Leitfaden Selbstvermarktung 4: DIY-Vertriebswerkzeuge, Tools (1)

DIY-Vertriebswerkzeuge, Tools (1) – Leitfaden Selbstvermarktung

Basierend auf den gesammelten Ergebnissen unserer Umfrage sollen im Folgenden die verschiedenen Anbieter für Online-Selbstvermarktungs-Tools vorgestellt werden. Um eine bessere Übersicht zu schaffen, gliedern sich die Bereiche grob in:

  • Vertrieb
  • Promotion
  • Merchandise
  • Analysing and Controlling
  • Fundraising

Den Schwerpunkt dieses Leitfadens bilden die Vertriebstools. Die übrigen Werkzeuge sind ebensorelevant, und werden deshalb in den Folgeversionen dieses Leitfadens ausgiebiger gewürdigt bzw. aktualisiert.

Wie kommt die Musik zum Käufer? Im folgenden Abschnitt stellen wir gezielt Anbieter vor, die dafür sorgen, dass Musik den Endkunden erreicht. Ob digital oder in physischer Form, es gibt viele Möglichkeiten. Mit der bereits erwähnten Umfrage haben wir versucht sicherzustellen, dass wir keinen Anbieter außer Acht lassen, der den Musiker von heute interessiert. Ergänzt durch eine intensive Recherche und die Diskussion mit Fachleuten aus der Branche, stellen wir Euch hier die derzeit relevantesten Dienstleister vor (Stand September 2010). Die Auswahl des richtigen Partners für die erfolgreiche Selbstvermarktung ist eine sehr subjektive, von den persönlichen Bedürfnissen abhängige Entscheidung.

 

03.01 Entscheidungskriterien

Die folgenden Kriterien sollen Euch die Auswahl bzw. die Entscheidungsfindung erleichtern.

03.01.01 USA vs. EU

Viele Dienste werden aus den USA angeboten, dort ist die Entwicklung in der Regel etwas weiter. Dabei ist allerdings zu beachten, dass diese Dienste meist auch speziell auf den amerikanischen Markt
ausgerichtet sind.

Veröffentlicht Ihr einen Song über einen amerikanischen Dienst z.B. bei iTunes, ist nicht automatisch gewährleistet, dass er auch in Deutschland verfügbar ist. Versandkosten für physische Produkte (CD, LP, Merch) sind in der Regel auf den Versand innerhalb USA kalkuliert. Dadurch wird das günstige Produkt für die Fans mitunter plötzlich doch teuer oder wegen Zollabwicklung kompliziert und damit möglicherweise unattraktiv. Sollte es zu Streit kommen, ist der Gerichtsstand ebenfalls die USA, was ein erheblicher Kostenfaktor ist.

 

03.01.02 Rechte

Beim Vertrieb über Online-Services ist es im Rahmen der Selbstvermarktung aus unserer Sicht klug darauf zu achten, die volle Kontrolle über seine Rechte zu behalten oder diese nur sehr bewusst abzugeben. Nur wenn Ihr alle Rechte in der Hand habt, könnt Ihr -sobald der richtige Moment gekommen ist- attraktive Verträge mit Verlag und Label schließen.

Es gibt dabei eine Ausnahme, die für alle Dienste gilt: Wer einen Song in die digitale Distribution gibt, muss unterschreiben, dass er dies nur über einen Dienst tut. Das liegt daran, dass die Berechnungssoftware von iTunes, Musicload etc. nicht unterscheidet, ob der Song von Dienst A oder Label B eingestellt wurde, für die Software sind das die gleichen digitalen Daten. Wenn der Song von verschiedenen Anbietern eingestellt wird, gibt das garantiert Abrechnungschaos. Gibt man einen Song in die digitale Distribution, ist daher darauf zu achten, dass man ihn da ggf. schnell wieder rausbekommt (Stichwort Kündigungsfristen“).

Das Kapitel über die unterschiedlichen Rechte im Musikbusiness ist ein sehr komplexes, und da dies kein rechtlicher Leitfaden ist, lautet unser Tipp für Euch an dieser Stelle:
Lest genau durch, worauf Ihr Euch einlasst! Scheut nicht vor kleingedruckten AGBs zurück und fragt lieber nach, bevor Ihr einen Service in Anspruch nehmt.

 

03.01.03 GEMA

Die GEMA ist die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte in Deutschland. Es handelt sich hier um eine sog. Verwertungsgesellschaft. Im wesentlichen achten Verwertungsgesellschaften darauf, dass die Urheber, also Komponisten und Textdichter, angemessen für die Aufführungen ihrer Musikwerke (z.B. live, im Radio oder TV) entlohnt werden. Die GEMA berechnet denjenigen, die GEMA-Repertoire nutzen, eine Lizenzgebühr für die Nutzung und leitet diese nach einem bestimmten Verteilungsschlüssel an die Rechteinhaber, also Komponisten und Textdichter, weiter.

Warum braucht man die GEMA? Nun ja, wenn Ihr einen Hit schreibt, der erfolgreich ist (weil er z.B. häufig und bundesweit im Radio oder in Clubs gespielt wird, Ihr damit TV-Auftritte habt oder auch Euer Video auf Rotation geht), dann wird es Euch wahrscheinlich so gut wie unmöglich sein, an jeden, der Euren Song im Radio/Club/etc. spielt, eine Rechnung zu schreiben. Eine Band allein hat gar nicht die Möglichkeiten, dies zu überwachen, also wird sie Mitglied bei der GEMA und die regelt das für sie. Und das sie das für viele Autoren tut, die alle Mitglieder sind (die GEMA ist ein Verein!), kann sie das mit einem überschaubareren Verwaltungsaufwand tun, als ein Einzelner. Darum nutzen auch alle Verlage, sogar die ganz Großen, die Inkasso-, Abrechnungs- und Verhandlungs-Services der GEMA.

 

Warum braucht ein Künstler evtl. noch keine Verwertungsgesellschaft wie die GEMA?

Da gibt es viele Gründe, u.a.:

  1. Ihr steht noch ganz am Anfang Eurer Karriere, Airplay oder TV-Auftritte liegen vermutlich noch in weiter Ferne.
  2. Ihr tourt eher noch regional statt bundesweit.
  3. Ihr habt noch nicht so viele Fans, die zu Euren Konzerten kommen, und könnt es Euch deshalb nicht leisten, dass Veranstalter Euren Live-Gig ablehnen, nur weil Ihr GEMA-Mitglied seid.
  4. Ihr verkauft Eure Musik NUR über Eure Website oder bei Euren Gigs (wisst also immer, wieviel CDs Ihr habt fertigen lassen oder wieviele Downloads verkauft wurden).
  5. Eure Musik spricht nur eine klar umrissene Zielgruppe an, ist sowieso nicht radio-kompatibel oder TV-tauglich (was im übrigen sicher keine Schande ist!). World Music ist ein gutes Beispiel hierfür.

 

ACHTUNG!

Wenn man einmal GEMA-Mitglied ist, dann bezieht diese Mitgliedschaft sich auf die Verwertung ALLER Werke, bei denen man Urheber ist.
Ergo: Für eine Entscheidung pro oder contra GEMA gibt es leider keine Faustformel. Wir empfehlen deshalb, offen mit der GEMA darüber zu sprechen, ob die Mitgliedschaft wirklich (zu einem bestimmten Zeitpunkt oder generell) für einen selbst sinnvoll ist.

Was heißt dies nun für den Vertrieb im Rahmen der Selbstvermarktung? Wenn Ihr GEMA-Mitglied seid oder plant, Mitglied zu werden, dann solltet Ihr bei der Auswahl eines Vertriebs-Services darauf achten, dass dieser einen Vertrag mit der GEMA hat und mit ihr abrechnet.

Anm. d. Red.:
Ich möchte empfehlen nicht nur die GEMA zu fragen, denn die hat – verständlicherweise – eine sehr subjetive Weise auf die Dinge zu schauen. Zieht lieber auch andere, erfahrenere Musiker heran oder fragt in einschlägigen Foren oder bei uns nach. Abzuwägen wären auch noch folgende Punkte: Wer in die GEMA eintritt, darf nicht mehr alleine über die Verwertung seiner Musik entscheiden. Das Onlinestellen der eigenen Musik auf der Webseite geht dann nur noch in Auszügen oder es werden GEMA-Gebühren fällig. Auch gibt es einige Gig-Locations, die lieber Bands nehmen, die nicht in der GEMA sind. Denn ist die Band in der Verwertungsgesellschaft, so fallen wieder Gebühren an.
Lesermeinungen (4)

zu 'Leitfaden Selbstvermarktung 4: DIY-Vertriebswerkzeuge, Tools (1)'

  • Dave
    09. Nov 2010 | 10:35 Uhr Antworten

    Als Komponiste, der gerade mit der Entscheidung ringt in die GEMA einzutreten, finde ich diese Folge der Reihe besonders spannend.

    Leider enthält die “Anm. d. Red.” m. E. zwei sachliche Fehler:

    1.) Es ist als Kopmonist sehr wohl möglich, eigene Werke online zu stellen, ohne dafür GEMA-Gebühren berappen zu müssen, und das nicht nur auszugsweise. Das ist zwar an bestimmete Bedingungen geknüpft (z.B. darf die Seite in keiner Weise kommerziell sein, man darf also darüber keine CDs o.ä. vertreiben), ist aber prinzipiell möglich.

    2.) Bands können nicht GEMA-Mitglied sein. GEMA-Mitglied können nur Einzelpersonen werden.

    Ansonsten freue ich mich auf jede weitere Folge dieser Serie!

    • Carlos (delamar)
      09. Nov 2010 | 10:41 Uhr Antworten

      Dave, vielen Dank für dein Feedback.
      Natürlich kann eine Band nicht Mitglied in der GEMA sein, sondern immer nur die Personen, die in der Band spielen. Das war einfach eine saloppe Weise das zu umschreiben.

      Bei Punkt 1 ist natürlich zu sehen, dass die nicht-kommerzielle Nutzung einer Webseite für eine Band kaum Sinn macht. Die Webseiten werden meist dazu genutzt, die eigene Musik zu verkaufen. Und wenn wir es schon penibel genau nehmen wollen: Ein Link zu iTunes, ein Banner von Google AdSense, ein Verweis auf einen Ticketanbieter für die eigenen Konzerte, vielleicht auch schon ein Bannertausch mit einer anderen Band – das sind alles Dinge, die als kommerziell ausgelegt werden könnten.

      Da wir hier von Selbstvermarktung sprechen und nicht von Selbstdarstellung gehe ich einfach mal davon aus, dass 98% aller Musiker von der Regelung betroffen sind.

      • Dave
        09. Nov 2010 | 11:04 Uhr

        Carlos, richtig, Deine Einwände sind wiedrum alle berechtigt.

        Eine Anmerkung noch zu den Gig-Locations, die GEMA-freie Musik bevorzugen: Cover-Bands wären dort ebenfalls außen vor.

        Ein solches Geschäftsgebaren von Veranstaltern ist aus mindestens zwei Gründen bedenklich:

        1.) Es verstößt eindeutig gegen das Wettbewerbsrecht bzw. Urheberrecht. Jede Band muss selbst entscheiden, wieviel ihr die Mitwisserschaft bei solchen Gesetzesversößen wert ist. Klar, solange man sich die Gig-Locations nicht aussuchen kann, ist es schwierig. Aber zumindest sollte man den Weg über Solidarität unter BAnds, die in einer solchen KAschemme auftreten, suchen.

        2.) Letzten Endes schneidet sich ein Veranstalter mit solch einer Auslese doch selbst ins Fleisch. Bands, die bereits ein wenig kommerziellen Erfolg haben, können in seinem Schuppen nicht auftreten. Und was sind ein paar GEMA-Gebühren im U-Musik-Bereich gegenüber einem gesteigerten Umsatz bei Eintrittskarten und Getränken?

  • Carlos (delamar)
    10. Nov 2010 | 13:15 Uhr Antworten

    Das Verhalten ist auf jeden Fall bedenklich, keine Frage. Aber hör dich mal um…langfristiges Denken und Planen hat in Deutschland derzeit eher Flaute in der Wirtschaft ;)

Sag uns deine Meinung!