertig gebracht hat, seinen Song dabei auch noch lebendig klingen zu lassen, sondern einfach grauenhaft quantisiert, lieblos statisch und aus der Box klingt...und das selbst nicht hört, bzw. fühlt.

    Insoweit verbinde ich Vintage auch vor allem mit einem Anspruch der Lebendigkeit.
    Weil eben nicht alles perfekt klingt und nicht immer perfekt sitzt und sitzen darf, da der authentische Vintagesound nicht nur vom Sound alleine lebt, sondern auch vom nicht super perfekten Timing, kleine Fehler, Schwankungen etc.

    • Beatpresse   12. Feb 2015   12:01 UhrAntworten

      Hallo P.Chris,

      was verstehst Du unter Lebendigkeit?

      Weil, ich erarbeite alles "in-the-box" und habe bis jetzt immer gute Feedbacks bekommen. Besonders viel Zeit investiere ich ins Sounddesign. Dabei orientiere ich mich an HipHop-Classics wie "Vom Bordstein bis zur Skyline" oder den Wu-Tang-Alben.

      Vintage oder VST sehe ich als gleichberechtige Partner in der Suche nach dem eigenen Sound. Mich persönlich schrecken die unkontrollierbaren Aspekte von Vintag-Hardware eher ab sowie die starke Limitierung, besonders älterer Drumcomputer.

      Eine Zeit lang hatte ich einen Moog Voyager, bei dem ich die Haptik liebte. Aber nach dem Mix, dem Einbau der Sounds in den Song, war der klangtechnische Unterschied zwischen Hardware und einem guten VST kaum hörbar. Und für einen eigenen Sound musste ich lange schrauben und schreiben, um den Sound reproduzieren zu können.

      In Recording, Mix und Mastering würde ich sehr gerne auf Hardware zurückgreifen. Aber auch nicht auf Vintage-Teile sondern auf teure, modern produzierte Geräte, wo ich eine Garantiekarte erhalte und Ersatzteile besorgbar sind.

      Ich habe Deinen Eintrag aufmerksam gelesen und komme einfach nicht dahinter was Du unter Lebendigkeit verstehst - ich würde sehr gerne was von Dir hören, um mir ein Bild machen zu können.
      Hast Du eine OnlinePräsenz, wo ich mir Deine Sachen anhören kann?

      Über einen Hinweis oder Link würde ich mich sehr freuen.

      Beste Grüße
      Martin

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