Musik macht doch nicht schlau – Eltern in Aufruhr

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Musik macht nicht schlau

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Macht Musik klüger? Who cares…

Nach Angaben von Samuel Mehr – dem Leiter der jüngsten Studie auf diesem Gebiet – wären 80 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner überzeugt, dass intensives Musizieren die schulischen Leistungen oder die Intelligenz ihrer Kinder erhöhe. Mein Eindruck, dass dies in Deutschland ähnlich aussieht, ist hoffentlich nicht abwegig. Einerlei, es gibt mehr als genug Steppkes, die von eifrigen Eltern (das sind doch die, die man »Overachiever« nennt, oder?) dazu gedrängt werden, ein Instrument oder das Singen zu lernen – die Motivation ist, dass die Knirpse in irgendeiner Art schlauer werden, ihr kognitives Werkzeug erweitern.

Musik macht nicht schlau

Foto: doegox @ Flickr [CC BY-SA 2.0]

Das gehe unter anderem auf den sogenannten Mozarteffekt zurück, der von einer 1993 im Nature-Magazin veröffentlichten Studie postuliert wurde – die musikalisch stärker geübten Testsubjekte hätten demnach in ihren Fähigkeiten der räumlichen Wahrnehmung und Informationsverarbeitung besser abgeschnitten. Doch das wurde bald widerlegt, aber wenn ein Gerücht einmal Fahrt aufgenommen hat und dann durch Hysterie und womöglich noch durch das Prinzip der stillen Post verzerrt wird…

Die bisherigen Studien hätten laut Samuel Mehr zu wenige randomisierte kontrollierte Studien (»RCT« für »randomized controlled trial«, Wikipedia klärt auf) durchgeführt, um eine direkte Kausalität zweifelsfrei feststellen zu können; in den Ergebnissen sei kein Muster zu erkennen gewesen.

Die Forschergruppe um Mr. Mehr führte nun also zwei dieser RCTs mit Vorschulkindern samt ihrer Eltern durch – eine Gruppe nahm an Musikunterricht teil, eine andere konzentrierte sich auf die bildenden Künste und eine dritte hatte schlicht unterrichtsfrei. Nach sechs Wochen wurden die Fähigkeiten der jungen Probanden in vier Disziplinen überprüft: Orientierungssinn bzw. räumliches Verständnis, die Analyse geometrischer Formen, mathematische Fähigkeiten und sprachliche Kompetenzen (Vokabular).

Nachdem man in der erstgenannten Disziplin anfänglich leichte Unterschiede zwischen den musikalisch und den visuell geschulten Gruppen ausmachte, verglich man die musikalisch trainierte mit der unterrichtsfreien Gruppe – in der Kombination der Resultate war alles wieder ausgeglichen. Alle Details der Studie findest Du unter dem am Ende dieses Artikels eingebetteten Link. Oder Du schaust dir dieses Video an:

Ich kann nicht beurteilen, ob diese sechs Wochen überhaupt ausreichend sein können und dem Gehirn die Zeit geben, nennenswerte Änderungen vorzunehmen. Es kann sein, dass die hier und da geäußerte Kritik berechtigt ist, die diesen Zeitraum als deutlich zu knapp erachtet.

Aber wie gut, dass Samuel Mehr am Ende des Videos den auch für meine Begriffe wirklich wichtigen Aspekt anspricht: Es sollte doch bitteschön schnuppe sein, inwiefern die frühkindliche musikalische Übung zu irgendeiner Optimierung des Humankapitals führt. Musik um der Musik willen! Wider die utilitaristische Evaluation der Kunst!

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» Vollständige Dokumentation der Studie bei PLOS ONE

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Lesermeinungen (16)

zu 'Musik macht doch nicht schlau – Eltern in Aufruhr'

  • Lukas Laufenberg   13. Dez 2013   12:12 UhrAntworten

    Ich frag mich bei solchen Studien immer, wer dort eigentlich dafür verantwortlich war, den Begriff "Klugheit" zu definieren.

  • Skellington   13. Dez 2013   12:31 UhrAntworten

    "Utilitaristische Evaluation der Kunst" – sehr schöne, wenn auch etwas gestelzte, Formulierung :)

    Mir geht das auch gegen den Strich, dass alles mögliche, sei es nun Musik oder Sport, immer aus dem Blickwinkel betrachtet wird, ob es den Menschen effizienter macht, wenn er bei Siemens oder Google arbeitet. Das ist letzten Endes inhuman und beinahe schon faschistoid.

    Solche Studien finden glaube ich oft genau unter genau dem Gesichtspunkt statt und werden wahrscheinlich zumindest mittelbar von der Industrie finanziert.

    Abgesehen davon glaube ich, dass es eine Menge sehr fähiger Musiker gibt, die sich nicht unbedingt in irgend einer anderen Disziplin als ausgesprochen brilliant hervortun (um es mal höflich zu formulieren). Man könnte ja auch vermuten, dass Musik das Individuum sozial kompetenter macht, weil Musik ja immerhin oft mit anderen zusammen gemacht oder erlebt wird. Ich glaube, da kennt jeder von uns auch sehr überzeugende Gegenbeispiele ;-)

    Verwandt ist übrigens auch die These, dass Musik und Mathematik irgendwie sehr nah beieinander oder quasi dasselbe seien. Das ist m.E. auch Unsinn. Es gibt in der Musik gewisse Strukturen, die sich mathematisch erklären lassen, natürlich; aber es gibt auch immer wieder Ungereimtheiten und Unerwartetes, und gerade das sind dann die interessanten und relevanten Stellen.

    All diese Interpretationsansätze sind der "modernen" Sichtweise geschuldet, dass sich der rationale Verstand allein mit seinen Bordmitteln ein genaues und vollständiges Bild der Welt machen kann. Diese Sichtweise ist sehr einseitig und lebensfern.

    Insofern, Felix, gebe ich dir vollkommen Recht!

    • Felix Baarß (delamar)   13. Dez 2013   12:38 UhrAntworten

      Call me King of gestelzte Formulierungen, baby! ;) Manchmal geht's mit mir durch.

      • Skellington   13. Dez 2013   12:39 Uhr

        Hast wohl irgendwo heimlich studiert, was? ;-)

  • Andy Meyer   13. Dez 2013   12:40 UhrAntworten

    Ganz genau, Lukas!!! Hätte mich mal interessiert, welche Gruppe die alterierte Scale erkannt hätte󾌩

  • Thomas Nimmesgern   13. Dez 2013   13:48 UhrAntworten

    Diese Studie soll mich ernüchtern?! Moment ... seit wann sind Musiker nüchtern?? ;-)

  • Franz – Hermann Schmidt   14. Dez 2013   10:03 UhrAntworten

    Guten Morgen

    Könnte die gleiche Frage stellen,"Macht Fußball doof"?

    Bin aber kein Psycho Analytiker, um das beantworten zu können.

    Wenn ich aber den Hype manchmal beobachte, kommen mir schon gewisse Zweifel auf , die zum Abnormen tendieren.

    LG Condor

  • Michael Beyer   14. Dez 2013   20:23 UhrAntworten

    Wenn man ein instrument etwa 10stunden lang ernsthaft gelernt hat, wird zumindest mal eine höhere sensibilität im motorischen kortex haben, wenn musik wahrgenommen wird. hinzu kommt eine schnellere interaktion zwischen beiden gehirnhälften. Melodie und harmonie häufiger links, rhythmus eher rechts. Schnellere auffassungsgabe von zeichen (wenn man noten lernt/gelernt hat). Meiner meinung nach werden durch eine musikalische früherziehung nur kognitive voraussetzungen entwickelt, was aber auch bedeutet, dass man das lernen pflegen muss und andere kompetenzen nicht vernachlässigen darf, sonst bringt das alles garnix. Prost und gruß Beyer.

  • Michael Beyer   14. Dez 2013   20:24 UhrAntworten

    Ich meinte natürlich 10000 stunden.

  • Wirgefuehl   16. Dez 2013   13:17 UhrAntworten

    Einer Studie zufolge wirkt unsere Musik ultrazerebral. Die Infra- und Ultra-Frequenzen sind abgestimmt auf die Synapsenschwingungen der Meninx encephali, was dazu führt, dass mit jedem hören eines unserer Tracks sich die beiden halbkugelförmigen Endhirnhälften mehr und mehr verknüpfen. So wurden schon links- zu rechtshändern und umgekehrt!

    • Skellington   16. Dez 2013   13:35 UhrAntworten

      Ja, aber dabei gilt es hinsichtlich der Intstrumentierung folgendes zu beachten: niemals (!!!) eine Blockflöte verwenden. Diese blockiert (daher der Name) aus bislang unerforschten Gründen die entsprechenden Rezeptoren, und der Prozess bleibt gänzlich aus. Die Implikationen dieser Beobachtung für die musikalische Früherziehung sind unvorstellbar.

      • Thomas „thommytulpe“ Nimmesgern   16. Dez 2013   15:23 Uhr

        Hallo!

        Wirgefuehl: Weißt Du vielleicht, welche Studie das genau ist? Das würd' mich mal genauer interessieren.

        * * * * * *

        Skellington: Ist das echt so? Kann gut sein, dass das tatsächlich so ist...mich haut das nur grad vom Hocker, dass Blockflöten eine so einschränkende Wirkung haben. Gilt das nur für Holzblockflöten (also die, die gerade nach unten verlaufen) oder auch für ähnliche Instrumente (Traversflöte, Querflöte, Blasinstrumente mit Kernspalte)?

        Das könnte jedenfalls erklären, warum manche Menschen an Aulophobie leiden: an Angst vor Flöten.
        Ich zitiere mal aus http://www.zehn.de/aulophobie-angst-vor-floeten-879601-7: "Aulophobiker wollen keine Flöte sehen und reagieren mit Angstschweiss auf den ersten Ton."

        Ich hab' das zuerst für 'nen Witz gehalten...aber wenn die von Skellington erwähnte Erkenntnis stimmt, halt' ich diese Aulophobie echt für möglich.

      • Skellington   16. Dez 2013   18:29 Uhr

        Es wird in dieser Reihenfolge schlimmer ("harmloseste" zuerst): Holzblockflöte solo, Plastikblockflöte solo, Holzblockflöten-Ensemble, gemischtes Ensemble, Ensemble ausschließlich aus Plastikblockflöten. Letzteres hat schon manchen Musiklehrer, der in der Kirchengemeinde Dienstags abends (der Dienstag ist besonders gefährlich, auch hier weiß wieder keiner warum, und wird heutzutage gerne gemieden) Kindergruppen unterrichtet, unwiederbringlich in Substanzen-Missbrauch oder Klapsmühle getrieben.

        Querflöten sind legitim, obwohl auch nicht ganz ungefährlich.

        P.S. ich selbst leide an Anatidaephobie. Zum Glück stört das nur selten beim Musikmachen. Lediglich in Parks kann ich nicht spielen.

        http://fuerjacy.blogger.de/static/antville/fuerjacy/images/anatidaephobie.jpg

  • Wirgefuehl   17. Dez 2013   14:26 UhrAntworten

    Thomas, die Studie haben wir selbstverständlich selbst erstellt, denn wir wollten verifikativ auf Nummer sicher gehen. Man weiß ja: traue nie einer Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast... ;)

    Skellington, das schreit ja förmlich nach einem Blockflöten-Track zwecks Konfrontations-Therapie! Brauchen wir nur noch angstfreie Bläser/innen...

    • Skellington   18. Dez 2013   01:27 UhrAntworten

      Ich hab da mal was vorbereitet.

      https://www.dropbox.com/s/7092zj2at9ayn9h/OhDu.mp3

      • Thomas „thommytulpe“ Nimmesgern   18. Dez 2013   13:59 Uhr

        Hallo!

        Oh, verstehe...ich fühle mich tatsächlich auf Anhieb blockiert.
        Und das, obwohl ich früher selber Flötenunterricht hatte (Sporanflöte, Altflöte, manchmal auch Tenorklöte - und sogar in 'nem Flötenensemble).

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